Müssen wir wieder mehr arbeiten? Unternehmer Helmut Erb (58) arbeitet bis zu 65 Stunden die Woche und fordert eine 40-Stunden-Woche für alle, um den Wohlstand zu erhalten. Hat er Recht?
Weg vom 8-Stunden-Tag und hin zu längeren Arbeitswochen? Oder doch lieber eine 4-Tage-Woche? Die Debatte um Arbeitszeiten spitzt sich zu – vor allem in der kriselnden Wirtschaftsregion Stuttgart. Was sagen Unternehmerinnen und Unternehmer dazu? Helmut Erb führt in Esslingen einen Rohrleitungsbau. Wir haben uns lange mit ihm unterhalten und seine Antworten in der Ich-Form zusammengefasst:
„Mit dem Begriff Work-Life-Balance konnte ich noch nie etwas anfangen. Ich arbeite im Schnitt 60 bis 65 Stunden die Woche. Ich heiße Helmut Erb und bin Geschäftsführer eines Rohrleitungsbaus in Esslingen, in dem ich vor 15 Jahren als Gesellschafter und Geschäftsführer eingestiegen bin – da gibt es immer etwas zu tun. Meine Beschäftigten müssen bei Wind und Wetter raus, um Rohre zu verlegen. Bei Notfällen müssen wir auch nachts und am Wochenende ran.
„Bei uns galt der Satz: ,Willst du was, dann arbeite was’“
Meine Eltern hatten eine Bäckerei, ich bin mit vier Geschwistern groß geworden, es galt der Satz: Willst du was, dann arbeite was. Ich habe mit 2300 D-Mark brutto angefangen. Meinen Job bei der Stadt habe ich aufgegeben, weil ich in der freien Wirtschaft mehr verdient habe. Ich habe zwölf Stunden am Tag gearbeitet, um meine finanziellen Verbindlichkeiten schneller abzubezahlen.
Die Jüngeren ruhen sich ein bisschen auf dem vorhandenen Wohlstand aus. Unser Lebensstandard kommt meistens von der Generation zuvor. Dass ich und meine Frau bei null angefangen haben, gibt es heute nur noch selten. Dafür haben wir hart gearbeitet. Als ich 27 Jahre alt war, bin ich alle drei Jahre in den Urlaub an den Bodensee oder nach Italien gefahren. Heute verreisen manche dreimal im Jahr, dazu noch das eine oder andere verlängerte Wochenende.
Wir haben uns zu sehr in der Komfortzone eingerichtet und verbauen uns dadurch unsere wirtschaftliche Zukunft. Alles ist von Missmut, Jammerei, Schimpferei und Zukunftssorgen geprägt. Wir müssen wieder mehr arbeiten. Wenn wir alle zumindest wieder 40 Stunden die Woche arbeiten würden, ginge es den Unternehmen und Beschäftigten wieder besser und man hätte dennoch genügend Freizeit. Das kommt natürlich auch auf die Arbeitstätigkeit an.
Ich begreife nicht, wie da manche noch immer von einer 4-Tage-Woche reden. Meine Mitarbeiter haben eine normale 38,5-Stunden-Woche. Wenn ich aber eine Vier-Tage-Woche organisieren müsste, bräuchte ich mehr Beschäftigte – die gibt es auf dem Arbeitsmarkt schlicht nicht. Wenn es Freitagmittags einen Wasserrohrbruch gibt, müssen wir raus, da kann keiner sagen, er geht jetzt heim.
Die Automobilkonzerne haben uns mit der kürzeren Arbeitszeit und dem höheren Gehalt das Personal weggenommen, das geht auch anderen Handwerksbetrieben so. Wenn wir ähnliche Löhne zahlen würden wie die Konzerne, müssten wir unsere Preise massiv aufschlagen. Wir haben aber vor allem öffentliche Auftraggeber, das würden sie nicht zahlen. Jetzt bauen vor allem die Automobilkonzerne und Zulieferer Personal ab. Handwerker werden aber deshalb nicht zu uns kommen – sie sind mehr Geld bei kürzeren Arbeitswochen gewohnt.
