Anne Mey ist über 60, geschieden und beschließt, im Internet auf die Pirsch zu gehen. Ein Gespräch über desaströse Liebesnächte und die neue Unentschlossenheit in Liebesdingen.
Das erste Date, mit dem sich Anne Mey trifft, hat Ähnlichkeit mit Louis de Funès. Zweieinhalb Stunden sitzt sie mit dem glatzköpfigen Doppelgänger des französischen Filmkomikers in einem Café. Spätestens als er von platonischer Liebe schwärmt und vor ihr übertrieben mit einem prall gefüllten Portemonnaie wedelt, ist ihr klar: Das wird nichts.
Zusammengezählt über ein Jahr lang hat sich die Geschichtswissenschaftlerin aus Berlin durch Profile von Männern zwischen 50 und 65 geklickt, war täglich auf bekannten Dating-Plattformen unterwegs, schrieb mit unzähligen Kandidaten hin und her. 16 hat sie am Ende getroffen. Es entwickelten sich Freundschaften, eine vierjährige Beziehung, manchmal gab es einfach nur guten oder schlechten Sex. „Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein“, sagt Anne Mey.
Tindern ab 50 mit Tabus behaftet
Das Goethe-Zitat hat Anne Mey auch in ihrem Buch verwendet, das sie über die intensive Dating-Zeit geschrieben hat. „Bekenntnisse einer Seniorin“ – der Titel kommt nicht von ihr, sondern von ihrem Verlag. Plakativ, aber wirksam. Denn während unzählige Mittdreißiger ihre Dating-Erfahrungen mit der Welt teilen, ist das Tindern ab 50 immer noch mit Tabus behaftet.
Als Anne Mey damit anfing, war sie gerade 60 und schon ein paar Jahre geschieden. Das jüngste Kind wurde langsam flügge. „Ich dachte, wenn nicht jetzt, wann dann?!“ Auf ihrem Profil, auf das sie ein verschwommenes Foto hochlud, machte sie sich vier Jahre jünger.
Die Schummelei fiel nicht auf. Auch heute, mit 68 Jahren, ist ihr kinnlanges braunes Haar nur mit einem ganz leichten Grauschimmer überzogen. „Da hab ich Glück gehabt“, sagt Anne Mey an einem sonnigen Märztag in einem Berliner Café mit gemütlichen Sitzecken. Hier trifft sie sich immer noch mit einem Antiquitätenhändler, den sie über das Internet kennengelernt hat. Einem, wie sie findet, durchaus attraktiven Mann, der ihr aber von Anfang an irgendwie „zu hibbelig“ war, doch der inzwischen zu einem guten Freund geworden ist.
Große Bierbäuche und starkes Parfüm
Was ihre eigene Erscheinung angeht, so ist sie selbstbewusst, aber auf dem Boden der Tatsachen. „Ich weiß schon, dass ich nicht unbedingt ein Ladenhüter bin.“ Ihre blauen Augen hat sie dezent mit Kajal betont, passend zur Farbe einen Seidenschal um den Hals geschlungen. Die Lebendigkeit, die sie ausstrahlt, kommt jedoch von ihrem hellen spontanen Lachen, manch witzigem Spruch und intelligenter Bemerkung.
Eine direkte Art, die manchen Herrn der alten Schule vielleicht doch eher in die Flucht schlägt. Schonungslos ehrlich berichtet die schlanke Frau in ihrem Buch, wie abtörnend große Bierbäuche auf sie wirken oder zu starkes Parfüm, das den Altmänner-Geruch übertönen soll. Auch eine „Papageienzunge“ beim Küssen macht sie nicht gerade an, genauso wenig, wie wenn ihr ein potenzieller Dating-Partner schon am Telefon erzählt, dass er sich die Altersflecken auf dem Rücken wegschaben lässt.
