Die Spanierin Núria Tamarit erzählt in ihrer schönen Graphic Novel „Toubab“ von einer 17-Jährigen Europäerin in Afrika. Bald stellt Tamarit ihr Werk auch in Stuttgart vor.
Wenn man jung ist, will man Abenteuer erleben. Sich dem Unbekannten aussetzen, neue Erfahrungen machen. Gut möglich, dass das alles noch stimmt, dass wir nicht so weit weg sind von Figuren alter Bücher, die ihr Zuhause tief im Landesinneren verließen, an die Küste marschierten und auf einem Schiff anheuerten, um Länder jenseits des Meeres kennenzulernen. Aber ein bisschen was ist anders geworden. Die Fremde sollte möglichst einen flotten Breitbandzugang in die sozialen Netzwerke bieten.
Ein Leben ohne Netflix?
Auf diesen Gedanken kommt man von selbst beim Blättern durch Instagram. Aber er wird noch mal schön untermauert von Núria Tamarits absolut empfehlenswerter Graphic Novel „Toubab – Zwei Münzen“. Die erzählt von der siebzehnjährigen Mar, die mit ihrer Mutter aus Europa in den Senegal kommt, um einen kleinen Hilfseinsatz zu leisten. Die Mutter zeigt sich ziemlich enthusiastisch. „So was Besonderes haben wir noch nie zusammen gemacht, oder?“, fragt sie Mar im Bus unterwegs ins Land der Gastfreundschaft, wie vor Ort jemand sagen wird. Mar gibt nur kleinlaut „Kann sein“ zurück.
Bald sehen wir sie denn auch zwischen farbenprächtig gekleideten Menschen, die ihren Alltag gelassen und fröhlich angehen, mit stierem Blick auf den Smartphone-Bildschirm umherstaken: Es gibt hier keinen Empfang. Mar ist keinesfalls ganz blind für Land und Leute, sie redet, sie hört zu, ist angeschickert davon, dass für das Volk der Wolof Tanzen zu den großen Freuden des Lebens gehört, die man sich gar nicht oft genug gönnen kann. Aber Mar ist auch angefressen, hier, „ohne Internet, ohne Netflix und ohne Freunde“, wie sie mault. Irgendwo da draußen rattern die Herzchenzählwerke von Instagram ohne sie.
Bitte keine Beglückung
Ihre neuen Freundinnen und Freunde machen sich darüber lustig, sie ziehen die Toubab, wie sie Weiße nennen, ein wenig auf. Aber „Toubab“ wird eben nicht die Klischeegeschichte von den wohlstandsverwirrten Kindern der ersten Welt, die im ärmeren Regionen die wahren Geheimnisse des Lebensglücks, die Weisheit und die Seligkeit finden. Die 29-jährige spanische Comiczeichnerin Núria Tamarit legt zwar kein autobiografisches Werk vor, aber sie war im Jahr 2017 im Rahmen eines Hilfseinsatzes im Senegal, sie verarbeitet eigene Erfahrungen und Beobachtungen.
So bekommen wir einen anregend differenzierten Blick auf eine andere Gesellschaft. Einerseits warten die Wolof nicht auf Belehrung, Beglückung und Strukturen aus Europa. Sie sind durchaus überzeugt, manches besser zu machen als die Toubab. Andererseits widersprechen sie Mar immer dann, wenn die ein Idyll erkennen will: Nicht alles hier ist zwanglose Entspanntheit. Es gibt Einengungen und Nöte, und Tamarit erweist sich als sehr raffinierte Erzählerin. Sie buchstabiert nicht alles aus, sie deutet an, sie macht uns klar, dass mancher Satz nur der Zipfel von etwas Großem ist. Das Große? Auch im Land der Gastfreundschaft liegt etwas so im Argen, dass Menschen ihr Leben riskieren, um es in kleinen Booten nach Europa zu schaffen.
Achtung, Fehleinschätzung!
Comics sind zwar ein optisches Medium, aber auf den ersten Blick schwer zu fassen. Blättert man „Toubab“ im Buchladen an, scheint dies ein eher betuliches, auf harmlos nette Farben ausgerichtetes Buch, mit biederen, fast strengen Perspektiven, die manchmal zu Panelfolgen von sprechenden Köpfen zu erstarren scheinen. Spoiler: Das ist eine komplette Fehleinschätzung. Im Lesefluss erweist sich die Bildgestaltung als sehr einsaugend, die Hektikferne vieler Momente überträgt sich gut auf die Lesenden, und kleine Momente der Bewegung entfalten so erstaunliche Dynamik.
Tamarit hat bislang viel mit Comic-Autoren zusammengearbeitet und auch Kinderbücher illustriert, aber als alleinige Erzählerin zeigt sie nun ein tolles Gespür fürs Unaufdringliche und die Kunst des Weglassens. Auf angenehme Weise lässt „Toubab“ eben auch Fragen offen. Wer die stellen möchte, hat am Dienstag, 15. März, Gelegenheit dazu – Núria Tamarit kommt dann um 19.30 in die Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Der Autor dieser Zeilen freut sich darauf, den Abend zu moderieren.
Núria Tamarit: Toubab – Zwei Münzen. Reprodukt-Verlag. 122 Seiten. 20 Euro.