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Coronavirus Ist nach der Krise nichts mehr wie zuvor?

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Früher gab es ein Vermummungsverbot – heute verbirgt die Polizei ihr Gesicht. Foto: Michael

Freiburg - Die Corona-Pandemie verunsichert uns Menschen. Die Frage, wie das Leben künftig aussehen mag, ob alles anders oder doch irgendwie ähnlich wie vor der Pandemie sein wird, treibt viele Experten um. Im Gespräch mit dem Freiburger Soziologen und Zukunftsforscher Michael Schetsche haben wir Antworten auf die offenen Fragen der Gegenwart gesucht. Mehr darüber lesen Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Herr Schetsche, je länger die Corona-Pandemie die Schlagzeilen beherrscht, desto öfter liest man von den unterschiedlichsten Experten die Aussage, dass künftig nichts mehr so sein wird, wie es bisher war. Was können Sie darauf aus Sicht der Zukunftsforschung sagen?

Das ist die große Frage derzeit! In der Futurologie, wie ich meine Disziplin gerne nenne, versuchen wir, mit wissenschaftlichen Methoden Aussagen zu treffen über Dinge, die noch nicht eingetroffen sind. Man muss also ganz konkret schauen, worüber man Aussagen trifft und kann nicht pauschal behaupten, dass alles anders wird. Da ist zum Beispiel die Zeitperspektive: Ob ich etwas über die kommenden zwei Jahre oder die Welt in 20 Jahren sage, ist ein riesiger Unterschied. Und bei der Corona-Krise ist der entscheidende Punkt, wie lange sie dauern wird.

Da wir derzeit meines Erachtens eine etwas vorzeitige Rücknahme der Restriktionen im Alltag haben, fürchte ich, dass die Epidemie uns noch viele Monate oder vielleicht ein Jahr beschäftigen wird. Ein Krisenmodus über ein Jahr hinweg würde aber sichtbare Veränderungen im sozialen Raum haben: Wir werden in der Gastronomie und im Kulturbetrieb sicher eine ganze Reihe von Insolvenzen sehen. Da ist der Druck jetzt schon massiv. Und am Ende werden wir trotz staatlicher Förderung manch liebgewonnenen Ort nicht mehr wiederfinden: das Lieblingscafé um die Ecke zum Beispiel, oder das kleine Privattheater.

Es wird aber auch Gewinner geben: Lieferdienste oder Streaming-Anbieter, die nun ohne Ende neue Kunden generieren. Auch lokal übrigens: Sie können in Freiburg als Neukunde zurzeit keine Gemüsekiste mehr abonnieren, weil die Anbieter an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Da gibt es einen Schub, der sicher auch über die Krise hinaus Bestand haben wird.

Kann man neben der ökonomischen Seite auch Aussagen über unser gesellschaftliches Leben nach Corona treffen?

Das ist ein wenig spekulativ. Was wir im Moment beobachten, ist so eine Tendenz, dass wir unsere Mitmenschen als Bedrohung empfinden. Wir müssen Abstand halten und Masken tragen. Wenn uns das nun ein Jahr begleiten sollte, könnte es Spuren hinterlassen im kollektiven Verhalten. Es könnte sein, dass wir vorsichtiger im Umgang miteinander werden.

Wir haben dafür aber keine Beispielfälle, weil wir das so nicht hatten in den vergangenen Jahrzehnten: In der Zukunftsforschung arbeiten wir gern mit historischen Analogien. Und hier tangieren wir dann einen dritten Bereich möglicher Auswirkungen, die den Städtebau betreffen. Die Cholera im 18. und 19. Jahrhundert hat massive Folgen auf die Gestaltung unserer Städte gehabt. Es wurden große Schneisen geschlagen, kleinförmiger Städtebau verschwand zu guten Teilen.

Die Debatte über die Verdichtung unserer Wohnräume setzt nun auch wieder verstärkt ein. Seuchenforscher warnen ja seit Jahren davor, dass es im Zuge der Globalisierung eine erhöhte Gefahr von Epidemien gibt. Es entsteht also ein Konflikt zwischen dem, was Epidemiologen fordern und dem, was die Ökologie verlangt, die ja auf weniger Zersiedelung und mehr Nachverdichtung setzt.

Es wird künftig eine verstärkte Debatte darum geben, ob es sinnvoll sein kann, den urbanen Raum immer mehr zu verdichten. Oder ob die Menschen sich nicht doch besser verteilen sollten. Ob Corona in der Debatte darüber dieselben Auswirkungen haben wird wie einst die Cholera, wage ich derzeit aber noch zu bezweifeln.

Gibt es noch andere Auswirkungen, die sich jetzt schon mit Sicherheit abzeichnen?

