Verstecken sich gerne mal im Keller und gehören nicht in die normale Mülltonne: alte Dosen mit Lack und Spezialspachtelmasse, Flaschen mit Petroleum und Reinigungsmittel. Ganz schlecht: Flüssigkeiten in Schraubgläsern ohne Etikett, von denen niemand mehr weiß, worum es sich handelt. Foto: spr

„Man will’s ja richtig machen“, sagte sich eine Rottenburgerin und versuchte, alte Lacke, Reinigungsmittel und Petroleum fachgerecht zu entsorgen – woran sie erstmal scheiterte.

Unliebsame Überraschungen können überall lagern. In diesem Fall war es der Heizungskeller im Haus der Eltern, wo eine Rottenburgerin beim Ausbau des Öltanks drei Schachteln mit Behältern fand: Lacke, Petroleum, Reinigungsmittel, Unkrautvernichter. Die Flaschen und Dosen trugen teils Preisschilder mit D-Mark-Angaben und waren ziemlich sicher schon ziemlich lange weder geöffnet noch genutzt worden.

 

Das ist eindeutig ein Fall für den Sondermüll, dachte sich die Rottenburgerin, packte pflichtbewusst die drei Schachteln mit den nicht restmülltauglichen Substanzen ins Auto und fuhr zum Entsorgungszentrum des Abfallzweckverbands in Dußlingen. „Man will’s ja richtig machen“, sagt die Rottenburgerin.

„Die Menge ist zu groß“

Weiter als bis zur Schranke des Entsorgungszentrums Dußlingen kam die Frau allerdings nicht. Nach etlichem Hin und Her musste sie unverrichteter Dinge – die Dosen und Flaschen immer noch im Kofferraum – wieder von dannen ziehen.

Erst hatte ein freundlicher Mitarbeiter am Schranken-Einlass ihr gesagt, er werde noch eingelernt. Da müsse er seinen Kollegen fragen. Der Kollege wiederum dirigierte die Frau nicht, wie erwartet, zum Problemstoffbereich, sondern sagte ihr: Das könne er nicht annehmen. „Die Menge ist zu groß.“ Ob sie wenigstens eine der Kisten da lassen könnte, fragte die Frau. Nein, auch das gehe nicht. Sie solle nach Metzingen fahren, dort gebe es eine gewerbliche Sammelstelle für Problemstoffe.

Ein besonderes Problem identifizierte der Mitarbeiter bei vier Schraubgläsern, deren Etikett nicht mehr lesbar war: Was nicht identifizierbar ist, werde ohnehin nicht angenommen.

Nun hätte die Frau auch nichts dagegen gehabt, für die Entsorgung eine gewisse Gebühr zu bezahlen. Aber nach Metzingen fahren? Wohin genau? Oder ein andermal wiederkommen, mit nur einer Kiste? Die Woche drauf dann mit der nächsten? „Ich sammle seit vielen Jahren ehrenamtlich Müll in der Natur. Schon oft habe ich mich gefragt, warum Leute diverse Dinge in den Wald fahren. Nach meinen Erlebnissen in Dußlingen wundert mich nichts mehr“, schrieb sie.

Das Thema ist komplex. So viel macht die Antwort des Abfallzweckverbands klar, dem die Redaktion das Schreiben der Rottenburgerin weiterleiteten. Wie viele Behälter mit Problemstoffen darf man denn in Dußlingen entsorgen? Und was soll man machen, wenn man mehr hat?

Was ist eine „haushaltsübliche Menge“?

Zweckverbandsgeschäftsführer Julius Regelmann verweist als Erstes auf die Homepage des Abfallzweckverbands, auf der Informationen über Problemstoffe und deren Entsorgung versammelt sind – inklusive der Information, dass in Dußlingen nur „haushaltsübliche Mengen“ angenommen werden. Wieviel genau das ist? Auch darüber informiert der Verband: „Als haushaltsübliche Menge ist die Menge zu verstehen, die in eine Plastikwanne mit dem Maß – Länge x Breite x Höhe in cm: 46 cm x 36 cm x 25 cm – passt.“ Wer mehr entsorgen will, muss zum gewerblichen Entsorger, etwa der Firma Alba fahren, die einen Standort in Metzingen hat.

