Baden-Württembergs Textilindustrie ist mit Unternehmen wie Hugo Boss, Olymp und Vaude weltweit bekannt. Doch den Herstellern machen der Lockdown und die Retouren der Händler zu schaffen. Es gibt aber auch einen klaren Krisengewinner.
Metzingen/Tettnang - Das vergangene Jahr war kein gutes für Hugo Boss: Erst blieben durch die Reisebeschränkungen die für die Outlets so wichtigen Touristen aus, dann war auch noch umgerechnet jeder fünfte Laden komplett geschlossen. Das Metzinger Unternehmen, das Mode nicht nur verkauft, sondern auch produziert, verlor binnen eines Jahres ein Drittel seines Umsatzes und baute fast 900 der 14 600 Stellen ab. Zum Glück blieben bisher Freiwilligenprogramme oder Kündigungen aus. Man habe auch im Pandemiejahr die natürliche Fluktuation nutzen können, offene Stellen wurden nicht nachbesetzt, betont die Konzernspitze. Eine Prognose, wie es weitergehe, will sie aber nicht wagen.
Nicht nur die Unsicherheit nagt an Baden-Württembergs Textilindustrie. Während die Handelsverbände mit ihren Klagen viel Aufmerksamkeit fanden, verschaffte sie sich bisher nur wenig Gehör. Dass die Zahl der Textilien produzierenden Betriebe im Verlauf des vergangenen Jahres in Baden-Württemberg um zehn auf 104 zurückgegangen ist, teilt etwa auf Anfrage das Statistische Landesamt mit. Gut 1400 der rund 15 500 Stellen fielen demnach weg – das ist jeder elfte Job.
Bislang bleiben Kündigungen weitgehend aus
Weil die Landesstatistiker hier nur Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeiter erfassen, fällt der Abbau noch wesentlich höher aus. Der Verband Südwesttextil gibt die Zahl aller Beschäftigten in der Textilindustrie mit derzeit 24 000 bis 25 000 an. Damit dürften binnen eines Jahres geschätzt bis zu 2250 Jobs weggefallen sein. Bisher weitgehend ohne Kündigungen, wie Hauptgeschäftsführer Oliver Dawid betont. Der Umsatz ging nicht nur der geschlossenen Geschäfte wegen um rund ein Fünftel zurück, sondern auch wegen Retouren der Modehändler. Denn diese kauften die Waren oft auf Kommission.
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„Die Zahl der retournierten Waren ist in der Pandemie stark gestiegen. Den Händlern wird der Wertverlust für Saisonware ersetzt – nicht aber den Herstellern“, kritisiert Dawid. „Der Politik ist das bewusst, sie ändert aber nichts. Das ist ein Riesenproblem.“
Der Bedarf nach schicker Mode fürs Büro oder die Feiern nimmt ab
Ein anderes trifft Textilproduzenten und Modehändler gleichermaßen hart: In der Pandemie fehlen die Anlässe, sich für Feiern schick zu machen oder das neue Hemd oder die neue Bluse im Büro zu präsentieren. Besonders dick kommt es für die größten Hersteller von Herrenhemden und -sakkos im Land, also für Hugo Boss, Olymp aus Bietigheim-Bissingen und Digel aus Nagold.
So musste Olymp im vergangenen Jahr den ersten Umsatzrückgang seit 25 Jahren hinnehmen: Um fast 30 Prozent ging es bergab, viele der gut 900 Beschäftigten sind noch in Kurzarbeit. „Kurzfristige Nachbestellungen durch den Fachhandel, über welche wir für gewöhnlich die Hälfte unserer Umsätze erzielen, werden kaum getätigt“, klagt Olymp-Chef Mark Bezner. „Zum steigenden Lagerdruck kommt die enorme finanzielle Belastung.“
Zudem würden die Verbraucher vor allem Textilien nachfragen, die angenehm zu tragen, haltbar, vielseitig und nachhaltig seien. Die jüngsten Kollektionen zielten auf ebendiese Bedürfnisse ab, sagt Bezner. Selbst ein Teil der Businesshemden würde jetzt „den Tragekomfort eines T-Shirts“ aufweisen, außerdem setze man vermehrt nachhaltige Materialien wie biologisch abbaubare Lyocell- und Modalfasern und auch erstmals Biobaumwolle ein.
Nachhaltige Mode zählt zu den Haupttrends
Branchenexperten sind sich einig, dass neben der legeren Mode vor allem Nachhaltigkeit der dominierende Trend sein wird – auch nach der Pandemie. Jene Produzenten, die sich bereits darauf spezialisiert haben, profitieren schon jetzt davon.
Der Outdoor-Spezialist Vaude etwa, der als einer der Vorreiter bei nachhaltigen Waren und transparenten Lieferketten gilt. „Die Menschen hinterfragen zunehmend ihren Konsum und möchten verantwortungsbewusst leben und einkaufen – das wurde durch die Krise noch verstärkt“, sagt Geschäftsführerin Antje von Dewitz. Man sei zu dem Ergebnis gekommen, dass eine nachhaltige Wirtschaftsweise und die damit verbundene Werte wie Vertrauen und Partnerschaftlichkeit „krisenstark und zukunftsfähig“ seien.
Auch deshalb habe man 2020 ein Umsatzplus von knapp acht Prozent erzielt und stocke die Zahl der rund 500 Mitarbeiter weiter auf. Allerdings profitiere man auch davon, dass es die Menschen in Zeiten der Coronabeschränkungen verstärkt in die Natur ziehe und sie verstärkt Outdoor-Produkte kauften, räumt von Dewitz ein.
Die Modeindustrie muss für ihre Kunden mehr Anlässe schaffen, sagt der Experte
Südwesttextil-Experte Dawid glaubt, dass Outdoor-Experten wie Vaude mit ihrer Produktion schon nah an den Kundenbedürfnissen seien, die Branche müsse aber noch stärker und „auch kurzfristiger kundenorientiert planen“. Die Hersteller würden künftig weniger stark in Sommer- und Winterkollektionen, sondern an Modesituationen denken, so Dawid. Es mache zum Beispiel kaum einen Unterschied, ob ein Kunde im Sommer oder im Winter ins Fitnessstudio gehe oder wie er sich in dieser Zeit im Homeoffice kleide. Deshalb müssten Hersteller und Händler Anlässe jenseits der Wetterlagen schaffen: „Die Modehändler etwa sind mehr denn je gefordert, für die Kunden Einkaufserlebnisse zu schaffen und Konsumimpulse zu setzen.“
Die Modeindustrie werde sich noch weiter von den einst traditionellen Sommer- und Winterschlussverkäufen lösen, so Dawid – die Kunden wiederum könnten auch über das Jahr verteilt auf Rabatte hoffen.
Das wird auch jetzt wieder der Fall sein. Da die Textilindustrie im Südwesten meist auf höherwertige Ware spezialisiert sei, rechnet Dawid damit, dass viele der unverkauften Artikel in die Outlets und Fabrikverkäufe gehen werden. „Jetzt kommen gute Zeiten für Schnäppchenjäger – für die Produzenten ist das aber bitter.“