Vor 81 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Wilhelm Küstermann, damals zwölf Jahre alt, erinnert sich, wie der Krieg nach Egenhausen kam. Und an Menschen, die dabei starben.
Jeweils im April erinnert man sich in Egenhausen an den Einmarsch in unseren Ort am 16. April 1945.
Schon zuvor war allerhand los. Vom Rheintal her hörte man Kanonendonner. Über der Bahnlinie Freudenstadt-Dornstetten-Eutingen kreisten Jabos (Jagdbomber) und griffen das Viadukt bei Aach an. Die Bahnbrücke bei Grünmettsteten hatten sie schon erheblich beschädigt. Auch die Flugwacht auf dem Kapf hatten sie angegriffen, aber nicht getroffen. Der Jabo kam über den Wald am Haidloch fast lautlos angepfiffen und schon knallte es.
Auf dem Kapf gab es eine Besatzung, bestehend aus Soldaten des Ersten Weltkriegs: Der Schlössleshannes, der Seegermichel, der Strassenwart Brenner, der Chausseewirt Stickel, der Zimmermann Fritz Kalmbach und der Chef, der Bankkaufmann Alfred Kuchler. Oben ragte eine rundum verglaste Kuppel hervor, aus welcher der Luftraum überwacht werden sollte. Auf der Kapfebene gab es Bunker, Kanonenfundamente und eine Plattform für Leuchtstrahler, dazu mehrere Baracken als Soldatenunterkünfte.
Volkssturm baut Panzersperren
Hektik brach aus, als der Volkssturm „erfunden“ wurde. Alle Männer, die nicht an der Front oder anderen Einsätzen waren, wurden verpflichtet, sich dieser Organisation anzuschließen.
Der Volkssturm wurde mit ausgedienten Karabinern bewaffnet und zum „Panzersperrenbau“ eingesetzt. Dazu wurden Baumstämme tief im Boden verankert. Quer über die Straße legte man dicke Stämme aus dem Tannenwald. Das sollte die Panzer stoppen. Aber diese fuhren einfach drum herum.
„Rein, rein, dort kommen sie“
Mein Vater, ein Mann, ebenfalls kriegsversehrt, der mit seiner Familie bei uns zur Miete wohnte, und ich standen auf der Ebene des Schutzkellers und blickten Richtung Spielberg, von wo die damaligen Feinde erwartet wurden. Plötzlich schrie mein Vater: „Rein, rein, dort kommen sie“, gegenüber dem Bömbachtal rauschte ein riesiger Panzer an.
Direkt darauf knatterten Geschosssalven übers Haus. Sie galten den flüchtenden Soldaten, die unterhalb des Schlösslesbuckels ihre Kanone verlassen hatten und den Kapfhang hinauf ihr Heil suchten.
Nach Frankreich ins Lager
Auf dem gleichen Fluchtweg befand sich Alfred Kuchler. Der Kommandant der „Flugwacht“ auf dem Kapf war kurz zu Hause in der Sommerstraße, in der seine Frau einen Gemischtwarenladen betrieb. Als es schon brannte, schnappte er sein Fahrrad, kam aber nur in der Stauchgass bis zur kaputten Kanone und floh mit den jungen Soldaten den Schlösslesbuckel hinauf. Aber er war eben älter und die Puste ging aus. Im Geräteschuppen im Schlössle versteckt, wurde er bald entdeckt und kam für längere Zeit nach Frankreich ins Lager.
Sie starben noch am selben Tag
Die jungen Soldaten kamen ein Stück weiter, aber ohne Deckung nur in den Kapfhang. Alle drei wurden getroffen, von der Diakonisse Schwester Anna versorgt und in den „Adler“ getragen. Sie starben noch am selben Tag und wurden auf dem Egenhauser Friedhof beigesetzt – neben Christian Gauß, der auf der Fahrt in den Heimaturlaub im Bähnle des Altensteigerles von Tieffliegern bei Ebhausen tödlich getroffen wurde. Als er nach Hause überführt wurde, war seine Mutter so überwältigt, dass sie noch am selben Tag ebenfalls starb.
Direkt daneben ein weiteres Grab: der „Schmiedsmichel“, Michael Kalmbach. Er war mit seinem Motorrad in Haigerloch gestartet. Erzählt wurde später, dass er dort den Keller unter der Kirche bewachen sollte, das Forschungszentrum des Heeres, das später als „Atomkeller“ bekannt wurde. Er wurde nahe des Heimatortes abgefangen.
Der 16-Jährige Sohn brach schluchzend zusammen
Auf einem Panzer als Schutzschild festgehalten, wagte er in der Nähe seiner Schmiede den Absprung. Aber dem Bordschützen entkam er nicht. Man rief seinen 16-jährigen Sohn Kurt, der brach schluchzend zusammen. Und holte ihn nach Hause.