Kapazitäts- und Lagerprobleme in Dußlingen sind das Hauptproblem, das zu dieser Mengenbegrenzung führt, sagt Regelmann. Im Entsorgungszentrum an der Steinlach werden die Problemstoffe in unterschiedlichen Behältern gesammelt. Dafür muss der kommunale Abfallbetrieb das gewerbliche Unternehmen Alba entlohnen. Zudem: Sind die Behälter vorzeitig voll, dürfen Bürger dort nichts mehr abgeben. Denn die Kartuschen oder Dosen mit Problemstoffen einfach mal neben den Behältern rumstehen lassen, bis sie von Alba abgeholt werden – das geht nicht.

Nun hätte die Rottenburgerin nichts dagegen gehabt, eine Gebühr dafür zu bezahlen, dass sie eine größere Menge anliefert. Das wiederum, sagt Regelmann, sei dem kommunalen Entsorgungsbetrieb nicht erlaubt, im Gegensatz zu gewerblichen Dienstleistern in der Müll-Branche. Die hohen Kosten für die Entsorgung von Problemstoffen müssen über die allgemeinen Müllgebühren umgelegt werden. Das wiederum spreche auch gegen eine Vergrößerung der Kapazitäten, zumal es gesetzliche Regelungen und Vorschriften für solche größeren Lagerplätze gibt, die aufwendig und teuer zu betreiben seien, sagt Regelmann.

Gerade bei Haushaltsauflösungen gibt es bei der Anlieferung deshalb immer wieder Probleme, weiß Regelmann. „Ich kann den Frust der Frau nachvollziehen. Wir sind ja froh, wenn Bürger die Sachen ordnungsgemäß entsorgen wollen. Aber wir stoßen da an unsere Grenzen.“ Und warum konnte die Frau nicht wenigstens eine Kiste mit Behältnissen abgeben? Regelmanns Antwort: Schlechte Erfahrungen. Lasse man die Leute mit dem Kofferraum voll Problemstoff-Kisten auf den Hof, stellten manche dann eben doch die ganze Ladung auf den Tisch bei den Sammelbehältern. Eine Möglichkeit fällt Regelmann dann doch noch ein: Die Frau hätte außerhalb des Entsorgungszentrums parken und zu Fuß eine Kiste auf den Hof tragen können. „Wenn der Kofferraum voll ist, das ist halt immer schlecht.“

Vorschriften gehen vom „Worst Case“ aus

Die Rottenburgerin indes findet das reichlich absurd: Einmal drei Kisten abgeben, geht nicht. Mit den drei Kisten die Annahmestellen abklappern, wäre dagegen in Ordnung. Freunde, berichtet sie, hätten sie schon darauf hingewiesen, dass es mitunter schwierig sein kann, in Dußlingen Müll loszuwerden.

Wie weit gesetzlicher Anspruch und Realität in der Handhabung von Problemstoffen voneinander entfernt sind, zeigt der Umgang mit den Gläsern, deren Etiketten nicht mehr lesbar sind. In Dußlingen, sagt Regelmann, müsste der Inhalt dieser Gläser in labortechnischen Anlagen analysiert werden, um gegebenenfalls gefährliche und flüchtige Flüssigkeiten zu identifizieren. So sind die Vorschriften. Dabei gehe es um Gefahrenpotenziale, Sicherheitsvorschriften und im Zweifelsfall auch um Haftungsansprüche. Die Vorschriften sind so angelegt, dass der „Worst case“ dadurch abgesichert wäre. Eine solche Labortechnik gibt es in Dußlingen nicht. Auch nicht zu Hause bei der Frau, die die Gläser im Heizungskeller gefunden hat. Weshalb sie die Schraubgläser geöffnet und einfach mal dran gerochen hat, um herauszufinden, was wohl in den Gläsern drin ist – allerdings ohne Erfolg.

Es gibt auch dezentrale Annahmestellen

Der Zweckverband Abfallverwertung
betreibt im Landkreis Tübingen stationäre Problemstoffsammelstellen für giftige und gefährliche Schadstoffe aus privaten Haushalten.

Neben der Annahmestelle
im Dußlinger Entsorgungszentrum gibt es zahlreiche dezentrale Annahmestellen, die stundenweise geöffnet sind, zum Beispiel in Rottenburg oberhalb des Steinbruchs Baresel an der Remmingsheimer Steige (dienstags 17.30 bis 19 Uhr), in Hirrlingen beim Bauhof in der Felbenstraße (samstags von 9 bis 11 Uhr) oder in Remmingsheim beim Bauhof in der Schwarzwaldstraße (mittwochs 19 bis 20 Uhr).