Der Landkreis Lörrach baut seine Unterstützungsangebote für psychisch belastete Geflüchtete weiter aus.
Viele Asylsuchende haben in ihrem Heimatland oder auf der Flucht schlimme Erfahrungen gemacht. Weil adäquate therapeutische Angebote nicht ausreichend zur Verfügung stehen und nicht alle Geflüchtete in der Lage sind, das Erlebte selbst zu verarbeiten, kommt es sowohl in Flüchtlingsunterkünften des Landkreises als auch in der Anschlussunterbringung zu potenziell gefährlichen Situationen. Mit dem Projekt „BW schützt!“ und dem Diakonischen Werk will der Kreis nun einen weiteren Baustein etablieren, damit Geflüchteten mit Traumata geholfen werden kann.
Um allen Asylsuchenden Zugang zu einer benötigten Behandlung zu ermöglichen, wurden im Landkreis Lörrach bereits vor einigen Jahren das Traumanetzwerk und das Nadia-Murad-Zentrum geschaffen. Hier erhalten Geflüchtete niedrigschwellig Zugang zu einer therapeutischen Beratung und Behandlung. Ergänzend wurde 2019 der Krisendienst für auffällige Flüchtlinge (KAF) installiert, der in Krisensituationen Kommunen unterstützt und eine engmaschige Betreuung auffällig gewordener Geflüchteter sicherstellt, wie es seitens der Kreisverwaltung heißt.
Ergänzendes Projekt
Ziel dieser Maßnahmen sei es, die Integrationsfähigkeit Geflüchteter zu erhalten oder wiederherzustellen. Ergänzend zu den bisherigen Bemühungen und Angeboten hat der Landkreis Ende 2025 ein Eckpunktepapier zum Umgang mit besonders belasteten Geflüchteten entwickelt, das ergänzende Maßnahmen einführt und eine strategische Grundlage zum Umgang mit Betroffenen darstellen soll, wie es weiter heißt.
Projekt wird gefördert
Der Landkreis hatte sich um eine Förderung des Projekts durch das Land beworben und Anfang April den Zuschlag für eine Förderperiode von zwölf Monaten erhalten, wie aus der Sitzungsvorlage hervorgeht.
Im Rahmen von „BW schützt!“ wird unter anderem eine standardisierte Ersteinschätzung aller im Landkreis ankommenden Asylsuchender hinsichtlich ihrer Bedarfe eingeführt. Daraus lassen sich die individuell notwendigen Maßnahmen ableiten, heißt es weiter. Es soll den Fachkräften zudem einen zielgerichteten Einsatz der vorhandenen Ressourcen ermöglichen.
Darüber hinaus werden sogenannte Peers aus den jeweiligen Gemeinschaften ausgebildet, um bei belasteten Geflüchteten oder im Akutfall eine traumatologische Beratung durchführen zu können. Ziel ist es, dass alle Geflüchteten frühestmöglich eine Betreuung erhalten, damit sie nicht auffällig werden.
Um das Projekt ermöglichen zu können, wird für die Koordination im Fachbereich Aufnahme & Integration für ein Jahr befristet eine halbe Stelle geschaffen – die Kosten trägt das Land Baden-Württemberg. Darüber hinaus soll das Projekt zusammen mit dem Diakonischen Werk als Partner auf bestehenden Strukturen aufbauen, wie weiter zu erfahren war. Nach Ende des Förderzeitraums muss der Kreis die halbe Stelle selbst finanzieren.
Kritik an Folgekosten
Besagte Folgekosten kritisierte Kreisrat Eugen Katzenstein (FW). Das Geld wäre bei anderen Projekten besser angelegt. Derweil verwies Gabriele Weber (SPD) auf die Verantwortung des Landkreises und mahnte an, das Projekt so schnell wie möglich umzusetzen. Und: „Es muss uns wichtig sein, dass Hilfe schnell und nah ankommt.“
Wolfgang Fuhl (AfD) sprach von einem politischen Lockangebot des Landes. „Nach Ablauf soll der Kreis zahlen.“ Er lehnte die dauerhaften Kosten für den Landkreis ab. Das Land solle die Strukturen selbst tragen, befand Fuhl, der auf die bereits vorhandenen Hilfsangebote im Kreis Lörrach verwies.
„Diese Aussage macht mich betroffen. Wir haben die Aufgabe, die Menschen zu integrieren“, erwiderte Klaus Eberhardt (SPD). Die BRD sei in Sachen Integration nicht so weit wie viele andere Länder, monierte er. „Und weiter: Wir müssen auch jene erreichen, die Schwierigkeiten haben.“
Sozialdezernentin Elke Zimmermann-Fiscella wies auf gute Erfahrungen in Pilotlandkreisen hin. Es sei klar, dass man am Anfang mehr Ressourcen benötige – es würden aber keine zusätzlichen Kosten anfallen.
Der Kreistag votierte in seiner jüngsten Sitzung mit vier Gegenstimmen bei zwei Enthaltungen für das Projekt „BW schützt!“