Ein Glaubenskrieg wurde im Trossinger Gemeinderat ausgefochten – dabei ging es um nichts weniger als die Sicherheit der jüngsten Verkehrsteilnehmer.
Einige Möglichkeiten gibt es, Fußgängern das Überqueren von Straßen einigermaßen sicher zu ermöglichen: Ampeln, Zebrastreifen oder Überquerungshilfen mit Mittelinsel. Vor Jahrzehnten hatte sich die Stadt Trossingen innerorts für die Mittelinsel entschieden.
Vorteil für die Autofahrer: Sie müssen nicht anhalten, Vorteil für die Stadt: Sie muss keine Mindestsichtweiten einhalten wie beim Zebrastreifen, und für Querungshilfen gibt es auch keine Vorschriften für die Beleuchtung, was gegenüber dem Zebrastreifen Geld sparen hilft – 9000 Euro pro Anlage.
Im Zuge der Schulwegplanung diskutierte der Gemeinderat nun über Brennpunkte, unter anderem lag der Vorschlag auf dem Tisch, an den Kreisverkehren Zebrastreifen aufmalen zu lassen. Darüber verstrickten sich die Ratsherren in eine heftige Diskussion, an deren Höhepunkt Werner Dressler von den Freien Wählern es als Unverschämtheit bezeichnete, den Zebrastreifengegnern vorzuwerfen, sie hätten nichts für die Sicherheit der Fußgänger übrig.
Die Verkehrsschau Zwar hatten sich die Schulen dafür ausgesprochen, mit Zebrastreifen mehr Sicherheit für Kinder und Jugendlichen zu schaffen, doch die Verkehrsschau, ein Expertengremium mit Vertretern von Polizei, Landratsamt und Stadt, sah dies anders, der Begriff der „Scheinsicherheit“ durch Zebrastreifen kam ins Spiel.
Einschätzung der Experten
Sind Zebrastreifen etwa unsicher? Im Protokoll der Stadtverwaltung heißt es dazu: „Aus Sicht der Teilnehmer der Verkehrsschau wird die Markierung von Zebrastreifen eher kritisch gesehen, da sie eine Scheinsicherheit bedeuten kann und Fußgänger, insbesondere auch Kinder, auf ihr Vorrecht vertrauen und ohne große Aufmerksamkeit den Zebrastreifen überqueren, die Kfz-Fahrer hingegen teilweise auch Fußgänger übersehen oder ihre Wartepflicht einfach missachten.“
Der Verkehrsplaner Zu allem Unglück legte Andreas Weber, der Sachverständige des externen Verkehrsplanungsbüros SSW aus Ludwigsburg, dem Gemeinderat eine nicht mehr gültige Richtlinie vor, in der beschrieben wird, wie viel Autoverkehr und Fußgänger, welche die Straße überqueren, notwendig sind, damit ein Zebrastreifen empfohlen werden kann. Bei 450 Fahrzeugen pro Stunde in Spitzenzeiten war danach bei bis zu 100 Fußgängern pro Spitzenstunde ein Zebrastreifen möglich, darüber aber empfohlen, unter 50 nicht möglich.
Diese früher rechtsverbindliche Richtlinie ist seit 2024 nur noch eine Empfehlung, die lokalen Verkehrsbehörden sind jetzt sehr viel freier beim Anlegen von Zebrastreifen – wenn sie dies wollen und der politische Wille vorhanden ist.
Zebrastreifenbefürworter verlieren die Abstimmung
Kampfabstimmungen gab es dagegen über die Alternative Zebrastreifen oder Überquerungshilfen bei den Kreisverkehren an den klassifizierten Straßen (Bahnhofstraße, Theresienplatz und Bismarckstraße/Marktplatz). Mit 5:13 Stimmen verloren die Zebrastreifenbefürworter die Abstimmung über die Kreuzung am Modehaus Weinmann, und die sechs Stimmen aus den Fraktionen der SPD und der Offenen grünen Liste (OGL) genügten auch nicht gegen eine Übermacht von 13 Stimmen aus den anderen Fraktionen, um bei den anderen beiden Kreisverkehren Überwege einzurichten. Zuvor hatte Verkehrsplaner Weber behauptet, Mittelinseln seien „gute Möglichkeiten der Überquerung“, Zebrastreifen und Mittelinseln seien „beides gute Lösungen“.
