Mit voller Absicht wird die Beifahrertür des Autos abgefahren, damit die Schulungsteilnehmer bei künftigen Schadensfällen, den Unfallhergang möglichst präzise rekonstruieren können. Foto: Marschal

Was auf den ersten Blick nach mutwilliger Zerstörung aussieht, hat einen pädagogischen Hintergrund. Bei den „Crash Days“ werden Versicherungsmitarbeiter in Schadensbildern geschult.

Ein Ford Focus älteren Baujahres fährt mit voller Wucht auf einen Opel Corsa auf. Es kracht und schleift. Beide Autos haben durch den Aufprall Schäden davongetragen: Der Ford an der Stoßstange vorne rechts, den Corsa zieren Schleifspuren über dem Radkasten. Einige Zuschauer haben den Unfall gefilmt und schauen interessiert den Schaden an. Die, die das Handy zücken, ganz genau hinsehen und heftig diskutieren, sind keine Gaffer, sondern ausnahmslos Experten.

 

Rund 200 Kfz-Sachverständige und Sachbearbeiter der Württembergischen Versicherung sind aus ganz Deutschland auf den Festplatz nach Stetten gekommen, um verschiedene Schadensbilder unter die Lupe zu nehmen. Das ist Sinn und Zweck der Crash-Tage, die der Matthias Deppert zum fünften Mal organisiert hat.

Spezifische Schadensbilder

Die Crash-Tage sind eine Mitarbeiter-Fortbildung mit Action-Charakter: Seit Monaten hat Matthias Deppert etwa 25 Schrott- und Unfallautos gekauft und zu Schulungszwecken aufbereitet. Bei den Crash-Tagen durften sich die Versicherungsmitarbeiter an den Fahrzeugen auslassen und sie auf vielfältige Weise beschädigen. Jeder Unfall hinterlässt ein Schadensbild, anhand dessen sich der Unfallhergang rekonstruieren lässt. Beispielsweise lässt sich erkennen, ob ein Unfall im Begegnungsverkehr stattgefunden hat, oder ob das gegnerische Fahrzeug geparkt war. An der Spuren am Fahrzeug lässt sich sehen, ob ein Einkaufswagen den Lack beschädigt hat, oder ob die Türkante des daneben parkenden Autos für den Schaden verantwortlich ist. So lassen sich auch falsche Angaben im Unfallhergang entlarven.

„Betrug erkennt man“

„Für die Schadensbearbeitung ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter wissen, wie die Schäden zustande gekommen sind und wie der entsprechende Schaden aussieht“, erklärt Bettina Quirin, Leiterin Schaden Komposit bei der Württembergischen Versicherung. „Das hilft auch dabei, einen Schaden fair eruieren zu können“, erklärt Matthias Deppert, „Betrug erkennt man.“

Die Fortbildung ist in sieben Stationen aufgebaut, die verschiedene Unfallschwerpunkte in den Fokus nehmen: Parkschäden wurden ebenso unter die Lupe genommen wie Beschädigungen der Scheiben etwa durch Steinschlag, oder Hagel. Außerdem wurden Schäden verglichen, die in die Kategorie Haftpflicht fallen: Wie sieht es aus, wenn beispielsweise an Silvester ein Böller am Auto gezündet wird? Welche Spuren hinterlässt ein leerer und ein beladener Schubladen? Wie sehen Einbruchspuren aus und was unterscheidet ein zufälliger Kratzer etwa durch ein Kinderfahrrad von einem absichtlich verursachten Kratzer mit einem spitzen Gegenstand?

Hagelschäden häufen sich

Auch wenn Verkehrsunfälle mindestens so alt sind wie die Erfindung des Automobils, gibt es immer wieder Neuerungen oder gar Trends. Quirin erklärt, dass Kfz-Versicherungen in den vergangenen Jahren vor allem mit Kumulsituationen konfrontiert werden. Das bedeutet, Schäden, die auf ein einziges Ereignis zurückzuführen sind, wie Unwetter. Deswegen wurde den Teilnehmern ein sogenannter Hagelscanner vorgeführt. Das Gerät scannt das Blech und ermittelt Anzahl und Tiefe der Eindellungen.

Dadurch können die Sachbearbeiter ermitteln, wie teuer eine Reparatur ist und abwägen, ob ein Austausch der Teile vielleicht sinnvoller ist. Ob alter Corsa oder neuer Tesla: „Das Schadensbild ist immer ähnlich – nur die Kosten sind unterschiedlich“, so Deppert.

Reparatur von Elektro-Autos ist teuer

Auch im Bereich der Elektromobilität konnten sich die Mitarbeiter fortbilden. Denn bei Reparaturarbeiten, die sich im Hochvoltbereich bewegen, sind zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen notwendig. „Und da schießen die Kosten in die Höhe“, weiß Deppert.

Im vergangenen Jahr wurden der Württembergischen Versicherung rund 251 000 Kfz-Schäden gemeldet. Die meisten davon sind Hagelschäden im Sommer sowie Auffahrunfälle und Parkrempler.

Auch das DRK Zollernalb war vor Ort und der ADAC – beide verschafften den Schulungsteilnehmer die Möglichkeit, ihre Rettungsfahrzeuge unter die Lupe zu nehmen. Doch was passiert am Ende der Crash-Tage mit den völlig demolierten Autos? an diesen durfte die Haigerlocher Feuerwehr die Rettung von eingeklemmten Personen üben. Begrüßt wurden die Teilnehmer an der Schulung übrigens am Morgen von Bürgermeister Heiko Lebherz.