Darmkrebs ist die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache, dabei ist er in vielen Fällen vermeidbar. René Hodina, Chefarzt in Rottweil, erklärt, worauf es ankommt.
Auch wenn die Zahl der Todesfälle zurückgegangen ist: Darmkrebs bleibt bundesweit die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache. Dabei ist er oftmals vermeidbar, stellt René Hodina, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Helios Klinik in Rottweil, klar. Warum eine frühzeitige Darmspiegelung so wichtig ist, wann der richtige Zeitpunkt für eine solche ist, und was das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, erhöhen kann, erfahren wir im Gespräch.
Über den Darm redet man nicht gern, schon gar nicht über eine Darmspiegelung – „ das ist leider ein schambehaftetes Thema“, weiß René Hodina. Dabei sei Aufklärung in diesem Bereich so wichtig. Denn: In 90 Prozent der Fälle könne man verhindern, dass es tatsächlich zu einer Darmkrebs-Erkrankung komme – durch eine prophylaktische Spiegelung.
Jährlich gibt es etwa 70 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner, also mehr als 55 000 neu an Darmkrebs Erkrankte, bundesweit. Dass die Sterblichkeit deutlich abgenommen hat – um rund 17 Prozent innerhalb von 20 Jahren – ist dabei vor allem der Früherkennung zu verdanken.
Darmspiegelung, bevor Beschwerden auftreten
Wer erst zur Darmspiegelung gehe, wenn der Darm Beschwerden bereite, der verpasse die Chance, frühzeitig Schlimmeres zu verhindern, macht René Hodina deutlich. Denn bei der Spiegelung könne man die Polypen im Dickdarm, auch Adenome genannt, erkennen und entfernen. Das geschehe in der Regel schmerzfrei per elektrischer Schlinge oder Zange, die durch das Endoskop, den beweglichen Schlauch, eingeführt wird.
Bei Polypen handelt es sich um Schleimhautwucherungen, die oft keine Symptome hervorrufen, aus denen sich aber ein Tumor bilden kann. Zwar werde bei Weitem nicht jeder Polyp zum Tumor, sagt Hodina, jedoch seien die meisten bösartigen Tumore im Dickdarm einst Polypen gewesen. Dass sich aus einem Polypen ein Tumor bilde, dauere in der Regel einige Jahre, so dass man rechtzeitig eingreifen könne.
Wichtiges zur Untersuchung
Die gesamte Untersuchung dauere in der Regel nur rund 20 Minuten und werde mittlerweile standardmäßig mit einer Sedierung durchgeführt. „Die Spiegelung ist gut tolerabel für den Patienten“, sagt René Hodina. Auch das Perforationsrisiko, das Risiko für das Durchstoßen der Darmwand bei der Spiegelung, sei „extrem gering“. Null Prozent Risiko gebe es in der Medizin nie, macht er deutlich.
Hemmnisse für die Darmspiegelung
Das Thema Darmspiegelung sei für viele leider trotzdem noch mit vielen Befürchtungen verbunden. „Besonders das Thema Abführen ist angstbehaftet und wird als unangenehm wahrgenommen“, erzählt Hodina – obwohl die dafür verwendete Lösung geschmacklich angenehmer sei als früher.
Ein weiteres Hemmnis sei die Ärzteknappheit. „Das ist ein riesiges Nadelöhr“, meint Hodina. Da ein Großteil der Spiegelungen bei niedergelassenen Gastroenterologen vorgenommen werde und diese in der Region in den vergangenen Jahren rarer geworden seien, bedeute das – bei einer prophylaktischen Darmspiegelung ohne Beschwerden – Wartezeiten zwischen drei und sechs Monaten oder die Notwendigkeit, einen Arzt in weiterer Entfernung aufzusuchen. Trotzdem sei es wichtig, das auf sich zu nehmen.
