David Moore ist seit Herbst 2007 beim Stuttgarter Ballett. Seine Ausbildung hat er in London erhalten. Foto: die arge lola

Von London nach Stuttgart: Schon andere Tanzschaffende führte dieser Schritt zum Erfolg. Der 25-jährige Brite David Moore, seit 2007 in Reid Andersons Kompanie, könnte der Nächste sein, dessen Stern hier aufgeht. Demis Volpi schreibt dem Halbsolisten die Titelrolle des Krabat auf den Leib.

Stuttgart - Wie wäre es, wenn sein Name in einem Atemzug genannt würde mit Berühmt­heiten seiner Heimatstadt Ipswich? Mit den Malern John Constable und Thomas Gainsborough oder dem Schriftsteller Charles Dickens etwa, die in der Stadt im Südosten Englands tätig waren.

Der Halbsolist lächelt, winkt aber nicht ab. Gelassen erwähnt er, dass er in der ­Constable Road aufgewachsen sei, nahe eines Parks und mit drei Geschwistern. Sich verorten im Drumherum. Das tat ­Moore auch, als ihn der Choreograf Demis Volpi vor etwa einem Jahr fragte, ob er die Titelpartie in dem von Otfried Preußler inspirierten „Krabat“ übernehmen wolle. Volpi erinnert sich genau an die Antwort. Sie lautete: „Ich ­freue mich, bei deinem ­ersten Handlungsballett dabei zu sein.“

Der 25-Jährige hätte über die erste Hauptrolle jubeln können. Aber er begriff sich als Teil des großen Ganzen. ­Volpi wusste: „Ich habe den Richtigen ausgewählt.“ So unauffällig sich David Moore in einer ­graubraunen Alltagskleidung auch gibt, auf der Bühne sticht der Halb­solist längst ins Auge: Durch Spielfreude in kleineren Partien wie Graf N in John Neumeiers ­„Kameliendame“ oder als Gurn in „La ­Sylphide“ von Peter Schaufuss etwa.

Das Publikum kennt den präzisen Techniker mit den jungen Zügen eines Prinzen aber auch aus modernen Stücken. Er tanzte in Marco Goeckes „Black Breath“ oder in ­Edward Clugs „Sss. . .“. Schon bei vier ­Noverre-Abenden hat David Moore die Seiten gewechselt und selbst choreografiert. Nun tanzt der Halbsolist in „Krabat“ nicht nur die erste Hauptrolle seines Lebens. Er wird die zentrale Figur einer Uraufführung.

Erstes Projekt war "Nussknacker"

Mit zehn Jahren kam David Moore über seine ältere Schwester zum Tanz. „Meine erste Ballettstunde habe ich in Rugby-Kleidung genommen“, erzählt er. „Meine Mutter wollte mir nichts anderes kaufen, bevor nicht klar war, ob mir Ballett überhaupt liegt.“ Doch er mochte die Arbeit an der Körperspannung. Auch ein Video mit Michael Flatleys Riverdance-Truppe habe ihn beeindruckt. „Es waren solche kleinen Eindrücke, die mich zum Tanz ­gebracht haben.“

Das änderte sich zwei Jahre später. Da erzählte ihm ein Freund von der berühmten Royal Ballet School. Wo andere einen Plauderton anschlagen ­würden, klingt der 25-Jährige gewissenhaft, wenn er sagt: „Ich wollte damals etwas Auf­regendes, Neues und Großes er­leben. Als ich dann die Aufnahmeprüfung an der Royal Ballet School bestand, fiel ich mitten hinein in die Welt des ­Tanzes.“

„Nussknacker“ war sein erstes Projekt, eine Zusammenarbeit mit den Profis vom Royal Ballet. Damals war er zwölf Jahre alt. „Wohl jeder ­Ballettschüler damals träumte davon, irgendwann zu dieser Kompanie zu ge­hören.“ Ein Wunsch, den er nicht vergaß. ­Daher fürchtete sich David Moore in seinem Abschlussjahr fast davor, man könne ihm einen Royal-Ballet-Vertrag anbieten. „Den hätte ich angenommen, schon, um meinen Jugendtraum zu verwirklichen“, sagt er. „Doch so sehr ich als Teenager nach London wollte, so sehr hatte ich zu dieser Zeit genug von diesem Trubel.“

Und warum Stuttgart? Zum einen hatte er als Ballettschüler aus der Distanz mitbekommen, wie die Talente Alexander Jones und William Moore von London nach Stuttgart gegangen waren. Der andere Grund: „Unser Ballettschuldirektor hatte die Bedeutung der Stuttgarter Kompanie einmal mit der des Royal Ballet verglichen.“

„Für mich war es weniger wichtig, die Hauptrolle zu bekommen“

2007 kam David Moore in den Süden Deutschlands. Und war froh, nun an einem ruhigeren Ort zu sein. „Hier kann man sich gut ­darauf konzentrieren, was man wirklich tun will. Und von Anfang an fühlte ich mich als Teil des Stuttgarter Balletts.“

Kaum sechs Jahre später wird dieser Teil in „Krabat“ zum Titelhelden. „Für mich war es weniger wichtig, die Hauptrolle zu bekommen“, sagt David Moore, seit Herbst 2010 Halbsolist. „Entscheidender ist, dass Demis Volpi die Rolle kreiert.“ David Moore schätzt, was der Argentinier geschaffen hat. ­„Demis hat eine klare Vorstellung davon, was er erreichen will“, berichtet Moore von den Proben. „Aber seiner Aufmerksamkeit entgeht nichts. Probiere ich etwas in einer Ecke aus, das ihm gefällt, kann es Teil des Stücks werden.“ Bei aller Konzentration sei Volpi sehr offen. „Ich glaube, durch diese Art wirkt das Ergebnis auf der Bühne so stimmig und doch so frisch.“

Und wer ist Krabat? „Im Grunde eine ­unspezifische ­Person, auf den verschiedene Kräfte und Situationen einwirken“, skizziert der Interpret die Figur. Die Geschichte hat mit schwarzer Magie zu tun, mit Erlösung durch Liebe. „Doch es geht auch um das Zusammenleben der Gesellen in der Mühle“, sagt Moore. „Ich war ja selbst in einem Internat und kenne solche Gemeinschaften.“ Menschen trauten sich in Gruppen oft nicht mehr, etwas auszusprechen, wenn das von der allgemeinen Sicht abweiche. „Es geht auch darum, seine Meinung zu vertreten.“

Eigen ist David Moore, wenn es um ­seine Traumrolle geht. Diverse Prinzen, Lenski, Onegin, Armand Duval, Romeo? „Für mich ist die Krabat-Rolle das Beste, was ich mir denken kann: Etwas Neues zu machen ist das Größte.“ Dazu kommt ein Anliegen: „Ich hoffe, dass durch ,Krabat‘ Leute im Teenager-Alter zum Ballett finden.“ Schließlich sei es schade, wenn die jüngere Generation im begeisterungs­fähigen Stuttgarter Publikum fehlt.

Die Uraufführung von "Krabat" ist am 22. März, 19 Uhr. Es gibt noch Restkarten. Telefon: 07 11 / 20 20 90. Alle Infos finden Sie hier.

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