Diplom-Verwaltungswirt übergibt an Diplom-Verwaltungswirtin: Hubert Schiele hat das Bürgermeister-Steuerrad an Raphaela Gonser weitergereicht – zwei Glücksfälle für Bitz. Foto: Karina Eyrich

Es ist kein Wunder, dass an den Rathaus-Spitzen Verwaltungs-Fachleute gebraucht werden, meint die Kolumnistin. In Bitz ist ein solcher abgetreten und hat dass Ruder an eine solche übergeben. Aber warum muss eine „Bürger-Meisterin“ sich im Bürokratie-Dschungel herumschlagen?

Es ist schon etwas dran an dem, was Oliver Schmid aus Geislingen bei der Amtseinsetzung seiner neuen Kollegin Raphaela Gonser in Bitz gesagt hat: dass eine Diplom-Verwaltungswirtin mit Kämmereierfahrung und noch dazu mit Ortskenntnis am 25. Februar in Bitz kandidierte, sei „nicht mehr selbstverständlich“ und für Bitz ein „echter Glücksfall“.

 

Tatsächlich kommt es immer häufiger vor, dass bei Bürgermeisterwahlen Kandidaten antreten, die alles andere als eine einschlägige Ausbildung haben. Unter dem Gesichtspunkt Demokratie ist es eine erfreuliche Sache, dass unser Wahlgesetz das erlaubt. „Bürger-Meister“ – schon der Name verrät, dass es sich um den Ersten Bürger, im Bitzer Fall nun um die „Erste Bürgerin“ der Gemeinde handelt, die künftig deren Geschicke lenken wird, und zwar als Vertreterin der fast 3800 Bitzer Einwohner.

Für die Vision alleine braucht es kein Diplom

Um ein Szenario zu entwerfen, wohin eine Kommune sich entwickeln, wie sie in zehn und 20 Jahren aussehen sollte, braucht es kein Verwaltungsdiplom, das ist wohl wahr. Für die tägliche Kärrnerarbeit am Rathausschreibtisch ist es allerdings von großem Vorteil, wie alle berichten, die in einer Verwaltung arbeiten. Das gilt erst recht in Gemeinden einer Größe, die es sich nicht leisten kann, nur Repräsentanten und Visionäre an die Spitze zu wählen – Gemeinden, in denen der Rathaus-Chef selbst mit anpacken muss, um die täglichen Aufgaben zu bewältigen.

Hubert Schiele, der das in Bitz nun 24 Jahre lang getan hat, kann ein Lied davon singen. Und er mag seinen Ruf als sachlicher und zuweilen trockener Verwaltungsfachmann gehabt haben, aber für Bitz war es Gold wert, dass Schiele wusste, wo er die Hebel ansetzen, an welchen Stellschrauben er drehen und dass er sich nicht am Nasenring herumführen lassen musste von Vertretern einer anderen – oder seiner eigenen – Behörde mit entsprechender Ausbildung.

Alle stöhnen über die überbordende Bürokratie

Doch obwohl im Raum Albstadt, dem Zollernalbkreis und ganz Baden-Württemberg – anders als etwa in manchen anderen Bundesländern mit anderer Tradition – vorwiegend Diplom-Verwaltungswirte auf den Bürgermeisterstühlen sitzen und von vielen weiteren gelernten und gar studierten Verwaltungsfachleuten umzingelt sind, stöhnen alle über die überbordende Bürokratie, die wachsende Zahl von Vorschriften und Regelungen, die den ganzen Apparat bremsen, Neuerungen und Bauvorhaben verzögern und selbst gestandene, mit allen Wassern gewaschene Amtsleiter in die schiere Verzweiflung treiben.

Nämliches gilt für die Wirtschaft, die dringend auf bessere Verkehrsanbindung wartet, wie die „Denkfabrik Zollernalb“ erst vor einer Woche einmal mehr deutlich gemacht hat, und für Dienstleister wie etwa Banken – davon haben diese Woche die beiden Vorstandsmitglieder der Onstmettinger Bank ein trauriges Lied gesungen. Die Zahl der Paragrafen wächst wie Unkraut und überlässt nicht einmal mehr die geringste Entscheidung dem gesunden Menschenverstand und der Menschlichkeit. Alles ist bis ins kleinste Detail gesetzlich geregelt.

Warum gibt es eigentlich immer mehr Regeln?

Spannender als darüber zu klagen ist es, die Frage zu stellen, warum das so ist, und das sollten wir tatsächlich alle tun, denn wir alle sind es auch, die das Vorschriften-Dickicht mitverursachen. Ist etwas nicht einwandfrei geregelt, sind wir Deutschen schnell mit Gerichtsverfahren und Geldforderungen. Dabei ließe sich doch so vieles mit Vernunft, Verstand und ein bisschen weniger Egoismus regeln, oft sogar viel besser. „Wenn auf Erden die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich“, hat schon Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus gewusst. Und die Bitzer hätten Raphaela Gonser dann einfach nur dafür wählen können, dass sie sympathisch ist und zupackt.