Die Firmen sehen sich eher als wirtschaftliche Unternehmen denn als Vertreter bestimmter Weltanschauungen. Die öffentliche Impfdebatte will man aber lieber Politikern und Medizinern überlassen.
Stuttgart - „Ich persönlich bin geimpft“, sagt Christoph Werner. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Karlsruher Drogeriekette dm will keinen Zweifel an seiner persönlichen Einstellung lassen. „dm ist ein kundenorientiertes Unternehmen, kein weltanschauliches“, fügt Werner hinzu. Tatsächlich war zumindest sein Vater Götz Werner Anhänger der Anthroposophie – diese war ihm Leitbild beim Aufbau seines Unternehmens, das sich auch jetzt noch als etwas Besonderes versteht.
So wie andere anthroposophisch angehauchte Firmen auch: So werden etwa gerne Bioprodukte verkauft, auch der pflegliche Umgang mit Mitarbeitern, denen man möglichst viel Selbstbestimmung gewährt, gehört zu den zentralen Werten.
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Doch gerade die in normalen Zeiten so positive Selbstbestimmung trägt den Anthroposophen derzeit viel Kritik ein – sie stehen im Verdacht, häufig Impfgegner zu sein, auch weil sie sich nichts vorschreiben lassen wollen. Und deshalb ist es denn auch mehr als ein Fingerzeig, wenn der Chef des Unternehmens mit knapp 66 100 Beschäftigten und einem Umsatz von fast 12,3 Milliarden Euro sagt, er sei geimpft. Dazu, wieweit er selbst sich als Anthroposoph empfindet, sagt Christoph Werner nichts – aber er weiß und verkündet, wohin die Reise im Kampf gegen die Pandemie gehen muss. Und natürlich halte man sich an die Regeln. So wird etwa im der Karlsruher Konzernzentrale unter dem Namen Dialogicum nur denen die Einlasskarte freigeschaltet, die nachweisen, dass sie entweder geimpft, genesen oder getestet sind (3-G-Regel).
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Einen „unmittelbaren Zusammenhang“ zwischen Impfbereitschaft und der anthroposophischen Lehre sieht Werner nicht: „Bei Menschen in der anthroposophischen Bewegung gibt es ebenso wie in anderen Gruppierungen geimpfte und ungeimpfte.“
Weleda: Debattieren sollen Politiker
Der Naturkosmetikhersteller Weleda aus Schwäbisch Gmünd (2500 Beschäftigte, Umsatz 424 Millionen Euro) bezeichnet sich als „freies Wirtschaftsunternehmen, das anthroposophische Wurzeln hat“. Man wolle etwas dazu beitragen, „dass sich Gesundheit und Schönheit im Einklang mit Mensch und Natur entfalten können“. Impfen sei wichtig und den Beschäftigten auch angeboten worden, sagt eine Weleda-Sprecherin. Man habe es aber „vermieden, mit Druck zu arbeiten, denn das widerspricht den Werten unserer Unternehmenskultur“. Aussagen zu einer allgemeinen Impfpflicht möchte Weleda „in der öffentlichen Debatte den Experten aus dem Gesundheitswesen und der Regierung überlassen“.
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Wala: Impfen ist individuelle Entscheidung
Wala Heilmittel in Bad Boll (1000 Beschäftigte, 170 Millionen Euro Umsatz) erklärt klipp und klar, „an der Impfdebatte beteiligen wir uns nicht“. Diese sollte „gesellschaftlich und politisch geführt werden, nicht auf Unternehmensebene“, so eine Sprecherin. Seine Arzneien und Kosmetikprodukte stellt das Unternehmen – der Name leitet sich ab von „Wärme-Asche, Licht-Asche“ – „unter Beachtung der anthroposophischen Weltanschauung“ her, wie auf der Internetseite der Firma zu lesen ist. Auch Wala betrachtet die Frage, ob sich jemand impfen lässt, als persönliche Entscheidung. „Gegebenenfalls ist es auch eine staatliche Entscheidung, keinesfalls aber eine unternehmerische“, heißt es bei Wala. Den Mitarbeitern seien Impfungen angeboten worden, „falls von den Mitarbeitenden gewünscht, würden wir auch Boosterimpfungen anbieten“. Geschätzt werde, „dass Wala nach wie vor im Quarantänefall Lohnfortzahlungen leistet“.
