Auch auswärts ein gefragter Dirigent: der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister Foto: Matthias Baus

Was haben die Orchestermusiker in Bayreuth bei dieser Hitze an? Wie ist es, kurzfristig als Dirigent des „Ring des Nibelungen“ einzuspringen? Und stimmt es, dass die Musiker bei den Wagner-Festspielen die Sänger gar nicht hören können? Stuttgarts Generalmusikdirektor Cornelius Meister gibt Antworten.

Auf Twitter postet Cornelius Meister schon seit Wochen Fotos aus dem Bayreuther Festspielhaus. Wie wird dort gearbeitet? Fragen an den Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart, der 2022 erstmals auf dem Grünen Hügel dirigiert – und unter dem sagenumwobenen verdeckten Orchestergraben ins Schwitzen kommt.

 

Herr Meister, Sie haben in Bayreuth „Tristan und Isolde“ mit dem Festspielorchester erarbeitet – jetzt übernimmt Markus Poschner für Sie die Eröffnungspremiere, weil Sie beim neuen „Ring des Nibelungen“ einspringen. Wie schafft man so etwas?

In diesem Jahr werden auf dem Grünen Hügel acht Werke aufgeführt, darunter sind einschließlich der vier „Ring“-Abende fünf Neuproduktionen. Aus diesem Grund sind die Probenzeiten sehr genau disponiert, und da die Endproben vergleichsweise weit auseinandergezogen sind, konnte Pietari Inkinen, dessen Situation mich sehr bewegt, sie nicht leiten. Deshalb musste schon jetzt eine Entscheidung fallen. Und ich dirigiere Wagners Werke seit 20 Jahren kontinuierlich.

Der „Tristan“ hätte ohnehin nur zweimal auf dem Programm gestanden . . .

Vorerst. Für den Fall, dass es im Chor Coronafälle gibt, sind anstelle der Choropern „Der fliegende Holländer“ und „Tannhäuser“ zusätzliche Aufführungen von „Tristan und Isolde“ vorgesehen, da in dieser Produktion der Chor nicht szenisch agiert. Das könnte dazu führen, dass es von „Tristan“ bis zu zehn Aufführungen gibt.

Würden dann im Festspielorchester auch Musiker sitzen, die das Stück nicht geprobt haben?

Für diesen Fall gibt es in den nächsten Tagen Zusatzproben für diejenigen, die normalerweise nicht „Tristan“ spielen. Wir haben so viele Orchestermitglieder, dass zwei komplette Orchester gebildet werden. Es kann also sein, dass Musikerinnen und Musiker den „Tristan“ aufführen werden, die eigentlich im „Tannhäuser“-Orchester spielen. Aber alle kennen ihren Wagner bestens.

Wie arbeitet man als Dirigent im Bayreuther Festspielhaus?

Man sitzt, jedenfalls meistens. Und bei den Proben telefoniert man ständig mit den Assistenten im Zuschauerraum.

Während des Dirigierens?

Ja. Das geht. Die Fähigkeit zum Multitasking ist eine Voraussetzung für meinen Beruf. Und es ist wichtig zu wissen, wie Details aus dem Orchester im Saal ankommen. Da geht es um die Dynamik, um die Balance zwischen Bühne und Orchester, auch etwa um Rhythmen, die in Bayreuth sehr klar und markiert gespielt werden müssen, weil der Klang dort diese besondere Weichheit hat. Und es geht um Fragen des Timings. Wenn wir im Orchestergraben den Eindruck haben, dass wir gerade sehr schön mit der Bühne zusammen sind, dann sind wir tatsächlich zu spät – weil der Orchesterklang ja auf die Bühne geworfen wird und dann idealerweise in der Mischung mit dem Sängerklang von der Bühnenrückwand aus in den Zuschauerraum kommt.

Die Sänger auf der Bühne hören das Orchester gut – aber hört das Orchester im Graben auch die Sänger?

