Die „Critical Mass“ startet am Marktplatz zu ihrer Stadtrundfahrt. Foto: Steinmetz

In Sulz fand am Freitag die erste „Critical Mass“ im Rahmen der Aktionswoche des Teams von bwim.puls – einem Projekt des Baden-Württemberg Instituts für nachhaltige Mobilität (BWIM) statt. Radfahrer machen so ihren Anspruch auf die Straße deutlich.

Ein paar Autofahrer haben sich wohl geärgert, dass sie im Schritttempo durch die Obere- und Untere Hauptstraße fahren müssen. Der Grund: eine Radfahrergruppe, die ein Überholen nicht zulässt.

 

Um 17 Uhr sollte es losgehen, doch eine Viertelstunde wird zugegeben. Vielleicht kommen noch einige Pedalisten. Ob mit Mountainbike, Lastenrad, Klapprad, Stadtrad, E-Bike – das ist ganz egal. Hauptsache es sind mindestens 15 Pedalisten, denn dann ist die „Critical Mass“ (kritische Masse) erreicht.

Die „kritische Masse“ fährt

Diese Radfahrer bilden in der Gruppe gewissermaßen ein Fahrzeug und dürfen auf der Straße nebeneinander fahren. Aber klar: Der Verband sollte nicht auseinanderreißen, auch nicht den Verkehr blockieren.

Es reicht: Genug Radfahrer sind da, die Polizei ebenfalls. Martin Spalek, Teammitglied und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei „BWIM“ mit Hauptsitz in Karlsruhe, erklärt die Regeln. Eine gemütliche Sieben-Kilometer-Tour mitten im Feierabendverkehr durch die Stadt ist geplant.

Autoschlange hinter den Radlern

Das soll in erster Linie Spaß machen, aber auch Aufmerksamkeit wecken – sowohl bei den Passanten auf dem Gehweg als auch – und das besonders – bei Autofahrern, dass Radfahrer ihren Platz im Stadtverkehr beanspruchen.

Die Gruppe mit 15 bis 20 Radlern wird von erfahrenen Critical-Mass-Mitfahrern begleitet. Das Polizeifahrzeug sichert den Schluss. In der Unteren Hauptstraße bildet sich schnell eine Autoschlange, von der sich die Radfahrer nicht beeindrucken lassen.

20 Räder sind ein Fahrzeug

Es hupt niemand, aber die Geduld der Autofahrer wird auch nicht zu lange strapaziert. Die Radfahrer biegen in die Kanalstraße ein, drehen eine Schleife, kommen wieder zurück zur Waldhornbrücke, dann geht es Richtung Holzhausen. Am Kreisel beim Friedhof wird eine „Ehrenrunde“ gedreht.

Der Tunnel ist ein besonderes Erlebnis. Nach einer weiteren Ehrenrunde am nächsten Kreisel gibt es eine einzige kritische Situation an der Ampel in der Stuttgarter Straße. Die Vorderen radeln bei Grün los, die Hinteren stehen noch, als es wieder rot wird. Muss gewartet werden oder darf man weiterfahren? Der eine oder andere ist unsicher. Man darf bei Rot noch fahren. „Wir gelten als ein Fahrzeug“, versichert einer der Begleiter. Ob das die Autofahrer wissen? An der Ampel hat das Tandem-Rad eine Panne, die Kette ist abgesprungen. Das zwingt zu einem kurzen Halt.

Die Anzeigetafel lächelt

Ernesto Lucas Herrera Orta, einer der zur Zeit in Sulz tätigen Künstler, hat auf seiner Trompete mit „Oh When the Saints“ das Aufbruchsignal am Marktplatz gegeben.

Er bläst auf seinem Klapprad während der ganzen Fahrt, ohne aus der Puste zu kommen. Das Tempo ist so, dass sich die Teilnehmer noch locker unterhalten können.

Gerade mal acht Stundenkilometer gibt die Anzeigetafel an der Oberen Hauptstraße an und macht ein besonders freundliches grünes Smiley-Gesicht.

Verkehr neu denken

Letzte Abzweigung ist an der Sonnenstraße, Ende der Tour an der Denkwerkstatt in der Brühlstraße. Dort ist das Buffet für die Radfahrer vorbereitet. Allerdings setzt jetzt der Regen ein, schnell wird der Pavillon aufgestellt.

Die „Critical Mass“ ist Teil der „bwim.impuls“-Aktionswoche in Sulz. Das Projektteam will unter anderem zeigen, wie die Achse Stadtkirche, Marktplatz und Neckar neu zugänglich gemacht werden kann, zum Beispiel über Straßenmalerei in der Kölreuterstraße und einem Zugang zum Fluss bei der Denkwerkstatt.

Weniger Autos, mehr Grün

Pech hatten die Initiatoren mit dem Wetter. Dennoch kamen zu den angebotenen Stammtischen bis zu 15 Interessierte. Die Resonanz der Kernstadtbewohner auf das Projekt sei positiv gewesen, berichtet Martin Spalek. Zu wenig Grün, zu wenig Spielmöglichkeiten, überall Autos – das sind einige ihrer Kritikpunkte.

Das Thema Parken werde allerdings auch kontrovers diskutiert, sagt Stadtbaumeister Reiner Wössner, der mit dem E-Bike mitgeradelt ist. Ein neuer Aspekt sei, dass die Kölreuterstraße verkehrsberuhigt werden könnte.

Erfahrungen werden festgehalten

Die Brucktorstraße war schon mal als Fußgängerzone angedacht, jedoch im Zusammenhang mit dem Bauernfeind-Museum im Vayhinger-Haus. Dieses Vorhaben ist bekanntlich nicht zustande gekommen.

„Wir haben einen Fundus an Einblicken erhalten“, teilt Spalek mit. Es werde eine Dokumentation geben, die neben der Stadt Sulz auch anderen Kommunen zur Verfügung gestellt werde.

Das Baden-Württemberg-Institut hatte für das Pilotprojekt 15 Kommunen zur Auswahl. Von diesen hat Sulz zusammen mit Weilderstadt den Vorzug bekommen.