Sowohl die evangelische (links die Stiftskirche in Lahr) als auch die katholische Kirchengemeinde (St. Peter und Paul) verlieren rasant Mitglieder Foto: Köhler

Die evangelischen und katholischen Gemeinden verlieren weiter rasant Mitglieder: Zwar ist die Lage nicht mehr so dramatisch wie etwa im Jahr 2022, dennoch bereiten die Austrittszahlen den Dekanen Sorgen. Wie wollen sie gegensteuern? Unsere Redaktion hat nachgehakt.

1532 der gut 90 000 Mitglieder im evangelischen Kirchenbezirk Ortenau haben der Kirche im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt. Allein in Lahr verzeichneten die Kirchengemeinde Hugsweier (sechs), die Kreuzgemeinde (108) und die Auferstehungsgemeinde (55) insgesamt 160 Austritte. „Auch wenn sich der Trend zum Kirchenaustritt etwas abgeschwächt hat“, sagt Dekan Rainer Becker, „bleibt dies für uns als Kirche eine große Herausforderung.“

 

Der häufigste Grund für den Austritt ist landauf, landab die Kirchensteuer. Die beträgt in Baden-Württemberg acht Prozent der Lohnsteuer. Die Finanzen werden für die Kirchen zunehmend zum Problem. „Durch weniger Mitglieder werden wir geringere Kirchensteuereinnahmen und damit auch weniger finanzielle Spielräume haben“, skizziert Becker. Offensichtlich, so der Dekan, vermittle man nicht gut genug, „wie segensreich haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende“ wirken. Und „wer nicht weiß, wofür seine Kirchensteuer verwendet wird, tritt leichter aus“.

Viele Menschen, so Becker, seien sich nicht einmal bewusst, dass ihre Kinder in eine kirchliche Kita gehen. Auch Organisationen für „Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, wie etwa die Lahrer Tafel, das Café Löffel oder zahlreiche Beratungsstellen, benötigten Unterstützung. „Durch weitere Kirchenaustritte wird ein solch wichtiges Engagement unter Umständen nicht mehr möglich sein.“

Zugezogene werden gezielt angesprochen

Der Kirchenbezirk hat reagiert: Getreu dem Motto „Tut Gutes und redet darüber“ habe man zwei halbe Stellen für Öffentlichkeitsarbeit eingerichtet, so Becker. Zudem bemühe man sich, Mitglieder zu gewinnen, und setze bei Familien an. Junge Eltern werden zur Geburt ihres Kindes besucht, erhalten ein Willkommensgeschenk. Außerdem statte man Neuzugezogenen einen Besuch ab, schenke ihnen Brot und Salz.

Darüber hinaus, erzählt Becker, gehen die Kirchenmitarbeiter immer mehr dorthin, wo Menschen ihre Freizeit verbringen. Beispiel: „Im Europa-Park finden mehr kirchliche Trauungen statt als im Kölner Dom.“ Dazu gibt es etwa Kneipengottesdienste oder Andachten auf dem LGS-Gelände. Auch die Kantorenstelle wird neu besetzt, um Menschen mit Konzerten in die Gotteshäuser zu locken.

Rainer Becker ist der Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Ortenau. Foto: Decoux

Becker ist überzeugt von der zentralen Rolle der Kirche in der Gesellschaft. „Unsere Welt braucht Gott und die Botschaft, dass es eine Wirklichkeit hinter den schlechten Nachrichten von Zöllen, Deals und Kriegen gibt.“ Jesus Christus stehe an der Seite von Schwachen, setze sich für Frieden und Gerechtigkeit ein. „Etwas, das wir mehr denn je benötigen.“

578 Austritte bei der katholischen Kirche

Bei der katholischen Kirche sorgen die Austrittszahlen für ähnlich gedrückte Stimmung. Das Dekanat Lahr verzeichnete 2024 insgesamt 578 Austritte. Immerhin: Nach 975 Austritten im Jahr 2022 und 764 Austritten im Jahr 2023 sinken die Zahlen weiter. „Ebenso liegen sie leicht unter dem Schnitt in der Erzdiözese“, teilt Melanie Bischoff, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, mit.

„Es ist kein Grund zum Jubeln, dass die Austrittszahlen rückläufig sind. Jede Person, die austritt, schmerzt“, ordnet Dekan Johannes Mette die aktuelle Entwicklung ein. Es gebe keinen Anlass, sich zurückzulehnen. Mitglieder in der katholische Kirche zu halten – und neue zu gewinnen – sei eine „Dauerbaustelle“.

Johannes Mette sitzt dem katholischen Dekanat Lahr vor. Foto: Axel Dach

Die Gründe für den Austritt, sagt der Dekan, seien nicht nur finanzieller Natur sondern oft tiefgründiger. Mette spricht davon, dass sich Menschen nach und nach entfremden – oder enttäuscht sind von den Entscheidungen, in welche Richtung sich die Kirche allgemein entwickle. Oft würden die Menschen die Rückmeldung geben, dass ihr Austritt nicht mit der Arbeit an der Basis zu tun habe, die man schätze, sagt Mette. Meist gebe es für die Menschen einen konkreten Anlass, um den Austritt in die Wege zu leiten. Etwa ein neuer Skandal – oder eben der Lohnsteuerbescheid.

Dekan Mette: „Es braucht Offenheit“

Um dem Trend zu begegnen, betont der Dekan, sei die richtige Haltung der katholischen Kirche entscheidend. „Es braucht eine Offenheit für neue Personen.“ Die Gemeindemitglieder schrieben etwa Briefe an Zugezogene oder besuchten sie persönlich. Wenn jemand im Gottesdienst laut mitsingt, gibt der Dekan ein anderes Beispiel, werde dieser angesprochen, ob nicht er sich nicht vorstellen könne, dem Kirchenchor beizutreten.

Johannes Mette ist, wie sein Kollege Rainer Becker, überzeugt, dass die Gesellschaft die Kirche benötigt. Nicht nur durch die sozialen Einrichtungen – „viele Menschen wissen nicht einmal, dass die Caritas zu uns gehört. Mette stellt die„Grundsäulen christlichen Lebens“ und die durch Jesus Christus vermittelten Botschaften in den Mittelpunkt. „Die Menschen werden glücklich, wenn sie das leben.“

Die Gebiete

Der evangelische Kirchenbezirk Ortenau
 mit rund 92 000 Mitgliedern umfasst 52 Kirchengemeinden und entspricht in etwa dem politischen Ortenaukreis zuzüglich der Gemeinde Schiltach-Schenkenzell (Kreis Rottweil) und ohne Ringsheim und Schuttertal.

Das katholische Dekanat Lahr
besteht aus fünf Seelsorgeeinheiten (An der Schutter, Ettenheim, Friesenheim, Maria Frieden Kippenheim und Rust). Das Dekanat umfasst etwa 50 000 Christen und entspricht dem Altkreis Lahr mit Ausnahme von Neuried.