Dan Ettinger in Aktion. Foto: Stuttgarter Philharmoniker/Froehlingsdorf

Der Chefdirigent Dan Ettinger verlässt die Stuttgarter Philharmoniker vorzeitig schon zum Ende dieser Saison. Eine Spielzeit der Gastdirigenten steht an.

Sein Antrittskonzert bei den Stuttgarter Philharmonikern war ein wilder Ritt. Erst gab’s ein Solokonzert, das Mozarts G-Dur-Violinkonzert (KV 216) sein sollte und dann doch nicht war. Dafür sorgte aber nicht der neue Chef, sondern der exzentrische Geigen-Mann Nemanja Radulovic. Bei Gustav Mahlers fünfter Sinfonie danach war die philharmonische Welt wieder in Ordnung. Das Orchester wirkte wie wachgeküsst, und dafür hat 2015 der damals neue Chef am Pult gesorgt. „Stuttgart hat einen Künstler gewonnen, der keinen gleichgültig lassen wird“: Das stand nach Dan Ettingers erstem Auftritt als Philharmoniker-Chef in unserer Zeitung. Der Satz hat sich als prophetisch erwiesen: Der Blondschopf aus Israel, der vom Nationaltheater Mannheim zum Orchester der Landeshauptstadt kam, hat immer polarisiert – weil er orchestrale Effekte liebte und (möglichst glanzpoliert) zelebrierte, weil er Kontraste in den Partituren ausreizte, durch die er zuweilen hindurch fegte wie ein Derwisch.

 

Zuletzt hat die Stadt Ettingers Vertrag bis 2026 verlängert

Unvergessen bleibt etwa die Art, wie der Dirigent die grotesken Momente in Schostakowitschs Sinfonien ausstellte: Die Erste hörte man zum Beispiel als packende, freche, mit zahlreichen Überraschungen gespickte Geschichte über Anpassung und Ausbruch, Wahrhaftigkeit und Überzeichnung. Die Darbietung glich einem detailreichen, monumentalen Ölgemälde; das Publikum saß davor und konnte sich nicht satt sehen. Auch bei der Zehnten passte alles: von der Spannungssteigerung im ersten Satz bis hin zur Naturidylle im Finale, in der die während Ettingers Amtszeit verjüngten und qualitativ enorm verbesserten Solobläser akustische Duftmarken setzten. Dan Ettinger neigte zu interpretatorischer Extroversion, war aber auch ansprechbar, nahbar. Zuletzt hat die Stadt Ettingers Vertrag bis 2026 verlängert. Dann wäre er elf Jahre Chef in Stuttgart gewesen.

Doch dazu kommt es nun nicht. Zu Beginn dieser Saison ist der Dirigent gestürzt, dann folgte eine langwierige Erkrankung. Beides sorgte dafür, dass Dan Ettinger in diesem Jahr noch kein einziges Mal bei seinen Philharmonikern am Pult gestanden hat. Die Programme der drei Abonnementreihen im Beethovensaal wurden von Gästen geleitet, nur die konzertante Aufführung von Puccinis Oper „Madama Butterfly“ hat man gestrichen. Weil das „ein typisches Ettinger-Konzert“ gewesen sei.

Das sagt der Intendant des Orchesters, Christian Lorenz. Der hat seit seinem Amtsantritt Anfang Januar mit Dan Ettinger nie direkt zu tun gehabt, er musste nur seine Abwesenheit verwalten. Das gilt auch für die nächsten Monate, denn nach seiner Genesung hat sich Ettinger dazu entschlossen, seinen Vertrag vorzeitig zu beenden – „aus persönlichen Gründen“, zu denen Lorenz „nichts sagen kann und möchte“; die Entscheidung sei aber nicht aus heiterem Himmel gekommen, sondern das Ergebnis eines „Prozesses, bei dem die Entscheidung reifte“. Er, Lorenz, habe die Arbeit des scheidenden Dirigenten „sehr geschätzt, er hat dem Orchester sehr gutgetan und eine Ära geprägt“.

Ein Abgang ohne Abschied und letzten Gruß: Auch das dürfte Viele nicht gleichgültig lassen. Schließlich feiern die Philharmoniker 2024 ihr hundertjähriges Bestehen – was sich in zahlreichen Festveranstaltungen niederschlägt, besonders aber in der „Großen Reihe“, die den 20er Jahren gleich mehrerer Jahrhunderte gewidmet ist. Auch das Motto „Feiern“ der Reihe „Sextett“ ist eine Reverenz an das runde Jubiläum. Und gemeinsam mit dem Ludwigsburger Forum am Schlosspark hat das Orchester ein kleines neues Festival entworfen: die Beethoventage.

Die kommende Spielzeit wird eine Spielzeit der Gastdirigenten sein

Die finden aber erst 2025 statt – ohne Dan Ettinger. Die kommende Spielzeit wird eine Spielzeit der Gastdirigenten sein – mit zwei Besonderheiten: Andrey Boreyko, der schon im Januar ein Einspringer-Konzert geleitet hat, steht bei fünf Konzerten am Pult, und Jan Willem de Vriend ist in seiner Funktion als „Ständiger Gastdirigent“ für drei Konzerte verantwortlich. Boreyko und de Vriend sollen zumindest für ein wenig Kontinuität im Orchester sorgen. Unter den Gästen könnte 2024/25 auch ein Kandidat für Ettingers Nachfolge sein. „Wir wollen“, sagt Christian Lorenz, „aber auch keine vorschnellen Entscheidungen treffen. Und wir wollen zeigen, dass das Orchester stabil und in der Lage ist, auch ohne Chef zu überzeugen.“ Schließlich biete die gegenwärtige Situation auch die „Chance für eine weitere Stufe der Entwicklung“. Etwas bescheidener formuliert es Stuttgarts Erster Bürgermeister Fabian Mayer: „Für das Publikum wird die kommende Saison nun besonders abwechslungsreich: Mit einer Fülle unterschiedlicher, namhafter Dirigenten im zweiten Jubiläumshalbjahr.“

Stuttgarter Philharmoniker in der Saison 2024/25

Aboreihen
Zum Auftakt der „Großen Reihe“ dirigiert Andrey Boreyko am 5. Oktober Beethovens Fünfte und Alexander von Zemlinskys „Lyrische Sinfonie“; Solisten sind Johann Winkel und Thomas Hampson. Zemlinskys Stück, das 1922 entstand, verweist auf das Motto des Zyklus: „Zwanziger Jahre“. Das zweite Abo „Sextett“ mit dem Motto „Feiern“ startet am 11. Oktober mit einer Totenfeier: Verdis Requiem. Das kleinste Abo „Terzett“ serviert ab 22. September Klassik-Hits in drei unterhaltsam moderierten Konzerten.

Öffentliche Proben
Weitergeführt werden u. a. die Reihen der Kinder-, Familien-, Kammermusik- und Nachtschwärmerkonzerte (im Jazzclub Bix), es gibt öffentliche Proben, und fortgeführt wird die Tradition des Silvesterkonzertes (Beethovens Neunte unter Boreyko) und des Neujahrskonzertes (unter Marcus Bosch).

www.stuttgarter-philharmoniker.de