Die katholische Kirche verändert ihre Strukturen grundlegend – auch in Schramberg. Foto: Rainer Langenbacher

„Es ist die größte Veränderung in meinem beruflichen Leben“, sagt der Schramberger Pfarrer Rüdiger Kocholl zu der anstehenden Strukturreform.

Weniger Kirchengemeinden, größere Räume, viele Fragen: Die katholische Kirche steht vor einer einschneidenden Strukturreformen. „Es ist die größte Veränderung in meinem beruflichen Leben“, formuliert es Dekan Rüdiger Kocholl. Was bedeutet das für die Menschen vor Ort? Wir haben mit ihm darüber gesprochen. Rüdiger Kocholl ist seit 2005 katholischer Pfarrer in Schramberg. „Du bist einer von uns“, hört er oft von den Bürgern und tatsächlich, sagt er: „Ich fühle mich mittlerweile als Schramberger.“

 

Herr Pfarrer, mehr als zwei Jahre sind Sie nun schon Dekan. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Ich war froh, dass ich als zunächst als stellvertretender Dekan Erfahrungen sammeln konnte. Es war also kein Sprung ins kalte Wasser. Unser Dekanat Rottweil umfasst zwölf Seelsorgeeinheiten und 54 Kirchengemeinden mit knapp 60 000 Katholiken sowie zahlreichen kirchlichen Fachdiensten. Insgesamt macht mir meine Arbeit Freude. Es sind vor allem viele Begegnungen mit ehrenamtlichen wie hauptberuflich Engagierten, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Tradition. Das kannte ich schon von meiner Arbeit als Pfarrer in Schramberg und Lauterbach, nun hat sich der Raum eben vergrößert (lacht).

Die Zahl der Kirchengemeinden soll im Zuge der Strukturreform von mehr als 1000 auf 50 bis 80 sinken. Was bedeutet diese Entscheidung ganz konkret für unsere Gemeinde vor Ort?

Für die Gemeinden und Seelsorgeeinheiten vor Ort heißt das, dass sie miteinander ins Gespräch kommen. Die neu entstehenden größeren Gemeinden sind kein Selbstzweck, sondern dienen dazu, für die personellen wie finanziellen Herausforderungen der Zukunft gut gerüstet zu sein.

Viele Menschen hören das Wort „Zusammenschluss“ und haben Sorge, ihre vertraute Gemeinde zu verlieren. Wo liegen die Chancen?

Eine große Chance ist, dass das Sprichwort „Die Kirche im Dorf lassen“ im Prozess ernstgenommen wird. Die jetzigen Pfarrkirchen bleiben als Kirchorte bestehen. Die Zusammenarbeit in Sachausschüssen wird weiterhin wesentlich das kirchliche Leben vor Ort prägen und ehrenamtliches Engagement ermöglichen.

Dekan Rüdiger Kocholl Foto: Rainer Langenbacher

Welche Rolle spielen die bestehenden Seelsorgeeinheiten bei der Bildung der neuen Raumschaften? Ist das eher eine Weiterentwicklung oder ein kompletter Neustart?

Die Seelsorgeeinheiten, die jetzt mehr als 20 Jahre in ihrer Form bestehen, sind Grundlage aller Überlegungen, denn hier hat sich in den vergangenen Jahren eine bewährte Zusammenarbeit entwickelt.

Bis Mai 2026 sollen Kirchengemeinden und Gremien Vorschläge abgeben. Wie können sich Ehrenamtliche und Gemeindemitglieder konkret in diesen Prozess einbringen?

Wie schon beim Gebäudeprozess hat die Diözese ganz umfangreiche Möglichkeiten gegeben, sich bei Onlinekonferenzen zu informieren. Es ist ein synodaler Prozess, dessen Themen vom Diözesanrat über den Dekanatsrat bis hin zum Kirchengemeinderat die gewählten Mitglieder beschäftigt. Dies geht bis hinein in den Gottesdienst, so hat unser Bischof Klaus Krämer angekündigt, dass auch sein Hirtenbrief, der traditionell am ersten Fastensonntag verlesen wird, das Thema „Neue Strukturen in der Seelsorge“ behandelt.

Ein wichtiges Ziel ist es, Verwaltungsaufgaben zu bündeln. Spüren Sie als Pfarrer heute schon, dass Verwaltung Zeit für Seelsorge bindet – und könnte sich das künftig ändern?

Es ist sicher eine der größten Chance des Prozesses, in den entstehenden größeren Gemeinden nun hauptberufliche Verwaltungsleiter zu installieren – und so Pfarrern wieder mehr Raum für Seelsorge zu ermöglichen.

Auch ökumenische Partnerschaften und Gemeinden anderer Muttersprache sollen berücksichtigt werden. Was bedeutet das?

Die evangelische Kirche in der Region hat mit der Zusammenführung der Kirchenbezirke Sulz und Tuttlingen zum neuen evangelischen Dekanat Rottweil einen großen Schritt gewagt. Ich war sowohl bei der Neugründung des Dekanats als auch bei der Einführung des neuen evangelischen Dekans dabei, so dass ich mit Fug und Recht sagen kann: die ökumenische Zusammenarbeit ist im Dekanat als auch vor Ort hier in Schramberg wirklich vertrauensvoll und sehr gut. Das war mir immer schon ein Herzensanliegen und ist mir persönlich eine große Freude zugleich. In den muttersprachlichen Gemeinden erlebe ich hautnah, dass die katholische Kirche ein Global Player ist, in der Rassismus keine Chance hat, sondern Vielfalt gelebt wird.

Viele Gläubige verbinden mit „ihrer“ Kirchengemeinde Erinnerungen an Taufen, Hochzeiten oder Abschiede. Was sagen Sie Menschen, die Angst haben, dass mit den neuen Raumschaften ein Stück Heimat verloren geht?

Es wäre falsch, alle Ängste gleich vom Tisch zu wischen. Der lateinische Ausdruck „Ecclesia semper reformanda“ besagt allerdings auch, dass die Kirche zu jeder Zeit reformbedürftig ist. Es geht aber nicht um beliebiges Verändern, sondern um eine Rückbesinnung auf den Ursprung, das Evangelium Jesu Christi, und eine Erneuerung aus dem Glauben.

Wenn Sie an die kommenden Veränderungen denken: Was macht Ihnen persönlich eher Sorge – und worauf hoffen Sie?

Ich hoffe, dass bei allen Strukturthemen, die notwendig sind und denen wir uns jetzt stellen, die Erneuerung des Glaubens weiter zentrale kirchliche Wirklichkeit bleibt. Meine Sorgen und die meiner Mitmenschen nehme ich wahr und auch ernst, ich lebe aber dennoch aus der Perspektive, dass eine Minute Ärger einem die Chance auf 60 glückliche Sekunden nimmt.