So stellen sich viele die Wohnung eines „Messies“ vor. Dahinter steckt aber eine viel größere Problematik. Foto: Messie-Notdienst/Möbes

Gegenüber „Messies“ bestehen viele Vorurteile, die oft nicht der Wahrheit entsprechen. Auch nach dem Brand in einer vermeintlichen Messie-Wohnung in Bad Herrenalb lief die Gerüchte-Küche an. Eine Psychologin und ein Entrümpler klären über die Realität auf und geben Einblicke in die Gefühlswelt der Betroffenen.

Durch die staubigen Vorhänge dringt kaum noch Licht, der Boden ist nicht mehr zu erkennen. Kartons, Dosen und anderer Müll stapeln sich bis zur Decke, auf dem Sofa ist kein Platz mehr und in der Luft liegt ein muffiger Geruch. Was für die einen undenkbar klingt, ist für andere tägliche Realität.

 

Diese Wohnungsvermüllung ist oft eine Folge des sogenannten Messie-Syndroms und beschreibt genau das Bild, das die meisten Menschen mit dem Begriff „Messie“ verbinden. Wie problematisch diese Pauschalisierung ist, weiß Susanna Hartmann-Strauß. Die Psychotherapeutin und Supervisorin leitet eine Praxis in Neuweiler und behandelt in ihrer kognitiven Verhaltenstherapie auch Menschen, die unter dem Syndrom leiden.

Es ist wichtig zu verstehen, dass der Begriff „Messie-Syndrom“ oft im Zusammenhang mit Vermüllung und Horten verwendet wird, diese jedoch nicht zwangsläufig zusammenhängen.

Das „Messie-Syndrom“

So ist das „Messie-Syndrom“ vor allem eine psychische Störung, bei der Betroffene Schwierigkeiten haben, sich von Gegenständen zu trennen – unabhängig von deren tatsächlichem Wert. Diese Menschen befinden sich laut Strauß in einem Zustand der Desorganisation, haben Probleme mit sozialen Verpflichtungen und Entscheidungsfindungen.

Sie leiden an einer Wertbeimessungsstörung; schreiben Dingen und Besitztümern einen deutlich höheren Wert zu, als andere Menschen es tun würden. „So kann eine leere Flasche ein wichtiger Teil einer Erinnerung sein, oder aber für einen späteren Nutzen aufgehoben werden“, erklärt die Psychologin.

Daher ist ein Aussortieren für Betroffene oft unmöglich und geht mit großer Angst einher. „Sie fürchten, einen Teil ihrer Identität abzugeben, Erinnerungen zu verlieren oder etwas zu verschwenden.“

Das Syndrom könne eigenständig existieren, aber auch eine Begleiterscheinung anderer Störungen sein, wie beispielsweise Psychosen, Depressionen, ADHS oder anderen Zwangsstörungen.

Vermüllung kann auch anderen Ursprung haben

Doch Menschen, die ihre Wohnung übermäßig vermüllen, sind nicht gezwungenermaßen auch pathologische Horter oder „Messies“ im umgangssprachlichen Sinne. „Diese Vermüllung kann ganz andere Gründe haben“, meint Strauß. „Beispielsweise ein schweres Alkoholproblem oder eine andere schwere psychische Erkrankung. Die Grundproblematik ist also eine ganz andere.“ Der einfache Blick in eine zugestellte, vermüllte Wohnung sagt also nicht gleich auch etwas über den Menschen aus, der in ihr lebt.

Der Unterschied von Hortern zu „Messies“

„Der Unterschied zwischen den pathologischen Hortern und den Menschen mit dem Vermüllungssyndrom liegt vor allem in der Aufbewahrungsnotwendigkeit“, führt Strauß aus. „Die einen haben das subjektive Gefühl, dass sie sich von Dingen nicht trennen können, ganz egal welchen Wert sie haben. Sie würden massiv darunter leiden, sich von ihren Sachen zu trennen. Und die anderen kriegen es aufgrund ihrer Erkrankung schlichtweg nicht hin, Ordnung zu halten.“

Das pathologische Horten habe vor allem emotionale Gründe. „Die Betroffenen haben beispielsweise das Gefühl, Grundbedürfnisse nicht erfüllt zu bekommen. Keine funktionierende Beziehung, keine Freunde und ein schwaches soziales Netz. Das muss irgendwie kompensiert werden – und manche machen das durch Einkaufen und Horten.“ Auch ein schwerer Verlust kann ein Auslöser für die Störung sein. „Die innere Leere wird durch äußere Füllung kompensiert“, verdeutlicht die Psychologin.