Es wird sicher sehr viele neue Gesetze im Gesundheitsbereich geben. Wir werden nach dieser Krisenphase wegkommen von der rein wirtschaftlichen Ausrichtung, die unser Gesundheitswesen mittlerweile hat: die Gesundheitspolitik in Deutschland hat seit rund 20 Jahren die Idee verfolgt, dass ein Krankenhaus wie ein Wirtschaftsunternehmen zu führen sei und Profit abwerfen muss. So eine Struktur ist aber nicht krisenfest, wie wir jetzt sehen.

Im Normalbetrieb kann man schlanke Strukturen haben. Nicht aber in der Krise. Was wäre, wenn man eine neue Pandemie hat, bei der es noch viel mehr schwere Fälle oder eine höhere Sterberate gibt? Da wird die Politik gegensteuern: Ein Gesundheitssystem ist so wichtig für eine Gesellschaft, dass man Reservekapazitäten vorhalten muss. Uns muss ja klar sein, dass Corona nicht die letzte epidemiologische Herausforderung ist, die sich uns stellen wird. Obwohl die Forschung vor neuen Seuchen gewarnt hat, war das Gesundheitssystem nicht darauf eingestellt. Das wird sich ändern.

Erwarten Sie denn auch Verschärfungen der Gesetze für unseren Umgang untereinander?

Man wird darüber diskutieren müssen. Ich will nicht zynisch sein, aber 20 Jahre lang haben wir über das Vermummungsverbot in der Öffentlichkeit diskutiert. Jetzt haben wir auf einmal eine Maskenpflicht. Das wäre noch vor zwei Monaten unvorstellbar gewesen. Und es hat Folgen, wenn es uns über längere Zeit erhalten bleibt: Die Maskenpflicht wäre das Ende einer Gesichtserkennung im öffentlichen Raum. Da wird es auf politischer Ebene viel Diskussionsstoff geben. Viel wird davon abhängen, ob uns diese Krise nur noch ein paar Monate oder gar über Jahre verfolgt.

Gibt es denn auch Chancen, die aus so einer einschneidenden Krise erwachsen?

Definitiv. Wir sehen ja jetzt schon, wie schnell es mit der Digitalisierung der Arbeitswelt vorangeht. Zu Beginn der Krise hieß es noch, man könne nicht die Hälfte der Beschäftigten ins Home-Office schicken. Und nun ist es vier Wochen später genauso gekommen. Und funktioniert ja ganz gut. Daraus folgt die Frage: Muss man jeden Tag im Stau stehen oder im überfüllten Bus sitzen? Oder macht es nicht mehr Sinn, wenn wir öfter von zuhause arbeiten?

Wie schnell würde da ein Viertel des Pendlerverkehrs wegfallen! Das wäre doch auch ökologisch überaus sinnvoll. Es würde unser Mobilitätsverhalten ändern. Bis hin zu der Idee, dass man das ganze Jahr über nur für die drei Fernreisen lebt, die man machen will. Das könnte sich nun auch ein wenig verändern. Quantifizieren kann man es freilich heute noch nicht: Ich weiß nicht, wie viele Urlaubsflüge es nächstes Jahr geben wird.

Wenn man das weiterspinnt, könnten sich massive Folgen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt abzeichnen. Kommt jetzt das Ende des Kapitalismus?

Es kommen eher wirtschaftliche Umstrukturierungen mit Gewinnern und Verlierern auf uns zu. Wenn sich die Mobilität ändert, wird sich auch unser Ölverbrauch reduzieren. Die Wirtschaft wird sich anpassen. Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird einen Boom erleben.

Kommen wir am Ende noch auf ein ganz anderes Thema: Eines Ihrer Forschungsgebiete ist die Sexualsoziologie. Wenn wir nun unseren Mitmenschen aus Angst vor einer Ansteckung aus dem Weg gehen, werden wir dann bald auch keinen Sex mehr haben?

Also, um die Reproduktionsrate der Deutschen sorge ich mich nicht zurzeit. Auch wenn es diesen Witz gibt, wonach wir in der Krise Klopapier horten, während in Frankreich die Kondome knapp werden sollen. Aber im Alltag kann sich schon eine Änderung bei den Standards im Körperkontakt in der Gesellschaft ergeben: Begrüßen wir uns weiter per Handschlag? Umarmen wir unsere Freunde? Gibt es links und rechts ein Küsschen auf die Wange? Die Distanz im öffentlichen Raum könnte größer werden. Unsere Risikowahrnehmung könnte sich ändern. Händeschütteln könnte beispielsweise unüblich werden. In Asien ist es das heute schon.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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