Monika Wehrstein wünscht sich in diesen Zeiten mehr Würde im Umgang mit sterbenden Menschen. Foto: Fritsch

Vorsitzende der Hospizgruppe spricht über Isolation vieler Menschen und Egoismus der Gesellschaft.

Nagold - Die Politiker nennen sie systemrelevant. Dabei sind sie vor allem eines: unsere Helden in Corona-Zeiten, die durch ihre Arbeit das gesellschaftliche Leben aufrecht halten oder sich um alte, kranke und sterbende Menschen kümmern. Wie zum Beispiel Monika Wehrstein (67), seit 30 Jahren Vorsitzende der Hospizgruppe Nagold. Wir haben bei ihr nachgefragt.

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Wie sieht Ihr Alltag in Corona-Zeiten aus?

Mein Alltag in Corona-Zeiten hat sich sehr verändert. In Gremien wird nicht mehr durch persönliche Präsenz diskutiert und abgestimmt. Unsere Hospizgruppensitzungen, die dringend nötig wären, um sich auszutauschen, sind gestrichen. Wir kommunizieren übers Handy, es sollten ja alle informiert und erreicht werden. Das 30-jährige Jubiläum unserer Gruppe wollten wir mit einem Vortrag im Kubus unterstreichen. Supervisionen, gebuchte Fortbildungen und ein Theaterstück im Seniorenzentrum Martha Maria – dies alles wurde abgesagt. Werben wollten wir für neue Mitarbeiter, die wir dringend brauchen.

Was ist seit Beginn der Pandemie anders geworden?

Viele, viele verzweifelte Anrufe von Betroffenen, die ihre sterbenden Angehörigen nicht besuchen dürfen – sie noch einmal sehen, sich vielleicht versöhnen und von ihnen verabschieden wollten. Diese Not, die mir entgegenschreit, dass ich mich frage: Wo bleibt die Würde des Menschen? Darüber könnte ich einen eigenen Artikel schreiben. Die Abschottung und Isolation von alten, gebrechlichen und kranken Menschen ist selbstverständlich geworden. Familienbesuche der Angehörigen würde diesen Menschen Kraft und Energie geben und sie würden sich nicht so verlassen fühlen. Partner werden auseinandergerissen. Menschliche Wärme fehlt, diese Einsamkeit führt zum Sterben und nicht unbedingt durch Corona. Ich werde nicht ins Pflegeheim oder Krankenhaus gerufen, hatte die Hoffnung, dass es nach der Erfahrung im Frühjahr besser wird – im Gegenteil: Es ist schlimmer geworden. Ich begleite öfter Menschen auf ihrem letzten Weg zu Hause, da bleibt Corona außen vor und ich habe viele Möglichkeiten, auf individuelle Wünsche einzugehen.

Bekommen Sie von anderen Menschen Lob für Ihren Einsatz?

Ich erwarte kein Lob. Mein Einsatz ist für mich selbstverständlich, für mich zählt der Mensch. Auch ohne Lob werde ich versuchen, für diese Menschen etwas zu erreichen. Ein Lob ist für mich, die Dankbarkeit, die sich in den Augen der kranken und sterbenden Menschen spiegelt. Gespräche mit Angehörigen führen, die total verzweifelt sind – und dankbar für mein Zuhören und für sie da zu sein.

Was gibt Ihnen besonders Kraft in diesen Zeiten?

Um neue Kraft zu schöpfen, unternehme ich mit meinem Mann und meinem Hund lange Spaziergänge. Sechs Enkel halten mich auf Trab mit Brett- und Kartenspielen. Kraft gibt mir auch der Austausch mit meinen Töchtern, die im Gesundheitswesen tätig sind und mich verstehen, auch mir zuhören.

Und was stört sie am meisten?

Der Egoismus nimmt in dieser Pandemie immer mehr zu. Da gibt es bei vielen Bürgern kein Wir-Gefühl, sondern immer mehr ein ›Ich‹. Beim Einkaufen ist es besonders schlimm. Beerdigungen müssen im kleinen Kreis abgehalten werden, oft können nicht einmal alle Kinder und Geschwister dabei sein. Wie sollen denn diese Menschen ihre Trauer bewältigen? Bei Beerdigungen werden wir dem Verstorbenen und seiner Biografie noch einmal näher gebracht.

Können Sie diesen Zeiten auch etwas Positives abgewinnen?

Natürlich erlebe ich auch in dieser schweren Zeit viel Positives, durch die mir bewusst wird, wie gut es mir geht. Es ist nichts selbstverständlich. Ich genieße, was ich habe und bin zufrieden.

Gehen Sie mit der Politik im Umgang mit dieser Pandemie einig oder hätten sie etwas anders gemacht?

Die Politik hat es nicht leicht und ich bin in vielem einig. Ich sehe diese Flut von Aufgaben und Arbeit allein im Landratsamt, was diese Pandemie bringt. Von den Kosten ganz zu schweigen. Der Bundestag hätte nach dem ersten Lockdown viel aktiver werden müssen, denn es war klar, dass Corona uns so schnell nicht verlässt. Überfüllte Schulbusse, Schließung von Kindergärten und Schulen, kein Schulsport, dieses führt bei Kindern zu Depressionen und Zukunftsängsten. Der soziale Kontakt ist für Kinder absolut wichtig. Der Einsamkeit wurde nichts entgegengestellt. Die Würde wurde wieder einmal vergessen.

Werden sie sich impfen lassen?

Das werde ich oft gefragt. Momentan lehne ich eine Impfung ab. Ich denke, es wird ein Muss kommen, sonst werden öffentliche Veranstaltungen einem nicht zugänglich. So sind wir schon bei der Pflicht. Ich warte ab, was die Zeit bringt.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten...

Ich wünsche mir Normalität, ein gutes Miteinander. Dass die Wirtschaft wieder in Gang kommt und alle Menschen ein gutes Auskommen haben.

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