Das Personal in den Kliniken ist am Limit. Landauf, landab zeigt der Blick in die Intensivstationen extrem beanspruchte Mitarbeiter, die nicht nur körperlich, sondern auch emotional Extremes erleben – auch in Villingen-Schwenningen.
Schwarzwald-Baar-Kreis - Ein Bericht der Tagesschau rüttelte viral viele wach – es ging unter anderem um ungeborenes Leben und junge Mütter, die sich während der Schwangerschaft aus Sorge um das Leben in sich, nicht impfen lassen wollten – nun sind es ihre Angehörigen, die sich sorgen und zwar um das Leben der jungen Mutter.
Lange Zeit hat man solche "Geschichten" nur aus Einrichtungen weither gehört. Einzelfälle. Alles schien weit weg. Doch jetzt passieren sie offenbar vor der Haustüre, genauer: Im Schwarzwald-Baar-Klinikum zwischen Villingen und Schwenningen.
Aktuelle Informationen zur Corona-Lage in unserem Newsblog
Nachdem vor zwei Wochen bereits sieben Patienten in andere Häuser von Waldkirch über Freiburg bis nach Singen verlegt werden mussten, war der Druck nicht geringer geworden: "Wir hatten vergangene Woche drei Verlegungen aus Kapazitätsgründen und am Montag eine", bestätigt Kliniksprecherin Sandra Adams auf Anfrage des Schwarzwälder Boten. Diese Verlegungen in andere Krankenhäuser machen deutlich: Nicht nur personell, auch platztechnisch stößt man dort also bereits an die Grenzen – und bisweilen auch menschlich.
Klinikum geht von höherem Risiko für Schwangere aus
Besonders herausfordernd für das Klinikpersonal: Schwangere die, das ungeborene Leben noch in sich, mit einer Corona-Infektion im Schwarzwald-Baar-Klinikum landen. "Das ist hier wirklich ein Thema", bedauert Kliniksprecherin Sandra Adams im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Alle würden bei ihrer Ankunft im Klinikum einem Schnelltest und einem PCR-Test auf das Coronavirus unterzogen. Auffallend viele Testergebnisse sind dann positiv. "Wir hatten mittlerweile schon mehrere Schwangere mit schweren Verläufen", in mindestens einem Fall überlebte das Kind im Mutterbauch nicht, schildert Adams, "das gibt es tatsächlich, und wir sehen die jetzt hier." Sie macht eine kurze Pause und fügt dann hinzu, was ihr in diesem Zusammenhang besonders wichtig erscheint: "Wir gehen übrigens davon aus, dass Schwangere ein deutlich höheres Risiko für schwere Verläufe haben." Und Sandra Adams spricht im Namen des Schwarzwald-Baar-Klinikums eine klare "Empfehlung" an Schwangere aus, "sich impfen zu lassen – und auch den Partner". Dass die Stiko die Empfehlung für Schwangere zur Impfung ab der 16. Schwangerschaftswoche erst im September ausgesprochen habe, schlage sich jetzt in diesem Phänomen nieder. "Auch junge Frauen, unter 30", seien davon tangiert.
Doch die emotional nur schwer verkraftbaren Momente in dieser Corona-Pandemie erlebt das Personal des Schwarzwald-Baar-Klinikums nicht nur rund um den Kreißsaal, wo im Übrigen alle Geburten unter strengen Coronamaßnahmen und mit Hebammen mit FFP2-Masken ablaufen – nur die Schwangere selbst darf darauf verzichten. Nein, schwer verdauliche Fälle gibt es auch in anderen Abteilungen, ganz besonders häufig naturgemäß auf der Intensivstation.
Morgens zu Fuß rein und abends intubiert
Was im Fernsehen oft zu sehen ist, ist auch hier Alltag geworden: Klinikpersonal, das gemeinsam mit Patienten kurz vor der Intubation nochmals per Telefon oder Smartphone versucht, Kontakt mit den Angehörigen zu Hause aufzunehmen. Tränenreiche Gespräche mit so viel Nähe und doch mit corona-bedingt großer Distanz – das Risiko, dass etwas schief geht, ist beträchtlich. "Wir versuchen es ohne Intubation hinzubekommen", betont Adams aus diesem Grund, das Risiko für Lungenentzündungen oder andere Entzündungen sei einfach höher, wenn Patienten intubiert werden müssten. Doch manchmal sei die invasive Beatmung mit künstlichem Koma unumgänglich. Und leider gehe das oft schnell. "Manche kommen morgens zu Fuß rein und abends ist es soweit", sagt Adams trocken. Es müsse oft schnell gehen, "ein ganz schwerer Verlauf entwickelt sich oft innerhalb weniger Stunden", erklärt Sandra Adams. Manchmal sei dann die Zeit selbst für einen kurzen telefonischen Abschied vom Ehepartner oder den Kindern ins Ungewisse noch zu knapp. "Unsere Mitarbeiter versuchen das natürlich hinzukriegen, manchmal geht es aber einfach nicht."
Verhältnis von Geimpften zu Ungeimpften: 30:70
Um Augen zu öffnen und die Lage deutlich zu machen, hat Sandra Adams für unsere Redaktion die aktuellen Zahlen der Corona-Intensivpatienten am Schwarzwald-Baar-Klinikum an diesem Donnerstag ausgewertet: Von den aktuell 18 Patienten seien 70 nicht geimpft, 30 geimpft. Wie viel Zeit bei den 30 Prozent Geimpften seit der zweiten Impfung schon verstrichen ist, konnte Sandra Adams nicht mitteilen – "wir erfassen das nicht". Und ja, es habe auch hier schon einzelne Impfdurchbrüche nach Booster-Impfungen gegeben, diese Personen hätten alle unter schwerwiegenden Vorerkrankungen gelitten – weiterhin seien die Patienten mit den ganz schweren Verläufen auf der Intensivstation in der überwiegenden Mehrheit nicht geimpft. Noch deutlicher wird dieses Verhältnis, wenn man in die Gesamtbetrachtung einbezieht, dass mittlerweile der überwiegende Anteil der Bevölkerung geimpft ist, von den sehr vielen Geimpften also im Verhältnis viel weniger Infizierte auf den Intensivstationen landen, als von den zahlenmäßig weit unterlegenen nicht geimpften Kreisbewohnern.
Später oft tiefe Reue
Von den 18 Intensiv-Patienten mit Corona-Infektionen auf der Intensivstation des Schwarzwald-Baar-Klinikums seien drei über 70 Jahre alt, sieben zwischen 60 und 70, fünf zwischen 50 und 60, zwei zwischen 40 und 50 und einer 30 bis 40 Jahre alt.
Doch was ist eigentlich in der Zeit danach, wenn nicht geimpfte Patienten das Klinikum nach einem schweren Verlauf wieder verlassen dürfen? Sandra Adams hat sich für uns umgehört und betont: "Die meisten bereuen es und sagen, ›hätte ich mich doch impfen lassen‹."