Der Verband der Kinderärzte spricht von einer Triage für Jugendliche in Psychiatrien. Kinderpsychiater im Land weisen das zurück.
Stuttgart - Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) schlägt Alarm. Kinder und Jugendliche seien viel weniger durch eine Coronaerkrankung gefährdet als durch die „verheerenden Langzeitfolgen“ , sagte BVKJ-Sprecher Jakob Maske der „Rheinischen Post“. Kinder und Jugendliche „wurden in der Pandemie von Anfang an massiv vernachlässigt“. Schnelle Schul- und Kita-Öffnungen wären unerlässlich. Mittlerweile gebe es psychiatrische Erkrankungen „in einem Ausmaß, wie wir es noch nie erlebt haben“, so Maske, etwa Depressionen. „Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort finde eine Triage statt. „Wer nicht suizidgefährdet ist und ‚nur’ eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen“, erklärte der Sprecher des 12 000 Mitglieder zählenden Verbandes.
Günter: „Das ist Alarmismus“
Der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der kinder- und jugendpsychiatrischen Chefärzte in Baden-Württemberg, Michael Günter, weist das gegenüber unserer Zeitung zurück. „Der Begriff gefällt mir nicht, in meinen Augen ist das Alarmismus“, sagt der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Stuttgart. „Wir hatten speziell in Baden-Württemberg schon vor Corona sehr hohe Notfallquoten und zu wenig stationäre Plätze.“ „Manche Kliniken kommen jetzt in Turbulenzen.“ Laut Sozialministerium gibt es in den Kinder- und Jugendpsychiatrien im Land 392 teilstationäre und 671 stationäre Plätze. Letztere waren 2019 zu 104,9 Prozent ausgelastet. „Das Problem ist: Wir haben keine belastbaren Zahlen“, so Günter. Er befürchtet, dass sich Depressionen und Essstörungen unbemerkt verfestigen – und damit später schwerer zu behandeln sind.
Jugendliche sind belastet durch den Wegfall ihrer Strukturen
Gottfried Maria Barth, der stellvertretende Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Tübingen, bezeichnet die Formulierung Triage als „Frechheit“. Es gebe mehr Akutfälle, 2020 waren in der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie 270 junge Patienten aufgenommen worden. 2021 werden es hochgerechnet 400 sein, vor allem mit Depressionen und fast ausschließlich Notaufnahmen. Aber „es wird jeder versorgt, der es braucht“, betonte Barth. „Jugendliche sind massiv belastet durch den Wegfall ihrer Strukturen. Das wird in der Diskussion viel zu wenig beachtet.“
Kritik äußert auch der Mediziner Perikles Simon im Interview. „Die Gesundheit unserer Kinder hat man geopfert, um sich zu sehr auf nur akut wirksame Pandemiemaßnahmen zu fokussieren“, sagt der Mainzer Professor. Bei Jugendlichen seien die Folgen der Vereinsamung und der versäumten Bildungschancen psychisch und für den späteren Lebensweg stark beeinträchtigend. Die starke Zunahme von Essstörungen bis hin zur Magersucht habe lebenslange Folgen. „Man muss leider sagen, dass Politiker Kinder und Jugendliche nicht im Blick haben.“