Italiens Regierungschef Mario Draghi agiert in der Coronakrise kompromisslos. Foto: dpa/Andrew Medichini

Italiens Bevölkerung ist so impfbereit wie kaum ein anderes europäisches Land. Das liegt vor allem an Regierungschef Mario Draghi, der bei der Kampagne kompromisslos vorgeht: Ohne Green Pass geht ab Mitte Oktober fast nichts mehr.

Rom - Mario Draghi ist ein Mann weniger Worte. Aber wenn der italienische Regierungschef redet, dann verfehlt das in der Regel nicht seine Wirkung. Unvergessen ist sein Satz vom Sommer 2012 während der Eurokrise, als Spekulanten und Hedgefonds gegen die italienischen Staatsschulden und die spanischen Banken wetteten und das Überleben der Einheitswährung gefährdet schien.

 

Die Europäische Zentralbank (EZB), erklärte Draghi als deren damaliger Präsident, sei bereit „alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten“. Die bloße Erwähnung der beinahe unbeschränkten monetären Feuerkraft der EZB hatte ausgereicht, die Spekulationswelle einzudämmen sowie das europäische Bankensystem und den Euro zu stabilisieren. Das Ganze wurde als „Draghi-Effekt“ legendär.

Green Pass wird Pflicht im Job

Heute, als Ministerpräsident, sagt Draghi in der Coronakrise Sätze wie diesen: „Wer dazu aufruft, sich nicht impfen zu lassen, der ruft dazu auf, zu sterben – oder andere sterben zu lassen.“ Die deutlichen Worte sind an die Impfgegner im Allgemeinen und an Matteo Salvini im Besonderen gerichtet: Der Chef der rechtspopulistischen Lega Nord flirtet offen mit den „No Vax“, der italienischen Bewegung der Impfgegner.

Zudem hatte er sich zunächst dagegen ausgesprochen, dass man in Italien ab dem 15. Oktober nur noch zur Arbeit gehen kann, wenn man den sogenannten Green Pass vorweisen kann. Dieses Zertifikat erhält in Italien, wer mindestens einmal geimpft, genesen oder negativ getestet ist (3G-Regel).

Die Ankündigung, das Green-Pass-Gebot auf die Berufswelt auszuweiten, hat bewirkt, dass in der vergangenen Woche die Zahl der verabreichten Impfdosen wieder in die Höhe geschossen ist – ein neuer „Draghi-Effekt“. In Italien haben inzwischen 83,3 Prozent aller Menschen über zwölf Jahren mindestens eine Dosis erhalten. 77,6 Prozent sind durchgeimpft. Damit steht Italien deutlich besser da als die meisten europäischen Länder.

Durchimpfung von 90 Prozent

Bis Mitte Oktober will Draghi eine Durchimpfung von 90 Prozent der Bevölkerung erreichen. Das Ziel scheint nicht zu hoch gegriffen. Die Impfbereitschaft ist generell hoch: Schon im Sommer hatten 90 Prozent der Italienerinnen und Italiener angegeben, sich impfen lassen zu wollen.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Italien schreibt allen Beschäftigten Impfung oder Tests vo

Die hohe Quote ist aber auch ein Verdienst von General Francesco Paolo Figliuolo, den Draghi im März zum Covid-Sonderkommissar ernannt hat: Er zieht das Impfprogramm mit militärischer Disziplin und Logistik durch. Die Quote spiegelt zudem die psychologische Verfassung des Landes wider: Italien war im Frühling 2020 brutal von der ersten Coronawelle erfasst worden.

Die Bilder der überlasteten Intensivstationen und der Militärfahrzeuge, die nachts die Särge der Verstorbenen aus dem Spital von Bergamo abtransportierten, sind immer noch präsent.

Lohnzahlung wird eingestellt

Der wichtigste Grund für die hohe Impfquote ist aber zweifellos die Unbeirrbarkeit, mit der Draghi die Kampagne vorantreibt. Die Regeln am Arbeitsplatz sind strikter als in allen anderen EU-Ländern. Wer ab dem 15. Oktober ohne Zertifikat zur Arbeit erscheint, wird umgehend nach Hause geschickt.

Auch die Lohnzahlung wird eingestellt: im öffentlichen Dienst nach fünf Tagen, in Privatunternehmen sofort. Für das medizinische Personal gilt die Regel seit Monaten, für Lehrkräfte an Schulen und Universitäten seit 13. September.

Einen Green Pass vorweisen muss man inzwischen für fast alles: in Zügen, Flugzeugen, Fähren, für die Innengastronomie, für den Besuch von Museen, Kinos, Theatern, Messen und vielen anderen Veranstaltungen.

Fast schon Impfpflicht

Ein derart weit gefasstes Green-Pass-Gebot kommt fast einer Impfpflicht gleich, zumal die Coronatests in Italien kostenpflichtig sind und alle drei Tage wiederholt werden müssen. Draghi kümmert dies wenig: „Bestimmte Dinge müssen getan werden, auch wenn sie unpopulär sind.“ Seiner Meinung nach schränkt der Green Pass die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger nicht unverhältnismäßig ein, im Gegenteil: Ohne die Maßnahmen, so der Premier, werde man im Winter von der nächsten Welle erfasst – und mit einem Rückfall in den Lockdown bestraft.