Dieter Zetsche wurde vorgeworfen, das E-Auto bei Daimler verschleppt zu haben. Nun heuert er bei einem Investor für Elektromobilität an. Foto: dpa/Peter Steffen

Als Daimler-Chef ist er die E-Mobilität zögerlich angegangen. Nun heuert Dieter Zetsche bei einem Finanzinvestor an und will und das Elektroauto massiv voranbringen.

Stuttgart - „Ich bin total mit mir im Frieden“, sagte der langjährige Daimler-Chef Dieter Zetsche, kurz bevor er im Jahr 2019 aus dem Amt schied. Zu dieser Zeit bereitete Zetsche sich gerade darauf vor, nach 13 Jahren als Vorstandschef bald den Vorsitz des Aufsichtsrats zu übernehmen. Alles schien perfekt eingefädelt: Der langjährige Aufsichtsratschef Manfred Bischoff sollte Zetsches Platz warmhalten, bis dieser nach der vorgeschriebenen Abkühlphase seine Nachfolger Ola Källenius beaufsichtigen konnte. Doch es kam völlig anders.

 

Zu lang war der Schatten, den die letzten Jahre von Zetsche Amtszeit auf seine Pläne warfen. Mercedes-Dieselfahrzeuge bliesen oft ein Vielfaches dessen an Schadstoffen in die Luft als die Tests auf den Prüfständen je ausgewiesen hatten. Hersteller wie BMW und Porsche lagen beim E-Auto lange weit vor Daimler. Nicht einmal der autofreundliche Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) konnte da noch seine schützende Hand über Zetsche halten. Schließlich warf Zetsche hin und verzichtete auf den Aufseherposten.

Krönung der Karriere fiel aus

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Nun aber steigt Zetsche (68) just in das Geschäft mit neuen Technologien ein – und das im großen Stil. Er heuert bei der New Yorker Investmentfirma Kensington Capital an und soll dort nach Angaben von „Automotive News“ als Vizechef 200 Millionen US-Dollar (180 Millionen Euro) einsammeln, die dann in die Autoindustrie investiert werden sollen. Kensington Capital hat einen starken Fokus auf neue Autotechnologien und investierte bereits massiv in in Batterietechnologie und in Ladeeinrichtungen für E-Autos.

Investment-Methode hoch umstritten

Der Weg zu diesem Ziel ist durchaus umstritten. Die Investitionen sollen über ein so genanntes SPAC-Unternehmen abgewickelt werden – einen Firmenmantel, der ohne jeden Inhalt an die Börse gebracht wird. Anleger sollen hohe Summen in dieses Vehikel investieren, mit denen es dann ein anderes Unternehmen aufkauft. Dieses kommt dadurch schnell an viel Geld. Wird nach zwei Jahren kein Unternehmen gefunden, erhalten die Anleger ihr Geld zurück.

Warnung vor Interessenkonflikten

Allerdings sind solche Unternehmen für die Anleger nicht ungefährlich. So erklärt die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin, die Risiken gingen „über die mit Investitionen typischerweise verbundenen Risiken hinaus“. Es handle sich um „Investitionen ins Unbekannte“. Überdies bestehe bei den Vorständen und Aufsichtsräten eines SPAC das Risiko von Interessenkonflikten, da diese oft nicht nur für das SPAC tätig seien, sondern auch Funktionen in Gesellschaften mit ähnlichen Geschäftszwecken ausübten.

Vor Interessenkonflikten ist auch Zetsche nicht gefeit. Denn der Job bei den bei Kensington Capital ist nicht der einzige, den er inzwischen angenommen hat. Zetsche ist heute auch Berater des US-Unternehmens Luminar, das Lasersensoren anbietet. Diese sind von elementarer Bedeutung für das autonome Fahren, denn sie können auf der Autobahn herannahende Fahrzeuge in einer Entfernung von bis zu 250 Metern erkennen. Falls das Zetsche-SPAC in diesen Sektor investiert, werden Anleger immer auch die Frage stellen müssen, ob diese Investments so gewählt wurden, dass sie Luminar nutzen und nicht der Konkurrenz. Schließlich ist der Markt, auf dem sich Luminar bewegt, hart umkämpft.

Vor wenigen Tagen hat Zetsches Ex-Arbeitgeber Daimler eine Partnerschaft mit Luminar bekannt gegeben. Erst im Dezember hatte das Stuttgarter Unternehmen als weltweit erster Autohersteller die Freigabe bekommen, unter bestimmten Voraussetzungen Autos so fahren zu lassen, dass der Fahrer nicht mehr ins Geschehen eingreifen muss. Die Sensoren besitzen für den Weg zum autonomen Fahren eine strategische Bedeutung – und so hat Zetsche nach seinem glanzlosen Aus bei Daimler schon jetzt wieder einen Fuß in der Tür.