Die angeklagte Brandstifterin von Deißlingen verstrickt sich zunehmend in Widersprüche. Das Verfahren gegen sie nimmt indes eine überraschende Wendung. (Symbolfoto) Foto: Schwarzwälder-Bote

24-Jährige mutmaßliche Brandstifterin vorläufig nur noch in drei Fällen angeklagt. Urteil fällt am Donnerstag.

Deißlingen - Sie gesteht, dann widerruft sie, um anschließend wieder zu gestehen: Die angeklagte Brandstifterin von Deißlingen verstrickt sich zunehmend in Widersprüche. Das Verfahren gegen sie nimmt indes eine überraschende Wendung.

Der Oberstaatsanwältin im Rottweiler Landgericht platzt im Laufe der Verhandlung der Kragen. Sichtlich verärgert vom ewigen Hin- und Her der Angeklagten, die während ihrer Schilderungen zu Boden blickt, statt ihren Gesprächspartnern in die Augen zu schauen, und die trotzige und pampige Antworten gibt, führt sie der 24-Jährigen ihre erste Tat vor Augen, die inzwischen drei Jahre zurückliegt: "Auch beim ersten Brand haben Sie gelogen, als ein Mensch ums Leben kam."

In der gestrigen Verhandlung ging es nicht mehr um diese Tat, wegen der die Frau 2009 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war – doch die Vorstrafe wirft einen Schatten auf jene Ereignisse, wegen derer sie nun auf der Anklagebank sitzt. Dass diese noch in die Zeit der Bewährung fallen, könnte die Angeklagte am Ende teuer zu stehen kommen.

Zumindest bei drei der fünf Brände, die der Frau vorgeworfen werden, sieht die Große Strafkammer eine Mitschuld der 24-jährigen Deißlingerin. Das Feuer am 13. Februar, das in einer leerstehenden Wohnung "vorsätzlich durch Menschenhand" gelegt wurde, wie der gestern geladene Sachverständige dem Gericht ausführlich erläuterte, hatte wohl einen kriminellen Hintergrund: Die Wohnung liegt im Erdgeschoss eines Hauses, das dem ehemaligen Lebensgefährten der Frau gehört. Mithilfe des Feuers sollte wohl die Versicherungssumme kassiert werden. Ein weiterer Brand im April wird der Frau ebenfalls angelastet; damals brannten eine Mülltonne und ein Holztor am Nachbarhaus. Schließlich soll sie noch ein Gartenhäuschen angezündet haben – die einzige Tat, die sie gleich zu Beginn der Verhandlung gestand. Motiv: Der Stiefvater ihres Ex-Partners, dem das Häuschen gehört, soll sie mehrfach "begrapscht" haben.

Diese Version behielt sie strikt bei, bis gestern. Denn auf einmal verlas der Richter ein Schreiben seitens der Angeklagten an ihren Verteidiger, in dem sie nicht nur die ersten beiden der fünf Taten widerruft, sondern auch noch Vergewaltigungsvorwürfe gegen den früheren "Schwiegervater" erhebt. Mit weinerlicher Stimme schildert sie die angeblichen Vorfälle, und plötzlich ist auch noch von einer Fehlgeburt die Rede. Einen Arzt will sie damals aufgesucht haben, dessen Name von Aussage zu Aussage wechselt. Am Ende ergibt eine Überprüfung der Krankenversicherungskarte: alles frei erfunden. Und plötzlich will sie bei den ersten beiden Brandstiftungen doch wieder dabei gewesen sein.

Immerhin: Eine eindeutige Mitschuld am ersten Brand, als am 4. Februar die andere Erdgeschosswohnung des Mehrfamilienhauses in Deißlingen in Flammen stand, kann der Frau aus Mangel an Beweisen und wegen widersprüchlicher Aussagen ihres Ex-Partners nicht nachgewiesen werden. Gleiches gilt für das Feuer in einem alten Bauernhaus, das in der Nacht zum 1. Mai vollständig abbrannte. Das Gericht stellte beide Verfahren deshalb vorläufig ein.

Für die drei übrigen Taten drohen der Angeklagten bis zu drei Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft, die diese Strafe beantragt, berücksichtigt dabei die unglücklichen Lebensumstände der Frau, die seit 2012 Vollwaise ist und eine schwere Kindheit hatte. Laut medizinischem Gutachten ist der Grad ihrer geistigen Behinderung jedoch nicht hoch genug, um sie in eine psychiatrische Einrichtung einzuweisen: Eine "leichte Intelligenzminderung" und "einfache Denkmechanismen" werden ihr bescheinigt. Die Angeklagte habe "sehr viel Pubertäres" an sich, so der Arzt, und führt dann noch an: "Sie will nicht akzeptieren, dass sie auf Unterstützung angewiesen ist." Dadurch sei sie an die falschen Leute geraten. Dennoch: Die Einsichtsfähigkeit sei dadurch nicht tangiert. An diesen Punkt knüpft auch die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer. "Man muss der Angeklagten vor Augen führen, dass ein solches Tun nicht geht", so die Oberstaatsanwältin, auch unter Verweis auf die Vorstrafe der Frau.

Deren Verteidiger appellierte an das Gericht, ein mildes Urteil zu verhängen, ohne seinerseits ein Strafmaß zu nennen. Er verwies dabei auf die schlimme Lebenssituation seiner Mandantin und auf ihre geistige Behinderung.

Das Urteil soll am Donnerstag fallen.