Der Musiker Daniel Pongratz alias Danger Dan spricht anlässlich der Konzerte zu seinem 40. Geburtstag über Radioprojekte in Ostafrika, seine Faulheit und Til Schweiger.
2021 landet Daniel Pongratz alias Danger Dan mit „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ einen riesigen Hit. Sein wahres Ich kennen trotz vieler intimer Texte aber nur eine Handvoll Menschen, erklärt der Musiker im Gespräch.
Herr Pongratz, im Lied „Lauf davon“ singen Sie: „Hast du dir deinen Alltag oder hat dich dein Alltag gemacht?“ Wie ist das heute bei Ihnen selbst?
Das ist eine einwandfreie Frage. Ich habe ganz viel in meinem Leben nicht geplant. Dass ich jetzt überhaupt Pianist bin und ein Live-Album herausbringe, das war nicht prognostizierbar. Es war immer ein großes Chaos um mich herum. So einen richtigen Alltag habe ich nie gehabt, und in den letzten zwei Jahren hat sich ohnehin vieles verändert. Obwohl mir genau das passiert ist, wovon alle Musikerinnen und Musiker träumen, war das zu viel für mich. Das hätte man auf zehn Jahre aufteilen können.
Wie passt das zu Ihrer Faulheit, mit der Sie in vielen Texten kokettieren?
Gar nicht, das ist schrecklich. Ich muss jetzt voll viel arbeiten. Aber das Gute ist: Was ich tue, macht mir unendlich viel Spaß, sodass sich das manchmal nicht wie Arbeit anfühlt. Eigentlich ist das ein neoliberaler Albtraum (lacht). Aber es kamen auch neue Alltagsmomente dazu. Zum Beispiel, dass ich in der Öffentlichkeit jetzt öfter erkannt werde. Ich kann nicht mehr in die Sauna gehen oder mit dem Bus fahren. Manche Leute tun so, als ob sie telefonieren, aber machen heimlich Fotos – und beide Seiten schämen sich dann.
Sie haben mal gesagt, man komme keinem Künstler auf die Schliche, nur weil man seine Musik hört. Wie viel geben Sie preis?
Wenn ich ein Konzert spiele, bin ich sehr professionell. Da mache ich eine Show. Natürlich erzähle ich auch etwas von mir. Bei einem Auftritt in Hamburg hatte ich mal so einen heftigen Kater, dass es keinen Sinn gemacht hätte, das zu kaschieren. Aber natürlich ist Danger Dan eine Kunstfigur. Wenn man alle Interviews von mir und alle Lieder, die ich je geschrieben habe, addiert, dann zeichnet das das Bild eines Menschen, den es nicht gibt.
Trotzdem gehen Sie offen mit eigenen Problemen um. Etwa damit, dass Sie eine Therapie gemacht haben, nachdem sich Ihr Freund Jakob Wich das Leben genommen hatte.
Ja, nur bleibt da auch wieder nur hängen: ach wie toll, wie reflektiert von ihm und so weiter. Aber gleichzeitig bin ich eben auch ein Dummkopf (lacht).
Sie wünschen sich also, dass Ihre Widersprüche wahrgenommen werden?
Ich übe gerade sehr, mich auf der Bühne nicht immer hinter Ironie zu verstecken. Ich habe Lust, mich auch gemeint zu fühlen, wenn es Applaus gibt. Das passt aber nicht in jeden Rahmen. Ich singe teilweise über unglaublich private Dinge und treffe jetzt Leute, die das alles über mich wissen. Ich weiß aber gar nichts über sie. Das macht es schwierig, Freundschaften zu schließen. Ich glaube nicht, dass es Til Schweiger gutgetan hat, seit Jahren für jeden Scheiß, den er erzählt, Applaus zu bekommen. Es braucht Menschen um einen herum, die einem auch mal sagen: Was du da erzählst, ist dumm. Zum Glück habe ich einen Freundeskreis, der nicht nur meine Heldengeschichten kennt.
Braucht es Reife, um das zu erkennen?
Wenn mir das, was mir gerade passiert, mit 20 widerfahren wäre, hätte ich damit nicht so gut umgehen können.
Würden Sie an Ihrer alten Schule in Aachen, die Sie im Song „Ingloria Victoria“ bitterböse ins Visier genommen haben, gerne auftreten?
Die Schüler hören da ja hoffentlich nicht nur Klaviermusik. Aber wenn sie Lust darauf hätten, müssten sie ja immer noch am Lehrerzimmer vorbei. Und da habe ich, glaube ich, nicht nur Fans. Das wäre also nicht nur meine Entscheidung.
Nach der Schulzeit hatten Sie teils kuriose Nebenjobs und sind zwischendurch zu mehreren Auslandsabenteuern aufgebrochen. Woher haben Sie den Mut genommen?
Ich war eigentlich nie besonders mutig, ich hatte nur schon so eine defekte Bildungsbiografie, dass es für mich nicht viel zu verlieren gab. Es ist etwas anderes, wenn man seine Ausbildung abbrechen muss, um ohne Plan für ein halbes Jahr nach Frankreich zu gehen.
