Hat Bedenken in Bezug auf eine Corona-Impfung: Bayern-Profi Joshua Kimmich. Foto: Sven Hoppe/dpa

Zu jedem Thema gibt es zwei Meinungen. So auch zur Causa Joshua Kimmich, die mittlerweile selbst vom Landesvater Winfried Kretschmann kommentiert wurde.

Unsere Sportredakteure bringen ihre Sichtweisen im Pro und Contra auf den Punkt. 

 

PRO: Weniger Emotionen bitte!

Von Michael Haas

Joshua Kimmich ist nicht geimpft. Eine Entscheidung, die der 26-Jährige ganz allein für sich getroffen hat. Wie so viele in diesem Land. Das muss die breite Masse nicht gutheißen. Auch andersrum macht es keinen Sinn, Impfungen in Frage zu stellen.

Vielleicht ist der Fall Kimmich extrem wichtig, um endlich den Weg für einen sachlichen Austausch zwischen Ungeimpften und Geimpften zu finden. Aus diesen Debatten muss die Emotionalität raus. Es darf kein Platz sein für Unwahrheiten, Verschwörungstheorien oder medizinischen Stuss. Vielleicht gibt es noch viel mehr Menschen, die aus demselben Grund wie der Bösinger auf eine Impfung verzichten: vermeintliche, unabwägbare Langzeitfolgen. Die Aussagen des Bayern-Stars haben nun hoffentlich auch die Experten aus Medizin und Wissenschaft daran erinnert, dass womöglich viel mehr Aufklärung notwendig ist. Es müssen Studien her, unumstößliche Fakten – Corona ist noch längst nicht erforscht und macht es darum so schwierig, dass wir alle einer Meinung sind. Deshalb, wie eingangs beschrieben, könnte die ehrliche Aussage Kimmichs einen riesigen positiven Effekt auf viele Unentschlossene haben. Um diesen weiß auch die Regierung, die die Causa Kimmich gar zum Politikum erhebt – und hoffentlich dafür sorgt, dass die Pandemie nicht allein mit Verboten ausgemerzt wird.

"Die Debatte um Kimmich ist ein grenzenloser Unfug", sagt Thomas Mertens, Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) und erklärt: "Man würde niemals über private medizinische Entscheidungen von Kimmich diskutieren, wäre er als Fußball-Profi nicht derart exponiert." Eben.

Mit seiner – zusammen mit Leon Goretzka – ins Leben gerufenen Initiative "WeKickCorona" lässt sich der Status des Ungeimpften natürlich nicht vereinbaren. Den zweifachen Vater aber in die Ecke der Corona-Leugner zu stellen, geht entschieden zu weit. Auch aufgrund der Kampagne ihm Doppelmoral zu unterstellen, ist des Guten zu viel. Warum? Deshalb: Kimmich bildet sich immer seine eigene Meinung, auf und neben dem Platz. Und er ist ganz sicher clever genug, diese auch neuen Situationen anzupassen. Übrigens, "WeKickCorona" vermeldete erst vor einigen Wochen die Spende von 500.000 Euro an Unicef, um Impfungen für rund 132.000 Menschen in den ärmeren Ländern der Welt zu unterstützen. Dafür steht Joshua Kimmich – auch als (noch) Ungeimpfter.

CONTRA: Kimmichs Eigentor

Von Christian Marull

Joshua Kimmich: geradliniger Musterprofi, Autorität ohne Kapitänsbinde, Zukunft des deutschen Fußballs, Vorbild auf und neben dem Platz – beinahe täglich wurden Lobeshymnen auf den 26-jährigen Bayern-Profi und Nationalspieler gesungen. Ein paar Sätze am vergangenen Samstag reichten, und das Image bekam tiefe Risse.

Er habe noch "ein paar Bedenken" was die Impfung gegen das Coronavirus angeht. Vor allem wegen "fehlender Langzeitstudien" habe er bislang darauf verzichtet, meinte Kimmich nach der Bundesliga-Partie gegen Hoffenheim. Ein Eigentor. Kimmich wollte die zuvor aufgekommenen Gerüchte um seine Nicht-Impfung aus der Welt schaffen, wollte "Klartext" reden – und tat sich damit überhaupt keinen Gefallen.

Ja, auch Kimmich hat das Recht selbst zu entscheiden, ob er sich nun impfen lässt oder eben nicht. Nur seine Argumente sind wenig überzeugend. Keine Spur von Geradlinigkeit. Kimmich duckt sich weg, versteckt sich hinter fadenscheinigen Gründen.

Mehrfach haben die Verantwortlichen beim FC Bayern in den letzten Tagen betont, dass sie ihre Spieler, ihr wichtigstes Kapital, umfassend über den Nutzen und auch die – für junge austrainierte Leistungssportler verschwindend geringen – Risiken einer Impfung aufgeklärt haben. Kimmich hatte also alle Informationen, die er brauchte. Impfen ließ er sich trotzdem nicht.

2,9 Milliarden Menschen weltweit sind – stand heute – vollständig gegen das Corona-Virus geimpft, nicht wenige davon schon seit fast einem Jahr. Wie lange will Kimmich also noch warten? Zumal etwaige Nebenwirkungen, wenn überhaupt, bereits in den ersten Tagen bis Wochen nach der Impfung auftreten, wie Experten dieser Tage nochmals geradezu gebetsmühlenartig betonten. Und: Niemand ist jemals Jahre nach einer Impfung einfach tot umgefallen.

Dass Kimmich nun in der Sache falsch liegt, ist das eine. Viel schwerer wiegt allerdings etwas anderes. Er sei ja "kein Corona-Leugner oder Impfgegner", meinte Kimmich am Samstag noch – Beifall bekommt er aber nun von genau denen. Von "Mut" und "Rückgrat" ist da oftmals zu lesen. Und dann sind da noch diejenigen, die sich wirklich noch unsicher sind, die kein Ärzteteam um sich haben, das sie tagtäglich betreut. Die können nun sagen: "Wenn sich nicht mal der Kimmich impfen lässt, warum sollte ich mich dann impfen lassen?"

Skeptiker Kimmich hat aber noch eine Chance: Lässt er sich impfen, kann er das Vorbild sein, das er für viele bisher war.

Zum Thema: Stimmen aus Bösingen und Umgebung zu Joshua Kimmichs Impfstatus