Coolness aus Den Haag: Das Nederlands Dans Theater in „Bedroom Folk“ Foto: Rahi Rezvani

Pinkfarbene Einhörner, Duette mit Avataren und Tischen: Das Colours-Tanzfestival sorgt in der zweiten Woche für manche Überraschung.

Zum Start des zweiten Festivalwochenendes strahlten der Himmel über dem Theaterhaus und Eric Gauthier um die Wette: Der Colours-Gastgeber, nach überstandener Corona-Infektion raus aus der Quarantäne, freute sich über ein ausverkauftes Haus. Das Nederlands Dans Theater (NDT), seit 1959 Vorbild für einen zeitgemäßen Blick aufs Ballett, erwies sich erneut als Zugpferd. Für alle, die kein Ticket mehr für die Niederländer ergattern konnten, gab’s eine attraktive Alternative: Alexander Whitleys Avatar-Stück „Anti-Body“ blickte im Saal nebenan in die Zukunft des Tanzes.

 

Emily Molnar, die neue NDT-Direktorin, hatte beim Gastspiel in Ludwigsburg vor kurzem auch die neoklassischen Wurzeln ihrer Kompanie gezeigt. Nun stellt sie sie zum Colours-Gastspiel als junge, coole Truppe vor, die mit Sharon Eyal und Marco Goecke zwei der prägnantesten aktuellen Choreografen an der Seite hat. William Forsythes Eisschollen-Ballett „One Flat Thing, reproduced“ aus dem Jahr 2000 macht den Abend komplett und erweist sich als ebenso aktuell.

Getanzt wird zwischen, über, unter 20 Tischen

Forsythe, den Robert Scotts gescheiterte Polar-Expedition inspirierte, stellt zwar die Bühne mit 20 Metalltischen zu, dafür entrümpelt er sie von allem, was heute beim Ballett Diskussionsstoff liefert – Geschlechterfragen etwa. Wir sehen 14 Individuen, jeder und jede zaubert für sich zwischen, über, unter Tischen Tanzfragmente hervor; nur kurz sorgen Momente der Einigkeit für ein Gruppengefühl. Thom Willems Eiswüstensound, die Entschiedenheit, mit der die Tische bespielt werden, macht Eindruck.

Auch in Goeckes „I love you, ghosts“, schon beim NDT-Gastspiel im März dabei, sind vier Tänzerinnen und vier Tänzer gleich in ihrem verzweifelten Kampf: sehnsüchtig zurück- oder nach vorn schauen? Überdreht wie in einem zu schnell laufenden Trickfilm addieren sich kantige Gesten zu einem Ballett furioso. Das Wiedersehen mit dem ehemaligen Gauthier-Tänzer Theophilus Vesely ist dem Publikum einen Extra-Applaus wert.

Sharon Eyal lässt eng zusammenrücken

Sharon Eyal lässt in „Bedroom Folk“, 2015 fürs NDT entstanden, fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer zu Beginn wie ein gemeinsam atmender Körper agieren. Geschlechter sind hier zwar unterschiedlich gekleidet; doch der Tanz, Eyals typisches, tranceartiges Trippeln auf halber Spitze, macht alle gleich. Wie zu Ori Lichtiks Club-Sound Bewegungen minimal variiert werden, wie einzelne ausbrechen und sich Ballettposen einschleichen, wie der Raum ins Spiel kommt, macht Lust auf Eyals eigene Kompanie, die am nächsten Wochenende das Festival beschließt.

Nach dieser Coolness wirkt die emotionale Wucht, mit der Andonis Foniadakis in „Salema Revisted“ zwei Tage zuvor tanzen ließ, im Rückblick wie ein Schock. Während fünf Musiker aus Kreta im Hintergrund aus Klagen und Seufzen Melodien spinnen, umschlängeln sich Männer wie neugierige Tiere; im Dialog mit den Frauen wird ihr Tanz zupackend, zerrend, ungeduldig. Die finale Ekstase, in der Musik und Bewegungen münden, zeigt ein explosives Miteinander, dessen Balance auf Messers Schneide steht.

Wenn der Vater mit dem Sohn tanzt

Der Exil-Kubaner Alexis Fernández steigt mit seinem Sohn Paulo in den Tanzring, es geht um Fantasie, Körperlichkeit und Lebensfragen. Alt und Jung joggen über die Bühne, ihre Füße setzen den Rhythmus. Schneller, ausdauernder? Nach diesem „Vorwort“ geht der Wettbewerb weiter – vier „Kapitel“ und einen „Epilog“. Nach einem Wissensquiz, Seilspielen und Springsteen-Interpretationen wird es ernst. Versprechen werden in Wenn-Dann-Manier abgenötigt – „gute Noten“, „nicht ins Pflegeheim“ –, dabei akrobatisch einander übersprungen, gerockt, auf Hüpfburgteilen balanciert, Rollen getauscht. Gemäß „Vater, Macho“ und „Sohn, typisch digitalsüchtiger Jugendlicher von heute mit pinken Einhörner auf dem Handy“. Nicht Papas Jugendfarbe! „Pink Unicorns“ nennt er daher die Choreografie, die er mit Caterina Varela im spanischen Kollektiv La Macana schuf. Grandios! Selten wurde ein Generationenkonflikt so energiegeladen, bewegend, ehrlich, witzig und liebevoll getanzt.

Gefährden Algorithmen menschliche Einzigartigkeit?

Kühl ästhetisch dagegen kommt „Anti-Body“ daher. Der britische Choreograf Alexander Whitley bestückt die Körper von zwei Tänzerinnen und einem Tänzer mit Motion-Capture-Punkten. Deren Bewegungen in der virtuellen Welt werden auf transparente Schirme projiziert, vor und hinter denen sie tanzen. Aus klaren, höchst präzise ausgeführten Armschwüngen, Streckungen, Beugungen, Drehungen zu Technobeats entstehen auf den Screens mal Avatare als Tanzpartner, mal flimmernde Grafikformen, mal ganze Tsunamiwellen, in denen das Individuum regelrecht zerstäubt. Technologie-Freak Whitley fragt, ob Menschen in einem Universum voller Algorithmen ihre Einzigartigkeit bewahren können. Auf der Bühne scheint die Technik zu gewinnen: Die Tänzerin, die sich der Elektronik entledigt, sinkt nieder, das Pixelfinale verschluckt alles wie ein weiß-schwarzes Loch.

Info

Termine
An diesem Montag ist Anne Nguyens Compagnie par Terre zu Gast bei Colours und denkt um 20 Uhr in „A mon bel amour“ über unsere Vorstellungen von Schönheit nach (nochmals am Dienstag um 20.30 Uhr). Aus Südafrika reist Dada Masilo mit ihrer Dance Factory an und zeigt am Dienstag um 20 Uhr einen Klassiker in neuem Licht: Zu „The Sacrifice“ erklingt nicht Strawinskys „Frühlingsopfer“, sondern afrikanische Musik (nochmals am Mittwoch um 20.30 Uhr).

Tickets
Das ausführliche Programm gibt es unter www.coloursdancefestival.com. Kartenreservierung auch am Theaterhaus-Telefon unter 07 11 / 4 02 07 20, 10–21 Uhr.