Die Verwendung des Regenbogens als Symbol für queere Menschen sorgt in Balingen für Diskussionen. Foto: Christophe Gateau/dpa

Sticker mit diesem Bibelspruch werden derzeit in Balingen über queerfreundliche geklebt. Anfeindungen im Namen Gottes?

Zum ersten Mal findet der „Christopher Street Day“ (CSD) in Balingen statt. Die Veranstaltung stößt in der Eyachstadt jedoch immer wieder auf Gegenwind. Unter anderem hatte sich die Stadt – samt Oberbürgermeister Dirk Abel – dagegen entschieden, als Zeichen der Solidarität eine Regenbogenflagge zu hissen. Zudem starteten Unbekannte eine Petition – ebenfalls gegen das Hissen der Flagge – und die Veranstaltung im Allgemeinen.

 

Nun folgt die nächste Aktion: Sticker, auf denen für den CSD am 6. September geworben wird, werden überklebt. Die Aufkleber zeigen ein großes hölzernes Schiff sowie eine weiße Taube unter einem Regenbogen, darunter ein Spruch aus dem Alten Testament: „Der Regenbogen gehört Gott!“

Das sagen die Veranstalter

„Wir beobachten, dass die ‚Der Regenbogen gehört Gott‘-Sticker gezielt über Aufkleber geklebt werden, die der queer-freundlichen Szene zuzuordnen sind“, sagt Pressesprecher des CSD ZAK, Pascal Conzelmann. „Aufgefallen sind uns diese Sticker erstmals kurz nach der Gemeinderatssitzung Ende Juli und seitdem vermehren sie sich im Stadtgebiet.“

Dennoch: „Der CSD bleibt Ausdruck von gelebter Vielfalt und eines geeinten Zusammenhaltes.“ Von diesem Gedanken sehen die Veranstalter sich auf katholischer – durch die Balinger Seelsorgeeinheit – wie auf evangelischer Seite – durch die evangelische Gesamtkirchengemeinde – gestützt und getragen.

Evangelikalismus im Zollernalbkreis

Im Zollernalbkreis ist der Evangelikalismus vertreten, beispielsweise durch die CG-Balingen oder die FECG Zollernalb. Den Veranstaltern des CSD seien dort bislang keine Glaubensgemeinschaften bekannt, die gleichgeschlechtliche Paare trauen. In Evangelikale Gruppen könne es passieren, dass ablehnende Haltungen gegenüber queeren Lebensweisen indoktriniert werden, so Conzelmann. Ähnlich äußert sich die Bundeszentrale für politische Bildung, die schreibt: „Ein Extrem bilden bestimmte evangelikale Kreise, die regelrechte Umerziehungsprogramme veranstalten.“ Von solchen Missionierungen wollen sich die Veranstalter des CSD jedoch nicht beeindrucken lassen.

Und was sagen die Kirchengemeinden in Balingen? Schließlich scheinen sich die Unbekannten im Namen Gottes gegen den CSD auszusprechen.

Evangelische Kirche

Die Co-Dekanin im evangelischen Kirchenbezirk Balingen, Dorothee Sauer, ist schockiert. „Der Regenbogen steht als christlich-jüdisches Symbol für den Bund Gottes mit der ganzen Schöpfung“, stellt sie klar. „Alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, egal welches Geschlechtes, alt, jung, mit oder ohne Behinderung, auch alle Tiere und Pflanzen sind in Gottes Friedensbund eingeschlossen.“ Der Regenbogen stehe für Buntheit, Frieden und Versöhnung durch Gott. „Er ist eben kein Symbol der Ausgrenzung und Anfeindung“, betont sie. „Es macht mich traurig und ärgert mich auch sehr, dass dieses biblische Symbol auf den genannten Stickern für Hass und Ausgrenzung verwendet wird.“

Gesellschaft soll gespalten werden

Und sie hat eine Vermutung, was wirklich dahinterstecken könnte. „Meine Befürchtung ist, dass extreme Kreise sich hier religiöser Symbole bedienen, um unsere Gesellschaft zu spalten und einen Keil in die Bevölkerung zu treiben.“ Sie sagt entschieden: „Die göttliche Würde des Menschen gilt allen Menschen.“

Alle Menschen

Michael Schneider, Dekan im evangelischen Kirchenbezirk Balingen, betont: „In der Kirchengemeinde Balingen sind alle Menschen jeglicher sexuellen Orientierung die auf Verlässlichkeit, gegenseitigem Respekt und Liebe basiert willkommen. Wir sind eine offene einladende Kirchengemeinde.“

Kirchengemeinderat diskutiert über Gottesdienst

Im Rahmen des CSD wird es zudem einen ökumenischen Gottesdienst in der Stadtkirche geben. „Der CSD wurde im Kirchengemeinderat wie auch in der Gesellschaft kontrovers diskutiert, eine klare Mehrheit hat sich dafür ausgesprochen, dass der Gottesdienst in der Stadtkirche stattfinden kann“, so Schneider.

Katholische Kirche

Pfarrer Wolfgang Braun fügt hinzu: „Ich finde es gut, dass der Tag auch in Balingen stattfindet. So kann man für das Anliegen der oft ausgegrenzten und diskriminierten Menschen sensibilisieren und werben.“

Und weiter: „Unsere katholische Kirchengemeinde ist in der Tendenz offen, auch wenn ich natürlich nicht über 8000 Katholiken auf dem Gebiet Balingens auf einen Nenner bringen kann.“ Insgesamt wachse Akzeptanz und das Verständnis für Menschen „dieser Community“.

Mehr „Outings“ als früher

Das sei schon allein deshalb der Fall, weil es mehr „Outings“ gebe als früher. „Heute bekennen sich zum Beispiel Kinder von ‚guten Katholiken‘ und Kirchgängern als ‚schwul‘“, so Braun. „Dann merken Eltern und andere mitunter, dass es mit Aussagen wir ‚Mit dem stimmt was nicht‘ oder ‚Die ist daneben‘ nicht getan ist. Ich denke auch an Jugendliche, die auf der Suche nach ihrer auch sexuellen Orientierung sind und einfach jemanden brauchen, der sie begleitet, wo sie sein können, wie sie sich aktuell erleben.“