Die Betriebe der Region – hier Haiterbach – haben alles getan, um ihre Mitarbeiter zu halten. Foto: Fritsch

Ohne Gegenmaßnahmen hätte dem Nordschwarzwald durch die Corona-Krise eine Massenarbeitslosigkeit gedroht. Dass es nicht dazu gekommen ist, hatte einen hohen Preis: 290 Millionen Euro hat die Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim seit Beginn der Corona-Krise an Kurzarbeitergeld und Sozialbeiträgen ausbezahlt.

Nordschwarzwald - Diese 16 Monate Corona-Krise waren für die Arbeitsagentur Nagold-Pforzheim 16 Monate belastender Ausnahmezustand. Das verhehlt Martina Lehmann, Chefin der Agentur, nicht. Die Belastungen, auch psychischer und emotionaler Natur seien enorm gewesen. "Da haben gestandene Unternehmer am Telefon geweint, weil sie nicht wussten, ob und wie es mit ihrem Unternehmen weitergeht", erzählt sie beim Termin in der Nagolder Agentur. "So etwas brauchen wir, so etwas brauche ich in dieser Form nie wieder", gibt Lehmann zu.

Ihren Arbeitsamtsbezirk, der die Kreise Calw, Freudenstadt, Enz und Pforzheim umfasst, habe die Corona-Krise überdurchschnittlich getroffen. "Es gab im Nordschwarzwald wirklich sehr große Einschläge auf dem Arbeitsmarkt", erinnert sich Lehmann. "Der Ansturm auf das Kurzarbeitergeld war enorm." 60 Prozent der Betriebe hätten für 60 Prozent der Mitarbeiter Kurzarbeit angezeigt. Am intensivsten von Kurzarbeit betroffen waren nach ihren Angaben Kleinbetriebe. Die machten 80 Prozent der von Kurzarbeit betroffenen Unternehmen aus. Der am stärksten in Mitleidenschaft gezogene Sektor sei dabei der Einzelhandel gewesen, dicht gefolgt von der Hotellerie und Gastronomie. Erst dann folgte das verarbeitende Gewerbe, das allerdings die meisten Beschäftigten in Kurzarbeit hatte oder hat.

Langzeitarbeitslose besonders betroffen

Den Höhepunkt bei der tatsächlich realisierten Kurzarbeit habe die Region im Mai 2020 erlebt. Zu diesem Zeitpunkt seien 25 Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Menschen im Nordschwarzwald in Kurzarbeit gewesen, so Lehmann. Die große Herausforderung für die Agentur habe dabei immer darin bestanden, sehr schnell zu handeln, damit das Geld auch in den Betrieben ankommt.

Die Summen, die da von der Agentur in Richtung der Unternehmen in der Region geflossen sind, sind enorm. Martina Lehmann nennt im Gespräch mit der Presse die Summe von 290 Millionen Euro. Und sie ist davon überzeugt, dass man nur so eine Massenarbeitslosigkeit im Nordschwarzwald habe verhindern können. Schon mit den Corona-Maßnahmen sei die Arbeitslosigkeit im Nordschwarzwald um etwa 3000 Menschen höher als vor der Krise: 12.075 Arbeitslose waren es im März 2020, jetzt sind es 14 972. "Ohne unsere Maßnahmen wäre die Arbeitslosigkeit aber um 15.000 Menschen in die Höhe geschossen", ist sich die Chefin der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim sicher.

"Die Betriebe haben wirklich alles getan, um ihre Mitarbeiter in der Krise zu halten", zeigt sich Lehmann begeistert. So hätte es etwa bei der stark betroffenen Gastronomie oder im Einzelhandel in den Kreisen Calw und Freudenstadt nur einen marginalen Rückgang der Beschäftigung gegeben.

Besonders betroffen von der Krise sei die Gruppe der Langzeitarbeitslosen im Alter von über 55 Jahren. Da lag die Zahl vor der Krise Ende 2019 auf einem Tiefststand von 2646. Da habe die Agentur echte Erfolge verbuchen können, die die Corona-Krise dann aber wieder zunichte gemacht habe. Jetzt liegt die Zahl der Langzeitarbeitslosen in diesem Altersbereich fast doppelt so hoch: bei aktuell 5070. Deshalb wird die Agentur unter anderem auf diese Gruppe in der Zukunft einen Fokus legen. "Da haben wir noch viel vor", kündigt Martina Lehmann an.

Schon in der Vergangenheit und in der Krise im Fokus: das Thema Weiterbildung. Und das aus dem einfachen Grund: "Damit die Leute in einer sich verändernden Arbeitswelt – Stichwort Digitalisierung und Automatisierung – nicht den Anschluss verlieren", argumentiert Lehmann. Allerdings sei man da auch auf diverse Probleme gestoßen, da in Corona-Zeiten auch die Bildungsträger mit Einschränkungen zu kämpfen hatten.

Bei der Agentur wird vieles digitaler

Überraschenderweise nur relativ wenig Auswirkungen habe die Krise auf den Ausbildungsmarkt gehabt. Nur ein Prozent der angefragten Betriebe wolle weniger ausbilden als bisher, ein Großteil wolle sein Angebot an Ausbildungsplätzen aufrecht erhalten, berichtet Lehmann. Derzeit sei die Zahl der angebotenen Ausbildungsstellen deutlich höher als die Zahl der Bewerber. Die in der Krise neu eingerichteten virtuellen Angebote auf diesem Sektor würden gut angenommen, so Lehmann.

Generell wird in Zukunft bei der Agentur viel mehr digital über die Bühne gehen. "In der Corona-Zeit haben wir viel dazu gelernt. Corona war da für uns ein echter Verstärken in Sachen Digitalisierung", so Annette Hanfstein, die operative Geschäftsführerin der Agentur. Ob das die Identifizierung, die Arbeitssuchend-Meldung, der Antrag auf Arbeitslosengeld oder die Terminvergabe ist, all das laufe online. Und auch beim Jobcenter soll deutlich mehr digital abgewickelt werden, kündigen die Geschäftsführer der Jobcenter Ortwin Arnold (Kreis Calw) und Peter Schuster (Kreis Freudenstadt) an.