Die Diskussion SPD-Stadtrat Thomas Herrmann wunderte sich darüber und fragte den Planer: „Warum raten Sie von Zebrastreifen ab? Hat Trossingen einen Sonderstatus?“ Schließlich würden ja die Schulleiter eindeutig für Zebrastreifen votieren – „sie kennen die Situation seit Jahrzehnten und wollen Sicherheit für ihre Schüler.“
Verhalten der Kinder im Blick
Laut Verkehrsplaner hat man sich in Trossingen vor viele Jahren entschieden, die Sicherheit vor allem durch Mittelinseln sicherzustellen. „Das Wohl der Kinder steht bei beiden im Vordergrund“, beteuerte er und gab zu bedenken, dass auch von anderer Seite Forderungen nach Zebrastreifen kommen, wenn man einmal beginne, Zebrastreifen an Schulen aufzumalen. Auch SPD-Fraktionssprecher Vatche Kayfedjian sprach sich für die Querungsanlagen mit Vorrang für Fußgänger aus: „Für uns kann es keinen sicheren Schulweg ohne Zebrastreifen geben.“
Daniela Lemke (OGL) führte aus, dass Grundschüler nicht in der Lage sind, die Geschwindigkeit von Autos einzuschätzen, weshalb für sie ein Zebrastreifen sicherer sei als eine Mittelinsel. „Kinder überqueren Straßen nicht gerade, aber Zebrastreifen geben einen Weg besser vor“, sagte die Erzieherin, und: „Wir wollen, dass Eltern ihre Kinder in die Schule schicken können.“
Mehr Wertschätzung für Fußgänger gefordert
Selbst CDU-Fraktionssprecher Jürgen Vosseler sprach seine Verwunderung darüber aus, „dass wir keine Zebrastreifen haben“. Der Gemeinderat müsse sich grundsätzlich über Zebrastreifen unterhalten. Martin Häffner (OGL) widersprach der Argumentation, ein Zebrastreifen biete nur eine Scheinsicherheit. „Dass sich Leute – also Autofahrer – nicht daran nicht halten, könnte man auch auf jede andere Verkehrsregelung anwenden“, so der ehemalige Museumsleiter. Er plädierte dafür, mit Zebrastreifen den Fußgängern mehr Rechte einzuräumen. Dies sei „ein Statement unserer Stadt, Fußgängern mehr Wertschätzung entgegen zu bringen“.
Dagegen bescheinigte der ehemalige Polizeiführer Werner Dressler, die jetzige Situation mit den Mittelinseln sei sicher. Dressler argumentierte so: „Den Kindern wird gesagt, du hast Vorfahrt auf dem Zebrastreifen, das will ich vermeiden. Das Kind denkt fälschlicherweise, das Auto muss halten.“ Doch es gebe auch Autofahrer, die Zebrastreifen nicht beachten. Erst ab zehn Jahren könnten Kinder das Verkehrsgeschehen überblicken.
Plädoyer für Mittelinseln
Dem widersprach Thomas Herrmann: Kinder würden so erzogen, dass sie am Zebrastreifen erst nach links und rechts schauen, bevor sie loslaufen. Klaus Butschle (CDU) findet: „Die Fußgänger haben gelernt, mit den Mittelinseln umzugehen. Mittelinseln sind bewährte Lösungen.“ Auch Simon Kapp meinte, Mittelinseln seien ideal, die Kinder müssten nur den Verkehr von jeweils einer Fahrbahn beobachten.
„Ein Zebrastreifen gaukelt eine falsche Sicherheit vor“, befand Ingo Hohner von den Freien Wählern, gefährlich seien dagegen junge Radler und E-Scooter-Fahrer, denn Autofahrer könnten kaum reagieren, wenn sie „um das Eck geschossen kommen“.
Weil Thomas Herrmann (SPD) bekräftigte, er wolle das Wohl der Fußgänger voranbringen, stellte Bürgermeisterin Susanne Irion klar: „Ich nehme für mich und alle anderen in Anspruch, dass uns in gleicher Weise am Wohl der Fußgänger gelegen ist.“
Die Entscheidung Lediglich einen einzigen Zebrastreifen beschloss der Gemeinderat: beim Schulzentrum, da sind es mehr als 100 Fußgänger, die in Spitzenstunden die Straße überqueren. Der Zebrastreifen soll an der Kreuzung Bahnhof- und Hangenstraße in der Bahnhofstraße eingezeichnet werden, die Straße zudem auf 4,50 Meter eingeengt werden. In der Hangenstraße verkehren 3000 Fahrzeuge pro Tag, in der Bahnhofstraße 5300. In der Bahnhofstraße werden beim Schulzentrum 500 Fußgänger gezählt, die zwischen 6 und 19 Uhr (13 Stunden) die Straße überqueren, in Spitzenstunden bis zu 112 Fußgänger. Sollte das Landratsamt den Zebrastreifen ablehnen, sollen großflächige Fußgänger-Piktogramme auf die Straße aufgemalt werden.
Kein Zebrastreifen beim Gasthaus Alte Kelter
Einigkeit herrschte an anderer Stelle: Einstimmig fiel der Beschluss, am Kreisverkehr Christian-Messner-Straße/Robert-Bosch-Straße/Heinz-Mecherlein-Straße am Gasthaus Alte Kelter/Da Camillo keine Zebrastreifen einzurichten.
Blick in die Statistik
Unfälle mit Fußgängern
Nach Angaben der Stadt gab es in den vergangenen zehn Jahren 18 Schulwegunfälle in Trossingen, jedoch keinen direkt an einer der Schulen oder an Kreuzungen. Nach der Unfallauswertung der Polizei gab es nur einen Unfall mit einem Fußgänger im Bereich der beiden Kreisverkehre in der Bahnhofstraße. Damit sind die Querungshilfen in Form der Mittelinseln an den Kreisverkehren laut Stadt „die sicherste Querungsmöglichkeit für Fußgänger“. Dies auch, da Fußgänger und Fahrzeuglenker Rücksicht aufeinander nehmen, was bei Fußgängerüberwegen seitens der Fußgänger vielfach nicht der Fall sei.