Der tote Ritter Darin kommt in „Requiem“ an viele seltsame Orte – deren Menschen längst verschwunden sind. Foto: Zwerchfell/Albert Mitringer

Wer seine Fantasy eher skurril mag, kommt hier voll auf seine Kosten: in Albert Mitringers Comic „Requiem“ vom Stuttgarter Zwerchfell Verlag.

Stuttgart - Man will ja nicht irgendwo rumliegen, wenn man tot ist, und aussehen wie der letzte Hanswurst. Zu Beginn von Albert Mitringers sehr filmischem Comic „Requiem“ zeigen die Bilder eine mittelalterliche Wehranlage. Hier, einer Stadtmauer ein wenig vorgelagert, hat eine heftige Schlacht stattgefunden. Die Mauern sind mit Waffen, Rüstungen und Leichen übersät. Die Szene hat etwas idyllisch Apokalyptisches, irgendetwas ist hier endgültig schief gelaufen. Die Gefallenen sind alle schon skelettiert, niemand hat sie mehr beerdigt, niemand hat aufgeräumt. Da ahnt man schon, was man später noch sehen wird: Auch die Stadt dahinter kann kein Leben mehr bergen.

 

Die Toten drängen sich dicht an dicht, Individuen sind da kaum noch auszumachen. Aber ein Stück abseits liegt, von Pfeilen gespickt, einer alleine hingestreckt. Als habe er sich weiter vorgekämpft als andere, als sei er tapferer vorangestürmt. Das denkt sich zumindest der tote Ritter Darin, der sich in seinem jetzigen Zustand zwar vorerst nicht einmal an seinen Namen erinnern kann, aber sehr zufrieden mit seinem herausgehobenen Leichenliegeplatz ist. Bis er geweckt wird jedenfalls. Der Gedanke, er könnte auch wie ein Feigling aussehen, der am weitesten geflohen war, bevor ihn ein Pfeilhagel niederstreckte, kommt er interessanterweise nicht.

Stress mit einem Ziegendämon

Ja, es geht ziemlich fantasymäßig zu in „Requiem“. Eine Krähe kommt vorbei, nimmt auf Darins Leiche Platz, und als sie auffliegt und eine Feder zurücklässt, erhebt sich das Skelett. Damit das Ganze noch ein bisschen wunderlicher wird, steht auch gleich noch ein Dämon auf der Mauer, eine Mischung aus Ziege und Wrestling-Star, groß wie King Kong. Der Ziegendämon und Darin kommen sehr schnell gar nicht klar miteinander, es kracht und rappelt, aber noch nicht final. Darin zieht los, hinter der Krähe her, die ihn, so meint er zu spüren, ins Land seiner Kindheit zurückführen wird. Der King-Kong-Bock macht sich an die Verfolgung, er will ein Duell auf Leben und Tod. Was ein bisschen seltsam ist, weil Darin ja längst nicht mehr lebt.

Wir haben also ein hehres Ziel einer Heldenreise, einen mühsamen Weg dorthin voll seltsamer Begegnungen und eine mächtige Gegenkraft zum Helden. Aber wir haben auch das etwas andere Weltbild des Österreichers Albert Mitringer, dessen Debüt „Lila“ noch beim heimischen Luftschacht-Verlag erschienen war, der mit „Requiem“ aber beim Stuttgarter Zwerchfell-Verlag gelandet ist. Wer das Zwerchfell-Programm kennt, der weiß: Hier legt man mehr Wert auf die spezifischen Qualitäten eines Titels als auf das, was die Marktforschung über Absatzchancen zu unken wüsste. Dem über weite Strecken in morbid schöne Schwarzweiß-Bilder gefassten „Requiem“ fehlen zum Fantasy-Hit nicht nur die Farben, sondern auch die Erlösungshoffnung.

Paradies für Misanthropen

Hier geht es nämlich nicht mehr um die Rettung der Welt und um die Vernichtung des Bösen. Je länger Darin unterwegs ist, desto klarer wird: die ganze Welt ist eine Ruine, ein postapokalyptisches Gräberfeld, in dem nur hie und da noch ein paar vereinzelte Gestalten umher huschen. Die wenigen farbigen Seiten, die Darins bröckchenweise zurückkehrenden Kindheitserinnerungen zeigen, formen keine Vision einer Zukunft wieder aufgeblühter menschlicher Vitalität. Die Farben machen klar, wie groß der Abstand ist, und dass kein Weg von hier nach dort führt.

Mit feinem Strich und düsteren Schraffuren, mit menschenleeren Szenarien und kontrastierend dazu extrem dynamischen Actionfolgen, in denen man ab und an ein kleines Zwischenbild länger studieren muss, um es entschlüsseln zu können, entwirft Mitringer eine sentimentale Misanthropenvariante des Paradieses. Er zeigt die Schönheit einer verfallenen, stillen, menschenleeren Welt, in der trotzdem immer wieder toll was los ist.

Ein gutes Zeichen

Einige der Einflüsse von Mitringer sind klar erkennbar, die Comicwerke von Sfar, das japanische Samurai-Kino etwa. Andere könnten ganz im Auge des Betrachters liegen. Ist da eine Spur von Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ zu finden, von Terry Gilliams Mittelalter, von Terry Pratchetts Umgang mit den Themen der High Fantasy? Das ist letztlich egal, denn in keinem Moment wirkt „Requiem“ zusammengestückelt. Zwar ist die Geschichte vielleicht noch nicht ganz rund und ausgewogen, aber die Bilder sind immer ganz stimmig. Man schaut sich diese gänzlich absurde, ironisch gebrochene Welt an und glaubt sie Panel um Panel.

Dass sich Mitringer beispielsweise mit dem Verweis auf eine angebliche Vorlage – „frei nach dem Original von Humberto Alfonso“, ein Gag, den er am Geschichtenende noch mal fein weiterdreht – auf eine lange literarische Tradition der dreisten Beglaubigung von Ersponnenem bezieht, kann man merken oder nicht. Im einen Fall hat man zu lächeln, im anderen Fall stört es nicht, und das ist immer ein gutes Zeichen. Dieser Comic lebt ganz aus sich heraus. Für eine Story mit einem toten Helden in einer toten Welt ist das als Leistung kaum zu toppen.

Albert Mitringer: „Requiem“. Zwerchfell Verlag, Stuttgart. 190 Seiten, 25 Euro.