Sonett: Impfpflicht ginge zu weit
Sonett im oberschwäbischen Deggenhausen (115 Beschäftigte, 26 Millionen Euro Umsatz) stellt biologische Wasch- und Reinigungsmittel her. Anthroposophisch ist für das Unternehmen, menschen-, gesellschafts- und naturgemäß zu handeln. „Impfen ist eine dringend erforderliche Notstandsmaßnahme“, sagt Gerhard Heid, der Vorsitzende der Geschäftsführung. Impfen sei aber „nicht die Lösung des Problems“. Diese liege eher darin, dass möglichst viele Menschen durch Bewegung und eine gesunde Lebensweise „ihr Immunsystem stärken“. „Immunsystem stärken“, das stehe auch auf der Infotafel im Betrieb, ebenso wie Abstand halten und Ähnliches. „Wir bilden intensiv das Bewusstsein mit allen Beschäftigten“, berichtet Heid. Er baue auf die Vernunft der Belegschaft. Letztlich aber sei es eine persönliche Entscheidung, ob man die Spritze akzeptiere. Im Unternehmen gebe es kostenlos Tests, auch für Geimpfte und Genesene. Eine allgemeine Impfpflicht geht Heid „entschieden zu weit“.
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Alnatura: Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen
Beim Biolebensmittelhändler Alnatura aus Darmstadt (3750 Beschäftigte, etwas mehr als eine Milliarde Euro Umsatz) ist „der größte Teil unserer Mitarbeitenden geimpft“, wie eine Sprecherin erklärt. „Alnatura ist ein Wirtschaftsunternehmen und hat folglich keinerlei religiöse, ideologische, politische oder sonstige Ausrichtung.“ Die Aktivitäten des Unternehmens würden allerdings „aus einer ganzheitlichen Perspektive heraus gestaltet“. Werke des Anthroposophen Rudolf Steiner „sind bis heute meine geistigen Wegbegleiter“, sagte Gründer und Geschäftsführer Götz Rehn einmal bei einem Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Nach Impfungen im Sommer soll den Beschäftigten Anfang kommenden Jahres eine Boosterimpfung angeboten werden.
Demeter: Kein Kommentar zu medizinischen Fragen
Demeter hat „seine Grundlage in der Anthroposophie“, teilt der Ökoanbauverband mit. Die Impfdebatte zeige „die extreme Spannung zwischen Selbstbestimmung und Verantwortung in der Gesellschaft“, meint eine Sprecherin. „Aber als Verband der biodynamischen Land- und Ernährungswirtschaft äußern wir uns nicht zu medizinischen Fragen.“ Dass eine mögliche anthroposophische Einstellung die Impfbereitschaft hemmt, glaubt Alexander Gerber nicht: „Unser Eindruck ist, dass sich die Impfquote unter den Beschäftigen unseres Verbandes mindestens auf dem Niveau der Gesamtgesellschaft befindet“, meint der Demeter-Vorstand.
Mahle: anthroposophische Stiftung
Anthroposophische Grundlagen haben indes nicht nur Unternehmen und Verbände aus dem bioalternativen Bereich. Auch beim Stuttgarter Autozulieferer Mahle (72 000 Beschäftigte, 9,8 Milliarden Euro Umsatz) spielt diese Weltanschauung eine Rolle – nicht in der Firma, wohl aber in der Stiftung, der das Unternehmen gehört. Bekanntestes Förderprojekt der Stiftung ist die Filderklinik in Filderstadt. Impfen oder nicht, das sei eine individuelle Entscheidung jedes Einzelnen, erklärt Jürgen Schweiß-Ertl, Geschäftsführender Gesellschafter der Mahle-Stiftung. „Vor dem Hintergrund der aktuellen sehr dramatischen Lage bitten wir jedoch alle noch nicht Geimpften mit Nachdruck, sich impfen zu lassen“, sagt Schweiß-Ertl – auch mit Blick auf die hohen Belastungen in den Kliniken. Der Mahle-Konzern selbst will seinen Beschäftigten nach den Impfungen im Sommer von Januar an eine dritte Impfung anbieten – sicher auch dann wieder mithilfe der anthroposophischen Filderklinik.
Anthroposophie
Herkunft
Das Wort kommt aus dem Griechischen, Anthropos ist der Mensch, Sophia steht für Weisheit. Verbunden werden in dieser Weltanschauung verschiedene Elemente, wie etwa christliche Mystik, Gedanken von Goethe und Esoterik sowie Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft. Es gibt anthroposophische Medizin, aber auch in der Naturkosmetik oder der biologischen Landwirtschaft sind Vertreter dieser Richtung zu finden.
Rudolf Steiner
Der wohl bekannteste Vertreter der Anthroposophie in Deutschland vertrat eine umfassende Betrachtung des Menschen und der Welt, verstand diese aber auch als eine wissenschaftliche Methode zur Erforschung des Übersinnlichen, Geistigen. Steiner benutzte auch die Begriffe Geisteswissenschaft oder Geheimwissenschaft.