Um das Coronavirus einzudämmen, soll es in Kürze Massentests geben. Dabei werden deutlich mehr Gesunde als Infizierte ein positives Ergebnis erhalten. Experten sehen einen großen Aufklärungsbedarf.
Stuttgart - Die geplanten Massentests auf Coronainfektionen werden aller Voraussicht nach dazu führen, dass viele Menschen ein positives Testergebnis erhalten, ohne mit dem Virus infiziert zu sein. „Es wird vermutlich mehr falsch positive Ergebnisse geben als richtig positive“, sagte Dagmar Lühmann, Erste stellvertretende Vorsitzende des Netzwerks evidenzbasierte Medizin, unserer Zeitung. Umso wichtiger sei es, dass den Anwendern verdeutlicht werde, wie die Testergebnisse zu interpretieren sind, sagte die Medizinerin vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Der Fehler liegt nicht beim Test
In einer Beispielrechnung, die unserer Zeitung vorliegt, geht das Robert-Koch-Institut (RKI) exemplarisch davon aus, dass in einer Gruppe von 10 000 getesteten Personen 22 tatsächlich infiziert sind, dass beim Testen 60 Prozent aller Infektionen erkannt werden und 97 Prozent aller positiv Getesteten tatsächlich infiziert sind. In diesem Fall bekommen 312 Personen ein positives Ergebnis, von denen aber nur 13 tatsächlich infiziert sind. Auf 24 positiv getestete Menschen kommt somit nur einer, der wirklich infiziert ist. Neun infizierte Menschen werden fälschlicherweise negativ getestet.
Bereits im Herbst hatte Lühmann auf diesen statistischen Zusammenhang hingewiesen. Er erklärt sich daraus, dass bei Tests in einer Bevölkerung, in der nur wenige Promille der Menschen infiziert sind, selbst Testfehler von wenigen Prozent einen viel größeren Einfluss auf die Zahl der positiven Ergebnisse haben als die Infiziertenraten selbst. Die Aussagekraft der Tests hängt somit nicht nur von deren Qualität ab, sondern auch von der Durchseuchung der Bevölkerung. Selbst wenn tatsächlich dreimal so viele Menschen infiziert sind wie offiziell bekannt und die Tests zu 99 Prozent genau sind, tragen von 100 positiv Getesteten nur 30 wirklich das Virus in sich.
Weiterer Positivtest ist zwingend
Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass die Antigentests, die bald auch jeder selbst vornehmen kann, eine geringere Treffergenauigkeit haben als die bisherigen PCR-Tests. Deshalb sei ein positiver Schnelltest keine Diagnose, sondern lediglich ein Verdacht, der zwingend durch einen PCR-Test überprüft werden müsse. In der Zwischenzeit müsse sich der Betreffende gleichwohl in „Absonderung“ begeben; vielfach auch ohne infiziert zu sein.
Sorge bereitet dem RKI auch der Umstand, dass der Zusammenhang zwischen der Infiziertenrate und der Aussagekraft der Tests selbst „vielen medizinisch geschulten Personen nicht bekannt ist“. Personen könnten aus einem negativen Test zudem den falschen Schluss ziehen, sie hätten sich „freigetestet“ und könnten auf Schutzmaßnahmen verzichten. Zudem warnt das RKI davor, dass Kontaktpersonen von Infizierten sich mit dem Ziel testen, eine Quarantäne zu umgehen oder zu verkürzen.