„The Tunnel“ feiert am Montag seine Premiere im legendären Ally Pally – doch er ist nicht nach London gereist, um bei der Darts-WM nur die Atmosphäre zu genießen. Kai Gotthardt hat hohe Ziele und kämpft zugleich um seine berufliche Zukunft.
Es gibt keinen prominenten Dartsprofi ohne eigenen Spitznamen. Phil Taylor hieß passenderweise „The Power“, Michael van Gerwen wird „Mighty Mike“ gerufen, Weltmeister Luke Humphries „Cool Hand Luke“, Gerwyn Price „The Iceman“, Michael Smith „The Bully Boy“. Was nur unterstreicht: Diese Namenszusätze sind mehr als eine Spielerei. Sie sind ein Gütesiegel. Zumindest bei den Stars der Szene.
Zu diesen gehört Kai Gotthardt noch nicht, ein Spitzname wurde aber auch dem 29-jährigen Esslinger schon verpasst – und zwar von Werner von Moltke. Der Geschäftsführer des Verbandes PDC Europe nannte ihn „The Tunnel“, in Anlehnung an die Verkehrsverbindung durch das Gotthard-Bergmassiv in der Schweiz. Mittlerweile gibt es allerdings auch noch eine zweite passende Herleitung dieses Spitznamens, denn Kai Gotthardt verfügt über die Gabe, sich im Wettkampf voll fokussieren zu können. Er ist dann: im Tunnel. Auch deshalb steht er nun vor einer gewaltigen Herausforderung.
Blutige Nase geholt
An diesem Montag geht für den Dartsspieler ein Traum in Erfüllung: Im legendären Ally Pally in London feiert Kai Gotthardt seine WM-Premiere, ab 13.30 Uhr (Sport 1) trifft er auf den Schotten Alan Soutar, der 2022 und 2023 jeweils das Achtelfinale erreichte. „Ich habe ein alles andere als einfaches Los erwischt, und trotzdem ist alles drin, wenn ich mein bestes Spiel zeigen kann“, sagt der Außenseiter, der in Aichwald lebt, „ich habe so viele Jahre auf die WM-Teilnahme hingearbeitet, jetzt will ich sie auch in vollen Zügen genießen.“
Dafür gibt es keinen besseren Ort als den Ally Pally. Die Stimmung in der Halle ist stets ebenso großartig wie motivierend. „Jeder, der dort ist, spürt eine unbändige Freude in sich“, sagt Kai Gotthardt, „aber keiner fährt hin, um nur die Atmosphäre zu erleben. Jeder will so viele Spiele wie möglich gewinnen.“ Er hat dafür sogar eine blutige Nase riskiert.
Kai Gotthardt ist enorm nervenstark
Die beste Serie seiner Karriere legte Kai Gotthardt Anfang November in Hildesheim hin. Beim Endturnier der Super League ging es um das letzte Ticket nach London, und die Ergebnisse hätten knapper nicht sein können. Im Achtelfinale bezwang Kai Gotthardt den deutschen WM-Rekordteilnehmer Max Hopp mit 6:5, in der nächsten Runde Franz Rötzsch ebenfalls mit 6:5 und im Halbfinale Dominik Grüllich nach 1:5-Rückstand noch mit 7:6. Auch das Finale ging ins entscheidende Leg, und wieder zeigte Kai Gotthardt seine enorme Nervenstärke.
Er schlug den leicht favorisierten Paul Krohne mit 8:7, danach brachen alle Dämme. Kai Gotthardt wälzte sich auf der Bühne, schlug vor Freude mit den Fäusten auf den Boden– und zog sich beim Jubel mit einem Freund an dessen Brille einen blutenden Cut auf der Nase zu. „Im Überschwang bin ich nicht mehr zu halten gewesen“, sagt er im Rückblick, „es wäre schön, wenn ich ähnliche Gefühle bei der WM erleben dürfte.“ Schön – und auch finanziell ziemlich erleichternd.
Es geht um die Tour-Karte
Kai Gotthardt spielt, inspiriert durch seinen Vater, seit 20 Jahren Darts. Er verbrachte mehr Zeit an der Scheibe als mit seinen Freunden, übte schon als Jugendlicher bis zu acht Stunden täglich. Erste Erfolge stellten sich ein, sein Potenzial war unübersehbar. Doch erst seit Anfang 2024 konzentriert sich Gotthardt, der zuvor eine Ausbildung als Fachkraft für Schutz und Sicherheit gemacht und zuletzt im Außendienst für ein Sanitätshaus gearbeitet hat, voll auf Darts. „Jeder, der ehrgeizig ist, wünscht sich, von seinem Sport leben zu können“, sagt der Vater einer vierjährigen Tochter, deren Namen Lena den Kragen seines Trikots ziert, „leider reichen dafür ein paar gute Ergebnisse nicht aus.“
Enorm wichtig wäre es für Kai Gotthardt deshalb, die Eintrittskarte für die europäische Profi-Tour 2025 zu ergattern. Dafür müsste er es bei der WM ins Halbfinale schaffen, was ein eher unrealistisches Ziel ist, oder sich im Anschluss bei einem siebentägigen Qualifikationswettbewerb durchsetzen. „Was meine Zukunft angeht“, sagt er, „ist das für mich eigentlich das wichtigere Turnier. Denn ohne Tour-Karte ist eine Profi-Karriere nicht möglich.“
„The Tunnel“ – ein neues Gütesiegel?
Allerdings würde es nicht dem Naturell von Kai Gotthardt entsprechen, angesichts des Berges an Aufgaben, der vor ihm liegt, zu kapitulieren. Stattdessen gibt er sich drei Jahre, um den Sprung zum Vollprofi zu schaffen. Er vertraut dabei auf seine Fähigkeit, an der Scheibe stets hoch punkten zu können, und er setzt auf seine mentale Stärke. „Ich gehe positiv an Herausforderungen heran“, sagt der amtierende deutsche Meister, der irgendwann zu den besten 32 Spielern der Welt gehören will, „an Darts faszinieren mich der Nervenkitzel und die Adrenalinschübe, die möglich sind. Und natürlich, dass Träume wahr werden können, wenn man an sich glaubt.“
Kai Gotthardt ist der beste Beleg für diese These. Und „The Tunnel“ vielleicht ja schon bald das neue Gütesiegel des Dartssports.