Beate Gaiser ist nicht nur Mitbetreiberin des Hotels Adler in Freudenstadt, sondern weiß als Dehoga-Kreisvorsitzende auch, wie es um die anderen Hoteliers und Gastronomen im Landkreis steht: "Wir sind seit über zwei Jahren im Krisenmodus", sagt sie über die Branche. Foto: Ortmann

Zwei von Corona geprägte Jahre haben bei Hoteliers und Gastronomen ihre Spuren hinterlassen. Mit den gestiegenen Preisen in nahezu allen Bereichen rutschen die Betriebe von einer Krise in die nächste. Ein Problem überschattet in der Branche aber alles andere.

Kreis Freudenstadt - Wie ist die Situation im Kreis Freudenstadt? Droht ein Hotel- und Gastronomiesterben? Im Interview spricht Beate Gaiser, Vorsitzende der Dehoga-Kreisstelle und Mitbetreiberin des Hotels Adler in Freudenstadt, über Krisen, Existenzängste und was sie trotz allem positiv stimmt.

Frau Gaiser, zwei Jahre lang war Corona das bestimmende Thema, nun rufen astronomische Energiepreise und die hohe Inflation Existenzängste bei Gastronomen und Hotelbetreibern hervor. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation im Kreis Freudenstadt?

Man muss sich immer wieder vor Augen halten: Wir hatten insgesamt neun Monate lang geschlossen. Dann durften wir unter schwierigen Bedingungen öffnen, diese Zeit kommt auch noch dazu. Das hinterlässt Spuren, bei den kleinen Betrieben bis hin zu den Fünf-Sterne-Hotels. In dieser Zeit haben wir viele Mitarbeiter verloren. Die Situation ist gerade deshalb für alle so schwierig, weil wir unter akutem Mitarbeitermangel leiden. Wir haben sowohl die Arbeitszeiten verbessert als auch an der Entlohnung gearbeitet; die Dehoga hat gemeinsam mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) den Tarifvertrag neu ausgehandelt. Aber Tatsache ist auch: Die meisten Leute gehen nicht um 17 Uhr essen und um 19 Uhr schon wieder nach Hause – das heißt, es wird immer so sein, dass wir in den Abendstunden und am Wochenende arbeiten werden.

Wie wirkt sich das konkret aus? Befürchten Sie ein Hotel- und Gastronomiesterben?

Unsere Branche ist robust. Hoteliers und Gastronomen lassen sich so schnell nicht unterkriegen. Wir hatten fast noch Schlimmeres befürchtet. Dafür sind wir ganz gut durch die Krise gekommen, auch dank der Hilfsleistungen des Staates. Die Familienbetriebe haben sich gegenseitig geholfen und durch die Krise gebracht. Aber jetzt folgt eine Krise auf die nächste, was die Situation noch schwieriger macht. Wir wissen im Moment überhaupt nicht, wo das hinführt. Ich rechne damit, dass sich Anfang nächsten Jahres zeigen wird, wer es schafft und wer nicht. Was viele nicht bedenken: Es ist auch eine psychologische Sache. Wir sind jetzt seit über zwei Jahren im Krisenmodus. Die Existenzängste, die unsere Betriebsinhaber ausstehen müssen, wünsche ich niemandem.

Gaiser: Der Kreis hätte weitere Betriebe verloren, wenn...

Die Familienbetriebe sind das Aushängeschild im Schwarzwald, aufgrund besagter Entwicklungen aber auch besonders gefährdet. Jüngst sind mit dem Hotel Schwarzwald und dem Restaurant Warteck zwei Traditionsbetriebe aufgegeben worden...

Wir hätten im Landkreis längst weitere Betriebe verloren, wenn die Familien nicht so zusammenstehen würden. Es wird häufig von den Großbetrieben ausgegangen, aber wir haben hier hauptsächlich familiengeführte Unternehmen. Deswegen trifft uns auch der Mitarbeitermangel so hart. Es sind also die Familien, die teilweise sehr leiden.

Was sind abseits des Personalmangels aktuell die größten Herausforderungen?

Man muss bedenken: Wir haben Preissteigerungen auf allen Ebenen – bei Lebensmitteln, Energie und Personal, denn auch die Löhne sind deutlich nach oben gegangen. Eine ordentliche Preiskalkulation, was das Angebot betrifft, ist unheimlich schwer, weil die Preise sehr schwanken. Wenn man heute ein Filet kauft, kann das morgen oder übermorgen schon das Doppelte kosten. Im Prinzip müssten wir Preisaktualisierungen wie an einer Tankstelle machen.

Die Gäste sind von der hohen Inflation ebenfalls betroffen. Hat die Ausgabebereitschaft spürbar nachgelassen?

Es ist noch verhalten. Wir haben ja auch eine Verknappung des Angebots, da manche Betreiber Öffnungszeiten reduzieren, zusätzliche Ruhetage einführen oder Tische nicht belegen, weil sie es personell nicht schaffen. Das geringere Angebot wird noch gut nachgefragt. Ich höre von Kollegen aber auch, dass sie Probleme haben. Bei Hotel- und Gastronomiebetrieben kann man durch die Übernachtungen noch einen gewissen Ausgleich schaffen, aber die reinen Gastronomen haben es brutal schwer.

Die Forderungen nach Entlastung sind nach wie vor laut. Wie zufrieden sind Sie mit der Unterstützung seitens der Politik?

Oft heißt es: "Die Lokale sind doch voll, ihr habt doch gut zu tun." Die Nachfrage ist im Prinzip auch noch da, aber es wird vergessen, dass wir die Leute nicht haben, um diese zu bewältigen. Das heißt, man kann den Markt gar nicht so bedienen, wie man es noch vor drei Jahren konnte. Mir fehlt auf politischer Seite noch ein bisschen das Verständnis für die tatsächliche Situation in unseren Betrieben. Alle vergessen, dass wir knapp zwei Jahre lang entweder mit den Einschränkungen zu kämpfen hatten oder ganz schließen mussten. Offensichtlich hat man da ein kurzes Gedächtnis und vergisst die lange Zeit, in der wir unter höchsten Schwierigkeiten unser Geschäft machen mussten.

Was Gaiser dennoch positiv stimmt

Gibt es trotz allem auch Entwicklungen, die Hoffnung machen?

Der Schwarzwald ist eine Marke. Als wir wieder öffnen durften, haben wir gemerkt, dass die Menschen unheimlich gerne in unsere Urlaubsregion kommen. Das Geschäft wird also weiterhin da sein. Wenn wir es verstehen, uns gut zu verkaufen und die Kräfte zu bündeln – und das können wir – dann werden wir viele Urlaubsgäste haben. Das ist die positive Seite, dass wir uns darüber keine Sorgen machen müssen, auch wenn alles teurer wird. Die Menschen wollen ja weiterhin in den Urlaub und es sich gut gehen lassen in einer schönen Region. Dafür steht der Schwarzwald. Was mich auch positiv stimmt: Die Stammgäste sind unheimlich treu. Sie wollen ihren Gastronomen helfen und kommen bewusst, selbst im Lockdown war das so, als es nur To-Go-Angebote gab. Das merkt man auch jetzt wieder.