Der Panzer, der auf den Kapfhang die tödlichen Schüsse abgegeben hat, wollte dann ins Bömbachtal fahren, stoppte aber vor dem steilen Hang und fuhr in Richtung der Häuser. Küfers Emil, der zehnjährige Emil Walz, und sein Vater sahen dieses Manöver und flüchteten in die alte Werkstatt im Haus. Die wahrscheinlich auf sie gerichteten Schüsse ließen im Schopf über der Fassschmiede den Staub aufwirbeln. Auf dem schmalen Feldweg hinter ihrem Haus presste sich das Ungetüm Richtung Tal.
Energische Rufe: „Raus da, raus da!“
Da entdeckte es ein Kettenfahrzeug der Wehrmacht, das Zugfahrzeug der im Graben gelandeten Kanone. Sofort wurde geschossen. Dabei wurde der flüchtende Fahrer getroffen. Er schleppte sich verwundet auf die Betonplatte vor den Garagen der Spedition Kirn. Etwas später erlebte Emil, wie eine Nachbarin, Zimmermanns Christele, diesem im Sterben liegenden Soldaten ein Kissen unter den Kopf schob.
Meine Familie war zwischenzeitlich im Schutzkeller angekommen. Plötzlich laute, energische Rufe: „Raus da, raus da!“ Vorsichtig öffnete mein Vater die Kellertür, hob die Hände hoch, der andere Mann folgte mit erhobenen Armen. Der bewaffnete Militär kam auf sie zu und tastete sie ab. Fragte, ob noch mehr Personen da wären. Wir Übrigen schlichen vorsichtig aus dem Schutz in den Gang. Da befahl der Soldat: „Zurück!“ Wir gingen zögerlich und etwas aufatmend zurück auf unsere Plätze. Nach einer unruhig verbrachten Nacht wartete man am folgenden Morgen, wie es weitergehen würde.
Auf dem Stauchberg und unten auf der Hauptstraße war reichlich Betrieb. Ein Militär besichtigte unsere Wohnung und erklärte das Wohnzimmer für beschlagnahmt. Es war ein Offizier, der einzog und sein Kommando darin einrichtete. Es war für uns, wie sich herausstellte, sogar vorteilhaft.
Schokolade zum zwölften Geburtstag
Vor der Haustüre wurde eine Wache aufgestellt. Da traute sich kein Plünderer herein. Der Offizier beschenkte mich an meinem zwölften Geburtstag am 21. April mit einer Tafel Schokolade. Meine erste Schokolade. Meine Mutter schlug zwei Eier in die Pfanne, dieser Eierkuchen war obligatorisch.
Im Ort war ebenfalls viel Unruhe. Das gesamte Haus vom „Sattlersteeb“ musste geräumt werden. Darin wurde die „Ortskommandantur“ eingerichtet. Die „Adolf-Hitler-Linde“ vor dem Hof zur Kirche wurde umgesägt. An deren Stelle wurde ein Fahnenmast installiert mit der Trikolore.
Die Wochen vor dem Einmarsch
Auch die Wochen vor dem Einmarsch in Egenhausen waren besonders gewesen. Außer Kanonendonner und „Jabos“ wälzte sich eine schier unaufhörliche Kolonne an Wehrmachtssoldaten durch den Ort.
Auf der Hauptstraße fuhren die schweren Geräte, Kanonen, Raupenfahrzeuge und Pferdegespanne entlang, den Stauchberg hoch marschierte – oder besser gesagt schleppte – sich das Fußvolk. Soldat um Soldat in ganzen Kolonnen.
Alles strebte Richtung Süden. Die Parole hieß anscheinend, wir sammeln uns in der Alpenfestung. Später hörte man sagen, dass die „Dekorierten“ sich in die Alpen flüchteten. Letztendlich konnten sie sich aber doch nicht retten.
Soldat will sich in der Küche erholen
Mein Vater holte ein ums andere Mal mit dem Krug seinen Most aus dem Keller und erfuhr dadurch viel Dankbarkeit. Einer dieser Soldaten wollte sich in unserer Küche erholen. Am Tisch sitzend stotterte er herum und fragte plötzlich nach einer Fischerei, die in dieser Gegend sein müsse. Er habe dort Verwandtschaft. Ich erzählte ihm von der Fischerei im Zinsbachtal. Er wollte wissen, ob das nahe sei. Da zeigte ich ihm vom Küchenfenster aus die Richtung: dort hinter Spielberg liegt dieses Tal.
Ich hatte kapiert, dass er „abhauen“ wollte. Ich spürte, dass der Mann in Not war und Angst hatte. Darum riet ich ihm, an dem Haus am Waldrand vor dem Hund Vorsicht walten zu lassen, im Wald zu bleiben, erst weiter oben das Bömbachtal zu queren, dann im Tal rechts an den zwei Mühlen vorbei, bis er an der Kohlsägmühle vorbei fast schon an der Fischerei ankomme. Auch dort gäbe es einen wachsamen Hund.
Leider habe ich nach Kriegsende nie gefragt, ob dieser Berliner dort angekommen ist.