Er gilt als echtes Tuninger „Wunderkind“ – der Rechenkünstler Hans Erchinger. Vor 200 Jahren schrieb er (Heimat-)Geschichte.
Der Rechenkünstler, war der Sohn eines einfachen Feldmessers, der den Auftrag zur Klärung der Grenzsituation zwischen Württemberg und Baden hatte und 1808 eine Handzeichnung erstellte, die die erste Vorlage für die Tuninger Flurkarten ab 1839 wurde.
Vom Begründer der Landvermessung in Württemberg, Professor Bohnenberger, wusste er vermutlich nichts. Doch durch Einfluss des Königs wurde Bohnenberger später der Lehrer seines Sohnes Hans.
Als Simpler verspottet
Hans war am 29. Juli 1788 in Tuningen geboren und als „Simpler“ verspottet, als Sonderling mit kranken Augen, der immer zu Hause saß. Er sei zu nichts zu gebrauchen. Als Knabe mit sieben Jahren lernte er das Rechnen mit zwölf Bohnen, die ihm seine Mutter gab. Als er keine mehr bekam, begann er mit dem Kopfrechnen.
Wenn Hans den Geburtstag einer Person wusste, konnte er dieser sofort sagen, an welchem Wochentag sie geboren war und wie viele Minuten und Sekunden sie schon lebte.
König entdeckt ihn
Der erste König von Württemberg, Friedrich I. (1806-1816) bekam Kenntnis von dem Rechenkünstler, als dieser schon 22 Jahre alt war. Er übergab Hans dem bekannten Tübinger Professor für Mathematik, Physik und Astronomie Johann Gottlieb Friedrich Bohnenberger. Hans Erchinger wurde freigehalten, anständig gekleidet und erhielt Taschengeld.
m Morgenblatt für gebildete Stände wurde er 1811 als mathematisches Genie gefeiert – begabt, aber ohne formale Bildung. Das Morgenblatt vermutete, dass Hans Erchinger wahrscheinlich das größte damals lebende mathematische Genie sei.
Kollege Gauß hat’s besser
Ganz anders verlief das Leben des in Göttingen geborenen, um elf Jahre älteren und später weltbekannten Wissenschaftlers Carl Friedrich Gauß. Seine mathematischen Fähigkeiten wurden früh erkannt. Mit 14 Jahren wurde der Wunderknabe dem Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig bekanntgemacht.
Er konnte studieren und wurde durch seine Lehrer gefördert. Bereits mit 18 Jahren gelang es ihm, die Konstruierbarkeit des regelmäßigen Siebzehnecks (Heptadekagon) zu beweisen. Eine Konstruktionsanleitung schrieb Gauß aber nicht. Mit 30 Jahren war er Professor.
In Fachkreisen gelobt
Auch Johannes Erchinger beschäftigte sich mit der Konstruktion von regelmäßigen Vielecken und mit der Teilbarkeit von solchen aus Primzahlen. 1825 stellte Erchinger seine „Konstruktionsanleitung für das regelmäßige Siebzehneck in 64 Schritten“ der Gesellschaft der Wissenschaft zu Göttingen, heute Akademie der Wissenschaft, vor. Die praktische Umsetzung der Konstruktion des regelmäßigen Siebzehnecks erbrachte damit Erchinger, nicht Gauß. Gauß setzte sich in seinen „Göttinger Notizen“ 1825 ausführlich mit der Veröffentlichung des Herrn Erchinger auseinander und fand, der wahre Vorzug des Herrn Erchinger liege in der Genauigkeit seiner fehlerfreien geometrischen Grundlage, die mit einer vorbildlichen, mühevollen Sorgfalt erfolgte und von einer außerordentlichen mathematischen Begabung zeuge.
Er stirbt als armer Mann
Als 1816, schon vor Veröffentlichung der Konstruktionsanleitung, sein Unterstützer König Friedrich I. verstorben war, wurde Johannes Erchinger Lehrer am Lyzeum in Tübingen. Das Lehramt war aber nichts für ihn. Die Entlassung erfolgte wegen „gänzlicher Unbrauchbarkeit zu einem Lehramt“. Er verstarb krankheitsbedingt und als armer Mann im 41. Lebensjahr in Tuningen.
Beide – Gauß und Erchinger – hatten außergewöhnliche mathematische Fähigkeiten. Beide arbeiteten am selben Problem, doch nur einer wurde berühmt. Der andere endete im Elend.