DEB-Sportdirektor Christian Künast freut sich auf den Deutschland-Cup in Krefeld, der 50-Jährige kritisiert im Interview aber die rigideren Coronavorgaben für das Eishockey.
Stuttgart - Beim Deutschland-Cup trifft die deutsche Mannschaft in Krefeld auf eine russische Auswahl, die Schweiz und die Slowakei. Sportdirektor Christian Künast vom Deutschen Eishockey-Bund (DEB) ist froh, dass wieder Fans in der Halle sein werden – doch ganz glücklich ist er nicht.
Herr Künast, Deutschland-Cup vor Zuschauern im Gegensatz zur leeren Kulisse 2020 – im Eishockey kehrt die Normalität zurück.
So ganz ist sie aber noch nicht wieder zurück.
Wie meinen Sie?
Als die Nationalspieler am Montag angekommen sind, wurden alle getestet, bevor sie das Stadion betreten durften, auch wenn sie mit einem negativen Test angereist sind. Corona und die Pandemie, das sind Themen, die uns noch eine Weile begleiten. Bis zu den Spielen und während des Turniers wird das gesamte Team mehrfach getestet. Es geht nicht nur um einen coronafreien Deutschland-Cup, sondern auch darum, dass alle Nationalspieler wieder gesund zu ihren Vereinen zurückkehren. Erst dann haben wir unseren Job erfüllt.
Mit Fans sollte wieder echte Eishockey-Stimmung wie in der DEL aufkommen.
Wir freuen uns auf die Fans, aber wir registrieren die Entwicklung, die auch in den übrigen Ligen quer durch den Sport feststellbar ist, dass es weniger Zuschauer sind als früher, weil einige vorsichtig sind. Das wird uns auch beim Deutschland-Cup treffen.
Wie sind die Coronaregeln in Krefeld?
Bisher galt keine Maskenpflicht in Nordrhein-Westfalen, aber im Deutschland-Cup wird eine auf den Plätzen gelten. Hier gilt 3 G, in Füssen, beim Olympia-Qualifikationsturnier der Frauen, gilt für die Zuschauer 2 G, da muss man als Verband flexibel sein.
Leidet Eishockey mehr unter der Pandemie als andere Sportarten?
Ich will ganz offen sein. Betrachten Sie das aktuelle Geschehen, das aus meiner Sicht an der einen oder anderen Stelle unfair ist, weil Sportarten unterschiedlich bewertet werden. Ich finde, dass in einer großen Eishalle bezüglich Corona nicht mehr passieren kann als in einer Arena draußen. Für uns gelten Regularien, die strenger sind – das macht es uns doppelt schwer und sollte dringend überdacht werden. Ich denke da an Kinder und Jugendliche. In die Schule müssen sie gehen, wo sie im Klassenzimmer nebeneinander sitzen, aber in eine Sporthalle sollen sie nicht. Wir sollten unsere Kinder zum Sport bringen und nicht davon weg, aber das scheint die Tendenz in der Pandemie zu sein. Ich weiß natürlich, dass es schwer ist, Entscheidungen zu treffen, die für alle passen.
Vergangenes Jahr musste der DEB ohne Fans einen Verlust von 300 000 Euro ausgleichen. Schreiben Sie 2021 wenigstens eine schwarze Null?
Die Abrechnung wird erst in ein paar Wochen vorliegen. Natürlich sehen wir in dem Turnier auch einen finanziellen Aspekt, aber dieses Jahr ist der Deutschland-Cup ein Testturnier für die Olympischen Spiele in Peking und die WM 2022 in Finnland – es ist eine Standortbestimmung für das deutsche Eishockey.
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Und die Generalprobe für Peking.
So würde ich das nicht nennen. Es fehlen einige wichtige Spieler, die wegen Krankheit oder Verletzung abgesagt haben. Der Kader der Nationalmannschaft ist deutlich größer als früher, und es sind noch etwa drei Monate bis zu den Spielen. Ich würde daher nicht von einer Generalprobe sprechen.
Es fehlen auch die NHL-Profis, die das Gesicht des Teams massiv verändern.
Grundsätzlich ist es das Credo von Bundestrainer Toni Söderholm: Wir spielen, um zu gewinnen. Wir wollen eine Mentalität des Siegen-Wollens in der Nationalmannschaft aufbauen. Wir blicken da nicht nur auf Olympia, danach folgt ja noch eine WM – bei zwei Großereignissen in einem Jahr braucht man viele Spieler. Es werden nicht alle, die in Peking aufs Eis gehen, auch bei der WM sein. Deshalb benötigt man einen großen, konkurrenzfähigen Kader – das ist der Aspekt, der dem Deutschland-Cup zugrunde liegt.
Es werden auch Talente aus dem Peking-Perspektivkader an die A-Mannschaft herangeführt.
Genau so ist es. Junge Spieler wie Alexander Ehl oder Taro Jentzsch, die ich schon in der U 20 betreut habe, peu à peu an dieses Niveau heranzuführen, damit sie international ihren Weg machen.
Es gab Olympia-Silber 2018, und bei der WM 2021 erreichte das Team das Halbfinale. Die Ansprüche sind gewachsen, das müsste Sie als DEB-Sportdirektor doch eigentlich freuen, oder?
Das ist auf alle Fälle eine Herausforderung. Es macht Spaß, wenn man Erfolge feiert, aber jetzt kommt der nächste Schritt, indem wir versuchen, uns oben zu etablieren. Ich will es Ihnen offen sagen: Es wird auch Rückschritte geben. Es werden Tage kommen, bei denen Deutschland bei einer WM das Viertelfinale verpasst – weil es in der Weltspitze sehr eng zugeht. Da gibt es Nationen, die derzeit in der Weltrangliste hinter uns stehen, die an einem guten Tag jeden schlagen können.
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Ist Deutschland als Fünfter der Rangliste nicht überbewertet? Tschechien ist Sechster, Schweden Siebter, diese Teams sind eigentlich stärker einzuordnen.
Wenn Sie das in fünf Jahren fragen, und wir stehen immer noch dort, sage ich: Wir gehören dort hin. Ganz ehrlich? Ich sehe uns auf den Rängen von sechs bis neun. Nach oben kommen, geht leichter, als sich oben halten.
Es hat sich seit den verpassten Spielen von 2014 viel getan im DEB. Programme und Konzepte wurden eingeführt – ist das der Weg, um Konstanz zu erlangen?
Ich bin seit sechs Jahren beim DEB. Als ich U-20-Trainer war, spielte maximal einer regelmäßig in einer DEL-Mannschaft. Nun haben viele U-20-Spieler diesen Schritt geschafft, der Erfolg ist messbar in Zahlen. Nachwuchsarbeit kann man im Grunde erst nach acht bis zehn Jahren bewerten, das tun wir nun auch. Aber wir dürfen jetzt nicht stillhalten und müssen die Konzepte überarbeiten.
In Füssen kämpfen die Frauen ums Olympia-Ticket. Wie wichtig wäre es, wenn Männer und Frauen in Peking starten könnten?
Vor allem wäre es eine Belohnung für die Frauen, die viel auf sich nehmen, um ihren Sport auf diesem Niveau zu betreiben. Es wäre besonders fürs Frauen-Eishockey wichtig, weil Olympia eine Bühne wie keine andere ist. Wir sind da ein wenig hintendran, aber wir haben die Strukturen verbessert und sind da dran. Es geht darum, positive Ergebnisse zu liefern, und dafür wäre die Olympia-Qualifikation ein wichtiges Zeichen.