Irgendwann haben Sie daraus eine Tugend gemacht und waren für das Goethe-Institut in Afrika und im Kaukasus. Was haben Sie dort gemacht?
Ich war als Musiker eines Puppentheaterspielers aus Neuseeland unterwegs – in Dschibuti oder Burundi, ich weiß es nicht mehr genau. Und dann habe ich in Ostafrika Radioprojekte mit Studenten gemacht, weil ich behauptet habe, ich sei Radiojournalist. Dabei hatte ich mir nur ein Radio-Handbuch gekauft. Es ging so weit, dass ich später Gastdozent für Radiojournalismus an der armenischen Universität in Jerewan wurde. Ich bin ungefähr zwei Jahre als angeblicher Radiospezialist durch Aserbaidschan, Armenien und Georgien gereist.
Können Sie gut lügen?
Nein, ich lüge nicht. Also ein-, zweimal in meinem Leben musste ich eine Notlüge erzählen, aber das war in meiner Zeit als Parkwächter in Barcelona, das ist jetzt eine ganz andere Geschichte . . .
Sie sind eigentlich Rapper bei der Antilopen Gang. Wollten Sie mit dem Klavieralbum bewusst neue Wege gehen?
Bewusste Entscheidungen gibt es bei mir selten. Ich nehme mir oft Dinge vor, aber dann kommt meist etwas anderes dabei heraus. Aber du kannst mit 40 halt nicht so tun, als ob du 20 wärst.
Bei Ihnen kommt es immer anders?
Ja. Wir haben anfangs auch gedacht, wir machen vom Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ zuerst 500 Platten und testen aus, wie es ist, mit unserem eigenen Label Antilopen Geldwäsche so ein Liebhaberprojekt zu veröffentlichen. Am Ende mussten wir noch eine weitere Person einstellen, weil es uns total über den Kopf gewachsen ist.
Das Album stand 2021 wochenlang auf Platz eins der Charts. Jetzt haben Sie die Platte sogar noch einmal als Live-Version neu herausgebracht.
Genau, aber bis das Realität werden konnte, musste ich mir einiges einfallen lassen. Manche Songs konnte ich überhaupt nicht live spielen. Bei „Ingloria Victoria“ hatte ich beim Einspielen den alten Rapper-Trick angewendet, einzelne Teile aufzunehmen, um zwischendurch Luft holen zu können. Das hat sich dann gerächt. Auf kleineren Bühnen hat es zuletzt zwar gut funktioniert, aber plötzlich hatte ich Auftritte in Opernhäusern und in der Elbphilharmonie. Die Akustik dort verzeiht dir keine Fehler.
Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden, oder sind Sie zu perfektionistisch?
Ich glaube, da bleibe ich für immer unter meinen Ansprüchen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass sich die Leute freuen, wenn man sich verspielt oder den Text vergisst. Man selber sitzt da und wird panisch, aber jemand aus dem Publikum ruft einem dann die Zeile zu und weiter geht’s. Das habe ich einfach angenommen und gedacht: Vielleicht geht es gar nicht um mechanische Perfektion, sondern um die Zwischentöne.
Zwei Konzerte zu Ihrem 40. in Berlin zu spielen, ist sicher ein Geschenk. Was wünschen Sie sich noch?
Ich habe keine großen materiellen Wünsche. Dazu kommt, dass mein Bruder Tobias sehr modebewusst ist und sich ständig neue Klamotten kauft. Seine alten Sachen ziehe ich dann an und brauche sonst eigentlich nicht viel. Aber ich habe mir selbst ein Geschenk gemacht und mit einem befreundeten Tischler ein neues Konzertklavier gebaut. Im Lied „Tesafilm“ habe ich gesungen, dass ich auf ein Klavier spare. Das kann ich jetzt schon mal von der Liste streichen.
Wie viele rote Bomberjacken haben Sie eigentlich?
Ich besitze selber drei, weil man darin auf der Bühne unglaublich schwitzt. Insgesamt sind es inzwischen 35. Bei den Geburtstagsparty-Konzerten habe ich erstmals nicht nur ein Streicherquartett auf der Bühne, sondern ein ganzes Orchester. Und die Musiker ziehen dann auch alle rote Bomberjacken an.
Zur Person
Leben
Daniel Pongratz alias Danger Dan wird am 1. Juni 1983 als Sohn zweier Pädagogen in Aachen geboren. Ohne Abitur beginnt er ein Studium der Musiktherapie in Maastricht, bricht dieses jedoch ab, um sich einer Reggae-Band anzuschließen.
Karriere
2008 gründet er mit seinem Bruder Tobias und Kolja Podkowik die Hip-Hop-Gruppe Antilopen Gang. 2018 erscheint sein erstes Solo-Album „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“. Die Single „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ beschert ihm den Durchbruch. Pongratz ist Vater einer Tochter und lebt in Berlin.