Ab 50 Jahren sinnvoll, bei Vorbelastung früher
Wie sich mangelnde Vorsorge auswirken kann, habe sich nach der Pandemie gezeigt, erzählt René Hodina. Das mehrjährige Auslassen von Vorsorgeuntersuchungen habe recht schnell zu erschreckenden Ergebnissen geführt. „Wir haben einen markanten Shift zu schwereren Tumorstadien festgestellt“, berichtet Hodina.
Die meisten Darmkrebspatienten seien zwischen 65 und 70 Jahre alt. Vor dem Hintergrund, dass bösartige Tumore langsam wachsen, sei es daher sinnvoll, bei der Früherkennung schon deutlich früher anzusetzen.
Entsprechend übernehmen die Krankenversicherungen die Kosten für die Spiegelung zur Früherkennung von Darmkrebs bereits für alle Versicherten ab 50 Jahren. Erst im April 2025 wurde die Altersgrenze bei den Frauen ebenfalls von 55 auf 50 Jahre gesenkt. Diese sollte man dann alle fünf Jahre wiederholen – drei Jahre, falls Polypen entfernt werden mussten.
Genetik und Lebensstil können Risiko erhöhen
Bei familiärer Vorbelastung empfehle sich eine Darmspiegelung auch schon früher, rät Hodina. Was eine Darmkrebs-Erkrankung ebenfalls begünstigen könne: rauchen, Alkoholgenuss, ballaststoffarme Ernährung und häufiger Konsum von Fleisch und Wurstwaren. Auch Adipositas erhöhe das Darmkrebs-Risiko.
Dass Männer über Jahrzehnte hinweg stärker darmkrebstumorbelastet gewesen seien, lasse sich vor allem mit deren Lebensstil erklären, beispielsweise den Rauch- und Trinkgewohnheiten. Das habe sich über die Jahrzehnte mit dem Wandel der Gesellschaft jedoch angeglichen, was die Geschlechter angeht.
Alternative Diagnosemöglichkeiten?
Und wie sieht es mit alternativen Diagnosemöglichkeiten aus? Ein immunologischer Stuhltest, der okkultes (verborgenes) Blut im Stuhl feststellt, könne auf eine Erkrankung hindeuten, sei aber nicht zuverlässig genug und könne die Darmspiegelung nicht ersetzen, sagt der Chefarzt. Eine CT-Kolonographie für eine „virtuelle Koloskopie“ sei derweil sehr genau, ermögliche aber keine Polypen-Entfernung. „Die Darmspiegelung bietet die höchste Trefferquote und damit die beste Sicherheit“, stellt Hodina klar.
Darmkrebs sei heute glücklicherweise auch viel besser behandelbar als früher, die Heilungschancen daher deutlich besser und die Operationsmethoden und Therapien schonender. „Da ist vieles passiert, und da wird auch noch viel passieren“, weiß René Hodina. Aber man könne eben noch viele Schritte vorher ansetzen.
„Wir haben so viel gegen diese Erkrankung in der Hand“, sagt er. Deshalb sei es ihm ein Anliegen, mehr Menschen zur Darmspiegelung zu bewegen – damit nicht erst eingegriffen werde, wenn bereits etwas Bösartiges entstanden sei.
Darmkrebsmonat März
Die Stiftung und die Aktion
2001 wurde die „Felix Burda Stiftung“ mit Sitz in München von Christa Maar und Verleger Hubert Burda gegründet. Sie trägt den Namen ihres an Darmkrebs verstorbenen Sohnes. Aus diesem persönlichen Schicksal heraus setzt sich die Stiftung für die Prävention von Darmkrebs ein. Der Darmkrebsmonat März wurde 2002 erstmals ausgerufen. Er soll auf die Situation der Erkrankten aufmerksam machen und insbesondere auf die Themen Prävention und Früherkennung.
Darmspiegelung im Krankenhaus
2025 wurden rund 1300 Darmspiegelungen in der Helios Klinik Rottweil durchgeführt. Die Behandlung bei Darmkrebs erfolgt interdisziplinär: Die Gastroenterologie übernehme beispielsweise die Darmspiegelung, während sich die Allgemein- und Viszeralchirurgie um eine gegebenenfalls notwendige Operation kümmere.