Betroffene sind oftmals sehr intelligent

Das Paradox: Gerade diese Menschen sind oftmals sehr gebildet, leistungsorientiert, alles andere als faul und widersprechen somit den allgemeinen Vorurteilen. „In den meisten Fällen würde man bei ihnen nicht einmal vermuten, dass sie diese Ordnungsprobleme haben“, meint Strauß. „Denn diese treten ausschließlich im eigenen Wohnbereich auf.“

„Meistens funktionieren sie besser als andere“

Denselben Eindruck hat auch Sven Möbes. Er ist Leiter des Messie-Notdienstes in Baiersbronn und räumt bereits seit mehr als drei Jahren in problematischen Wohnungen auf. Meist befinden sich diese Wohnungen schon in einem Zustand, der ein normales Leben unmöglich macht. Im Durchschnitt benötigt sein dreiköpfiges Team drei bis vier Tage, um die einzelnen Wohnungen aufzuräumen, die Besitztümer und Wertgegenstände vom Müll zu trennen und gründlich zu reinigen.

Eine vermüllte Wohnung Foto: Messie-Notdienst/Möbes

Auch Möbes weiß aus Erfahrung, wie unterschiedlich die Gründe für den Zustand der Wohnungen sein können – und bestätigt die Tatsache, dass Betroffenen meist sehr intelligente Menschen mit einem guten Job sind. „Meistens funktionieren sie in ihrem Beruf besser als andere.“

Eine Folge: Geringes Selbstwertgefühl

„Die Wohnung spiegelt die Seele des Menschen wieder, der in ihr lebt“, zitiert er. „Das ist schon wahr.“ Oftmals sei das Selbstwertgefühl seiner Kunden so gering, dass „sie sich selbst wie Müll fühlen.“

Er erinnert sich an einen Mann, der zu ihm sagte: „Eigentlich könnt ihr mich direkt neben die Müllsäcke stellen.“

Seit Corona sei die „Messie-Problematik“ deutlich angestiegen – wie die meisten psychischen Erkrankungen auch. „Noch weniger soziale Kontakte, dazu vielleicht auch der Verlust des Jobs, Depressionen“, zählt Möbes aus. „Das macht was mit den Menschen. Es hat sich wirklich verschlimmert.“ Mittlerweile ist er täglich im Einsatz, um Betroffenen zu helfen.

Ein Vorher-Nachher-Bild eines Einsatzes von Möbes Foto: Messie-Notdienst/Möbes

Auch in Sachen Sicherheit sind die Wohnungen problematisch. Herumliegende Zigaretten, Kerzen, Kabel und andere Gegenstände, die leichter entflammbar oder elektrisch sind, stellen ein erhöhtes Sicherheitsrisiko dar. Erst vergangenes Wochenende hat es in einer Messie-Wohnung in Bad Herrenalb gebrannt. Eine Frau kam dabei ums Leben. Sowohl die Brandursache als auch die Identität der Frau sind noch Gegenstand der Ermittlungen. Aufgrund der Vermüllung konnten die Nachbarn die Frau nicht mehr retten, weil sie nicht zu ihr durch kamen. Die Schreie habe man bis nach draußen gehört.

Vermüllung im Kinderzimmer

Nur wenige der Betroffenen nutzen ein Therapieangebot. „Weil die Scham unglaublich groß ist“, meint Möbes. Zudem sind Therapieplätze seit Corona noch rarer als zuvor.

Als wir ihn danach fragen, welcher Einsatz ihm besonders in Erinnerung geblieben ist, überlegt er keine drei Sekunden. „Einmal öffnete mir ein zehnjähriges Mädchen die Tür. Sie lief barfuß und ihre Füße waren mindestens genauso schwarz wie der Boden, auf dem sie lief. Sie wusste gar nicht mehr, was normal war und was nicht. Ich musste dann die Vermüllung im Kinderzimmer aufräumen und Spielzeuge aussortieren. Das war nicht einfach für mich.“

Dennoch mache er den Job sehr gerne. „Wie bei allem anderen muss man dafür gemacht sein, und ich bin es. Die Dankbarkeit der Menschen bedeutet mir viel. Wenn man sieht, dass man wirklich etwas bewirkt hat.“

So können Angehörige helfen

Aber Möbes weiß auch, wie wichtig Nachsorge ist. „Es hilft nicht, nur aufzuräumen. Das Grundproblem muss behandelt werden.“ Er rät dazu, Freunde und Familie einzuschalten. „Ich rate natürlich auch immer dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen.“

Auch die Psychologin empfiehlt diesen Schritt. „Je länger das Problem besteht, desto schwieriger wird es, da auch wieder rauszukommen.“ Wichtig sei vor allem, der betroffenen Person keine abwertenden Kommentare oder Unterstellungen entgegen zu bringen. „Das ist ein echt emotionales Problem. Und jeder verdient es, Hilfe zu bekommen.“