Ich kann sie hören, aber die meisten anderen im Graben hören fast nichts. Vor vielen Jahren habe ich mal im dritten „Siegfried“-Akt unten bei den Posaunen gesessen. Dabei habe ich exakt zwei Dinge von der Bühne mitbekommen: ein leises „Pling“ in dem Moment, wenn Siegfried mit seinem Schwert den Speer vom Wanderer zerhackt – und dann noch ein dünnes Stimmlein vom Heldentenor: „Das ist kein Mann!“

Stehen wichtige Hinweise für Dirigenten in den Partituren?

Nein. In Bayreuth setzt man auf mündliche Überlieferung. Als ich beim „Parsifal“ von Pierre Boulez und Christoph Schlingensief 2004 Assistent im Festspielhaus war, hatten die Assistenten vor mir von Horst Stein gelernt, und die von Horst Stein hatten es womöglich von Hans Knappertsbusch.

Den „Tristan“ vor Ihnen hat Christian Thielemann geleitet. Haben Sie während Ihrer Proben mit ihm gesprochen?

Natürlich. Die Dirigentengarderoben sind nebeneinander. Man bespricht viele Details. Auch zum Beispiel, dass Pausen hier in besonderer Weise gefüllt sein müssen, weil der Klang „wegfliegt“. Man muss die Spannung halten, einen Bogen schaffen – was umso wichtiger ist, als die Zuschauer das Orchester ja nicht sehen können.

Im Bayreuther Graben ist es sehr heiß. Wie halten Sie das aus?

Es ist jedem freigestellt, was er oder sie anzieht, man kommt in hochsommerlicher Freizeitkleidung und braucht eigentlich für jeden Akt ein neues T-Shirt.

Aber zum Schlussapplaus müssen Sie als Dirigent sich doch umziehen?

Ja, man muss sehr schnell aus dem Graben raus, eine Treppe hoch, dort ist das Arztzimmer, wo man sich rasch etwas über das T-Shirt drüberziehen kann. Manchmal kommt es vor, dass dort ein Zuschauer liegt, der gerade wegen der Hitze kollabiert ist. Das darf einen dann nicht stören.

Zurück nach Stuttgart. Ihr Vertrag an der Staatsoper läuft bis 2024. Haben Sie schon verlängert?

Nein, noch nicht. Wir sind aber in sehr guten Gesprächen. Mein erstes Anliegen ist es, eine Gewissheit darüber zu haben, was Stadt und Land mit dem Haus und dem Orchester in den nächsten Jahren vorhaben.

In Sachen Sanierung?

Ja, auch. Es geht aber auch um die Ausstattung. Wenn man ein paar Jahre an einem Ort ist, sieht man die Dinge, die dringend zu tun sind, und die beste Chance, sie auf den Weg zu bringen, sind solche Gespräche.

Wagner-Festspiele in Bayreuth 2022

Premieren
Zum Auftakt des diesjährigen Festivals inszeniert Roland Schwab am 25. Juli „Tristan und Isolde“. Markus Poschner dirigiert. Außerdem gibt es einen neuen „Ring des Nibelungen“ in der Regie von Valentin Schwarz. Anstelle des erkrankten Pietari Inkinen übernimmt Cornelius Meister die musikalische Leitung.

Repertoire
Wiederaufgenommen werden bis 1. 9. „Lohengrin“ (Yuval Sharon/Christian Thielemann), „Der fliegende Holländer“ (Dmitri Tcherniakov/Oksana Lyniv) und „Tannhäuser“ (Tobias Kratzer/Axel Kober). Außerdem gibt es ein Festspiel-Open-Air, das Schauspielprojekt „Nach Tristan“ mit Motiven von Wagner, Strindberg und Heiner Müller und zum Abschluss ein Wagner-Konzert mit Andris Nelsons, Catherine Foster und Klaus Florian Vogt.

Karten Der reguläre Vorverkauf für 2022 ist geschlossen. Es gibt aber die Möglichkeit, sich in eine Online-Warteschlange für zurückgegebene Tickets einzureihen. Dafür ist eine Registrierung notwendig unter www.bayreuther-festspiele.de. ben