Die gebürtige Rheinländerin, die seit ihrer Studienzeit in Berlin lebt, kann aber auch selbstironisch sein. Wie ein „Pfau auf dem Misthaufen“ habe sie sich gefühlt, nachdem sie sich im Glitzer-Outfit in einem Restaurantgarten mit speckigen Tischen wiederfand und das Date im Jogginganzug auf dem Liegerad erschien. Mit Humor nimmt sie es auch, dass ihr ein schmächtiger Mann nach einer desaströsen Nacht mitteilte, er habe Angst gehabt, sie könnte ausgefallenere sexuelle Praktiken mögen.
Anne Mey lässt die Männer aber nie einfach so stehen, sondern hört sich aufmerksam ihre Lebensgeschichten an. Nur manchmal bedient sie sich hinterher einer Ausrede. „Es tut mir leid. Ich hänge wohl doch noch zu sehr an meinem Ex.“
Auch Heiratsschwindler versuchen es bei ihr
Doch auch sie bekommt häufig Ausflüchte zu hören. Da ist der Pferdedoktor, der zwar ständig Nachrichten schreibt, es aber nie schafft, anzurufen. Oder der gut aussehende „Colonel Anderson Seal“, der gerade in Afrika stationiert ist und ankündigt, nach Deutschland ziehen zu wollen. Sein Sohn brauche eine gebildete Mama wie sie, schreibt er ihr in einer seiner vielen überbordenden Liebes-Mails. „Sogenannte Love-Scammer suggerieren ihren Opfern, sie hätten sich verliebt. Etwas später bitten sie um Geld“, weiß Anne Mey heute. Sie zieht immer rechtzeitig die Reißleine. Trotzdem weiß sie nach einer wochenlangen schriftlichen Konversation mit einem Fake-Kontakt, wie sich Opfer dieser modernen Heiratsschwindler fühlen: „Beschämt, missbraucht und unendlich dumm.“
Doch die Dating-Zeit wird auch von einer vierjährigen Beziehung zu Hugo unterbrochen, den sie ebenfalls über ein Portal kennen und lieben lernt. Details dazu spart sie im Buch aus, auch, weil er inzwischen verstorben ist. Nur so viel: Die Beziehung sei leidenschaftlich gewesen, aber auch von Krankheit überschattet.
Leidenschaftliche Affäre mit einem Oberst
Nachdem sich Hugo trennt, meldet sich Anne Mey erneut bei einem Dating-Portal an. Als sie entdeckt, dass ihr Ex dort ebenfalls sein altes Profil aufgepeppt hat, fühlt sie Ekel: „Als ob er mich vier Jahre gebraucht und dann zurückgegeben hätte, um mich gegen ein neues Modell einzutauschen“, schreibt sie in ihrem Buch. „Dabei hatte ich mich doch selbst wieder dem Markt zugeführt.“
Mit einem Oberst aus Helmstedt spürt sie sofort eine starke körperliche Anziehung und beginnt eine weitere leidenschaftliche Affäre. „Diese plötzliche sexuelle Chemie verflüchtigt sich offenbar genauso schnell wie sie kommt, wenn sie nicht durch andere Gemeinsamkeiten genährt wird“, muss Anne Mey bald feststellen. Sie teilt seine Begeisterung für Stilmöbel nicht, die er aus der alten Ehe am liebsten in eine neue gemeinsame Wohnung mitbringen würde. Und politisch liegt man auch völlig auseinander.
Als der Oberst für eine letzte Mission in die Türkei versetzt wird, datet sie weiter und merkt, wie die Suche im Netz allmählich zur Sucht wird. „Man will mehr, immer mehr. Der Dating-Süchtige fürchte den Zeitverlust. Wenn es sich in einigen Tagen herausstellt, dass es mit X nichts wird, hat er vielleicht in dieser Zeit versäumt, Y zu finden“, beschreibt sie das Phänomen. „Man lässt sich nicht mehr ein, man fürchtet, Zeit mit dem Falschen zu verlieren. Es ist, als ob man beim Abklappern der Profile bei sich selber etwas abnutzt.“
Frauen legen sich mehr ins Zeug
Fast nebenbei entlarvt sie auch die Funktionsweise der virtuellen Kontaktbörsen, in denen diejenigen, die zahlen, auch die größere Auswahl hätten. Was ihr noch auffällt: Ab einem gewissen Alter legten sich Damen viel mehr ins Zeug, während sich die Herren eher zurücklehnten. „Das liegt vielleicht auch daran, dass beim Online-Dating ab 50 die Frauen deutlich in der Überzahl sind“, vermutet die Autorin.