In meinem Unternehmen kann aber ich nicht die Löhne erhöhen und die Arbeitszeit senken – das passt nicht. Wenn heute die Wartung einer Heizung oder ein anderer Handwerker 90 Euro die Stunde kosten, will oder kann das keiner mehr bezahlen. Im Übrigen könnte ich gute neue Mitarbeiter nicht mal mit einer Vier-Tage-Woche locken, auch nicht nur mit einem hohen Gehalt. Das Problem ist, dass heute im Regen keiner mehr Rohre verlegen will. Außerdem fehlt die gesellschaftliche Wertschätzung. Dennoch bin ich überzeugt, dass man sich durch Arbeit und Einsatz weiterhin hocharbeiten kann. Ein Beispiel ist ein Mitarbeiter aus dem Kosovo: Er kam Anfang 20 ohne Ausbildung zu mir, war aber sehr motiviert, wissbegierig und hat sich vieles selbst angeeignet. Heute ist er 30 und einer meiner besten und bestbezahlten Mitarbeiter.
Ich habe rund zwei Dutzend Beschäftigte. Im Grunde bin ich aber nicht nur für 25 Mitarbeitende zuständig, sondern für 25 Familien. Manchmal fühle ich mich wie ein Sozialpädagoge, so oft kommen die Beschäftigten zu mir: Das Kind ist krank, die Frau hat keinen Führerschein, das Geld ist alle. Ich versuche dann, einen Weg zu finden, Dinge wie diese zu regeln. Wenn ich jedes Mal daheim geblieben wäre, wenn mein Sohn krank war – daran darf ich gar nicht denken. Dabei hatten wir nicht einmal die Unterstützung einer Oma.
„Meine Generation war schneller eigenständig“
Ob ich etwas bereue? Vielleicht meine Anfangsjahre als Unternehmer. Da habe ich manchmal nur wenig von meinem Sohn mitbekommen. Ich selbst bin mit 18 Jahren von zuhause ausgezogen. Meine Generation war schneller eigenständig. Der Stellenwert von Arbeit ist für mich sehr hoch, das gilt aber auch für meine Freizeit – weil ich wenig davon habe. Wenn ich eines Tages aufhöre, geht auch meine vier Jahre jüngere Frau in den Ruhestand. Wir haben uns beide stark auf die Arbeit fokussiert – umso mehr hoffen wir, später noch die Zeit zu zweit wirklich genießen zu können. Für meine Beschäftigten, die bei Wind und Wetter auf der Baustelle stehen, wünsche ich mir, dass sie nicht bis ins hohe Alter arbeiten müssen. Diese Arbeit fordert den Körper jeden Tag – und das merkt man irgendwann deutlich. Ein solcher Job lässt sich nicht ewig durchhalten.“
Streit um das Arbeitszeitgesetz
8-Stunden-Tag
Die Regierung ringt nach wie vor um eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Teile der Regierung und Arbeitgeberverbände wollen die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden lockern. Stattdessen soll lediglich eine Wochenhöchstarbeitszeit von 48 Stunden festgeschrieben sein.
Widerstand
Gewerkschaften wie der DGB, die IG Metall und Verdi lehnen das entschieden ab – der 8-Stunden-Tag schütze die Arbeitnehmer und sei eine Erfolgsgeschichte. DGB-Chefin Yasmin Fahimi kündigte für den Fall einer Lockerung des Gesetzes an: „Dann gibt es von uns nur Konflikt.“
Gesetz
Laut Arbeitszeitgesetz darf die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer in der Regel acht Stunden nicht überschreiten. Für die wöchentliche Arbeitszeit gilt ein Richtwert von maximal 48 Stunden.