Der "Impftourismus" ist im Gange: Während im Rottweiler KIZ fast die Hälfte der Geimpften aus anderen Landkreisen stammt, weichen viele Rottweiler Kreisbewohner zwangsläufig auf andere Zentren, wie hier in Offenburg, aus. Foto: Otto

Bleibt der Kreis Rottweil in Sachen Inzidenz weiter auf einem guten Weg? Wenn ja, dann wären bei längerem Unterschreiten der 165er-, der 150er- oder sogar der 100er-Marke wieder Lockerungen möglich. Immerhin: Rund 26,5 Prozent der Bürger des Kreises sind inzwischen geimpft. Eine kleine "Impf-Delle" zeichnet sich für nächste Woche ab.

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Kreis Rottweil - Es ist – wie schon so oft – ein Phänomen: Rund um den Kreis Rottweil ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen hoch, bei uns sank die Inzidenz derweil auf zuletzt 146. Vor Monaten ragte der Kreis Rottweil dagegen unrühmlich aus den anderen heraus. Flächendeckende Ruhe an der Corona-Front ist also beileibe noch nicht eingekehrt, weshalb die Freude bei der Telefonkonferenz mit Vertretern des Landratsamt entsprechend am Donnerstag verhalten bleibt. "Wir wissen, dass es wieder hochgehen kann, sobald es einen Hotspot gibt", so Landrat Wolf-Rüdiger Michel, der deshalb weiter zur Vorsicht mahnt. "Es ist wie bei einem Langstreckenrennen Wenn man vorne liegt darf man trotzdem nicht nachlassen." Momentan sei die Entwicklung erfreulich. Dies mache deutlich, dass die Notbremse Wirkung zeigt, so Michel. Allein im April habe man im Kreis knapp über 1200 Neuinfektionen verzeichnet. Im Mai sind es – Stand Donnerstagmorgen – bislang 88 Infektionen.

Komplexe Rechnerei

Im Fokus des Interesses steht weiter der Fortschritt beim Impfen: Wie viele Bürger aus dem Kreis geimpft sind, ist im allgemeinen Zahlenwirrwarr gar nicht so einfach zu ermitteln. Denn die Zahlen aus dem Rottweiler Kreisimpfzentrum (KIZ) sagen angesichts des hohen Anteils von Menschen aus anderen Regionen nichts über die Impfquote der Landkreisbewohner aus.

Das Sozialministerium wiederum hat zwar die Impfungen nach Postleitzahlen ausgewertet und für den Kreis Rottweil zuletzt eine Impfquote von 21,1 Prozent angegeben – da fehlen allerdings die Impfungen, die von Hausärzten verabreicht wurden. Thomas Seeger, Leiter des Ordnungsamts der Kreisbehörde, rechnet deshalb während der Konferenz flugs zusammen und kommt auf eine Gesamtquote von 26,5 Prozent bei den Erstimpfungen und 6,7 Prozent bei den Zweiimpfungen. Ein gute Zwischenbilanz, betont Michel, wenn man den Kreis Rottweil mit anderen ländlichen Kreisen vergleiche. Klar sei auch, dass es dort, wo ein zentrales Impfzentrum in der Nähe liegt – wie beispielsweise in der Ortenau oder im Raum Freiburg – die Quoten höher seien. Dort sei schlichtweg mehr Impfstoff vorhanden.

Astrazeneca akzeptiert

Zum Ende der Woche verzeichnet das KIZ insgesamt 45 000 verabreichte Impfungen, davon 9500 Zweitimpfungen. Wie bereits berichtet, kommen rund 45 Prozent der Impflinge aus anderen Landkreisen. Kreisbrandmeister und KIZ-Koordinator Nicos Laetsch betont, dass definitiv kein Impfstoff liegen bleibe. Auch nicht Astrazeneca, wie man das teilweise aus anderen Orten höre. "Dieses Vakzin werde im KIZ Rottweil von den Bürgern keineswegs verschmäht. Die Erstimpfungen dafür seien ausgebucht und es gebe auch keine Stornierungen.

Zahl der Dosen sinkt

Bezüglich der Kreuzimpfungen für unter 60-Jährige habe man nach einer Erstimpfung mit Astrazeneca nun rund 1000 Zweitimpfungen mit Biontech vorgenommen. Ein geringer Teil der Geimpften wolle auch beim zweiten Mal lieber den Astrazeneca Impfstoff. Man gehe davon aus, dass die Kreuzimpfungen, die es auch schon in der Vergangenheit gegeben habe, "gut funktioniere", so Martine Hielscher, Ärztin im Gesundheitsamt. Derzeit seien Studien jedoch erst angelaufen.

Weil weniger Impfstoff vorhanden sein wird, zeichnet sich laut Laetsch für kommenden Woche auch im KIZ Rottweil eine Impf-Delle ab: Während diese Woche 4250 Impfdosen gespritzt werden können, sind es nächste Woche nur rund 3500.

Von den aktuell 356 erfassten Bürgern mit aktiven Corona-Infektionen sind laut Gesundheitsamtsleiter Heinz-Joachim Adam 90 Prozent nicht geimpft. Zehn Prozent seien teilgeimpft, der Verlauf der Corona-Infektion sei jeweils sehr milde.

Immer mehr Jüngere

Für Landrat Michel zeige dies den hohen Wert einer Impfung – auch wenn sie nicht 100prozentigen Schutz vor einer Ansteckung biete, so schütze sie doch zum Großteil und gegen schwere Verläufe. Auffällig ist laut Adam, dass der Anteil der jüngeren Infizierten weiter zunimmt. 60 Fälle sind aktuell den bis 19-Jährigen zuzuordnen, 100 der Gruppe der 20- bis 39-Jährigen. Die Älteren seien weitgehend durchgeimpft, dies zeige sich auch in der stabilen Lage in den Heimen und anderen Einrichtungen. Die Zahl der Intensivbetten im Kreis sei aktuell ausreichend.

Die Neuinfektionen sind weiter diffus, zwei Ausbrüche in Firmen habe man recht rasch eindämmen können, in einer systemrelevanten Firma sei eine Pendlerquarantäne genehmigt worden.

Brasilianische Variante

In 80 Prozent aller Infektionen sei die britische Mutante nachgewiesen worden, es gibt sechs Fälle der südafrikanischen und drei der brasilianischen Virusmutante im Kreis. Bei letzterer habe der Ursprung nicht ermittelt werden können. Ein Krankenhausaufenthalt sei jeweils nicht nötig gewesen.

Zurück zur Sieben-Tage-Inzidenz. Thomas Seeger umreißt, was möglich wäre, wenn sich der Abwärtstrend im Kreis fortsetzt: Bei fünf Werktagen mit einer Inzidenz unter 165 können die Schulen wieder in den Wechsel-Präsenzunterricht und Kindergärten in den Normalbetrieb übergehen. Bei fünf Tagen unter 150 wäre im Handel wieder "Click & Meet" möglich und bei unter 100 könnte die Ausgangssperre fallen.

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