So ist es auch bei einer Veranstaltung des Portals „lebensfreunde.de“ in Berlin-Mitte, auf der Anne Mey aus ihrem Buch lesen soll. Die Online-Singlebörse für Menschen 50plus – seit ihrer Gründung im Jahr 2018 deutschlandweit auf über 300.000 Mitglieder angewachsen – organisiert regelmäßig Kulturveranstaltungen, Wanderungen und Fahrradtouren. „Die rüstigen Rentner sind ein großer neuer Markt, den diese Agenturen zunehmend entdecken“, sagt Mey, die für die Lesung selbst keine Gage bekommt.
Peppige Farben für Menschen über 50
Etwa 20 Senioren, die Älteste mit Gehhilfe, lauschen gebannt, amüsiert und verwundert ihren Abenteuern, die sie einst in Tagebuchform notierte, um sie für sich zu verarbeiten.
Ein großer Monitor im dafür umfunktionierten Konferenzraum wurde mit einem Tuch verhängt. „Lebensfreunde“ steht in lilafarbenen Lettern auf schwarzem Grund. „Ich dachte erst, ich wäre als Trauerrednerin eingeladen“, wird Mey später spotten. „Warum gönnt man Menschen über 50 nicht ein paar peppigere Farben?“
Gleich der nächste Verehrer nach der Veranstaltung
Nach der Veranstaltung hat sie direkt einen weißhaarigen Verehrer im Schlepptau, der sie zum U-Bahnhof begleitet. Doch er ist nicht ihr Typ.
Das war am ehesten der Pastor aus Süddeutschland. Rudolph, Anfang 60, groß, gut aussehend, dichte braune Haare, gut gekleidet, gefällt ihr sofort, als sie ihn am Bahnhof in Berlin empfängt. Neun Stunden verbringen sie zusammen, tolle Gespräche, romantischer Spaziergang am See, Essen im Restaurant, innige Umarmung am Bahnhof.
Pastor kann sich nicht entscheiden
Danach löscht sich Anne Mey von allen Partnerbörsen – fühlt sich irgendwie angekommen und unglaublich befreit. Doch es stellt sich heraus, dass sich der Pastor zwischen mehreren Damen nicht entscheiden kann. Dazu kehrt Rudolph die Dinge gerne um. „Bist du eine Trophäensammlerin?“, fragt er seine Berliner Flamme bei einem letzten Treffen.
„Nein, ich habe keine Männer gesammelt, wenn, dann nur witzige Anekdoten“, sagt Mey heute rückblickend und nimmt einen Schluck frisch gepressten Orangensaft. Zwar hat sie beim Online-Daten nicht den Mann fürs Leben gefunden, dafür aber das Hobby ihres Lebens: das Schreiben. Der nächste Roman „Löwenzahnmilch“ wird im Frühherbst erscheinen und ist eine Familiengeschichte.
Die Zweifel kommen
Die Erfahrungen aus dem Online-Dating haben ihr nicht nur den Weg in die Belletristik geebnet. „Sie haben mich auch selbstbewusster für spontane Begegnungen gemacht.“ Inzwischen könne sie sich auch vorstellen, einfach den Nachbarn im Kino anzusprechen, wenn der ihr gefällt.
Allerdings ist sich Anne Mey heute nicht mehr so sicher, ob sie überhaupt so gut mit einem Mann im Seniorenalter leben könnte. „Ich will morgens nicht gemütlich frühstücken. Ich will am liebsten gleich wieder an meinen Schreibtisch.“