Die Comic-Anthologie „Nächstes Jahr in“ bietet elf spannende Einblicke in jüdisches Leben in Deutschland vom 15. bis zum 21. Jahrhundert. Zwei der Macherinnen kommen nach Stuttgart.
Stuttgart - Woran denken Nichtjuden, wenn es um jüdisches Leben in Deutschland geht? Bei jenen, die mit selbst gebastelten Judensternen an der Brust und der lärmenden Behauptung, sie seien die schweigende Mehrheit, bei Impfgegnerdemos die Abdeckungslücken simpelster Geschichtsbildung vor Augen führen, mag man sich das kaum ausmalen. Die tatsächliche Mehrheitsgesellschaft kann jedenfalls gar nicht anders, als an Auschwitz zu denken.
Das ist besser als völlige Geschichtsvergessenheit, birgt aber viele Probleme. Eine lange Geschichte des Zusammenlebens, des kulturellen Austauschs, des Antisemitismus und der Bedrängnis, der Leistungen und der Kümmernisse schnurrt zusammen auf die Shoah. Und so wird nicht nur eine vielfältige Kultur ganz im Sinne der Mörder doch noch aus dem Gedächtnis gelöscht, auch der völlig enthemmte Judenhass der Nazis steht als blickdichte Wand vor der langen Geschichte eines vielfältigen Antisemitismus. Dessen Wirkmacht in gebildeten wie ungebildeten Kreisen wird übersehen, weil man den Vorbehalten gegen jüdische Mitbürger bis hin zum Hass eine Hakenkreuzarmbinde oder SS-Rune als Erkennungszeichen fest zuschreibt.
Die Anthologie weitet Horizonte
Im vergangenen Jahr wurden quer durch die Republik 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert, und eine Vielzahl von Aktionen, Gedenkstunden, Initiativen, TV-Sendungen, Artikeln und Büchern hat versucht, Vorstellungen zurechtzurücken und Horizonte zu weiten. Nicht alles davon soll so verhallen wie ein paar Grußworte und Festreden. Zu den Werken, deren Wirkungsgeschichte hoffentlich jetzt erst beginnt, gehört die im Oktober im Ventil-Verlag erschienene Comic-Anthologie „Nächstes Jahr in – Comics und Episoden des jüdischen Lebens“. 14 Zeichner und Autoren bieten in elf Bildergeschichten Bekanntes, vor allem aber Unbekanntes aus der jüdisch-deutschen Geschichte.
Zwei der beteiligten Zeichnerinnen, Büke Schwarz und Elke Renate Steiner, stellen die Comic-Anthologie am Mittwoch um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz vor. Steiner erzählt in ihrer Geschichte von Glikl bas Judah Leib, einer europaweit tätigen Hamburger Geschäftsfrau des 17. Jahrhunderts, die nach dem Tod ihres Mannes dessen Handel mit Gold und Diamanten übernahm und nebenher acht Kinder großzog. Ihre Memoiren sind nicht nur ein wichtiges Zeugnis für das jüdische Leben jener Zeit, sie stellen die erste in Deutschland von einer Frau verfasste Autobiografie dar.
Künstler im Exil
Büke Schwarz führt uns durch das Leben von Ludwig Meidner, einem der großartigen Maler des Expressionismus, dessen Bilder von den Nazis als entartete Kunst denunziert und zum Teil vernichtet wurden. Meidner flüchtete mit seiner Frau nach London, konnte dort aber nicht Fuß fassen und kehrte 1953 alleine nach Deutschland zurück. Seine Frau, die Künstlerin Else Meyer, wollte nicht zurück ins Land der Mörder ziehen.
Kunstinteressierte wissen noch um Meidner, auch auf die beiden jungen jüdischen Jazzfreunde Alfred Lion und Franz Wolff, die in Berlin trotz des Aufstieg der Nazis eigentlich einen Jazzclub aufmachen wollten, wie Tobi Dahmen und Christian Jonathan Lamp uns erinnern, kann man leicht stoßen. In die USA ausgewandert, haben sie dort ihre Plattenfirma Blue Note Records zum wichtigsten Jazzlabel der 50er Jahre und zu einem der profiliertesten, besten, respektvollsten und respektiertesten Label überhaupt gemacht.
Ein jüdischer Räuberhauptmann
Aber wer kennt noch Abraham Picard, von dem Tine Fetz erzählt? Picard hat im späten 18. Jahrhundert eine höchst erfolgreiche Räuberbande angeführt. Als die ins Revier des legendären Schinderhannes eindrang, hat Hannes erst mal gekuscht und kooperiert. Und auch von der Darmstädter Haggada dürften viele in der Geschichte von Simon Schwartz erstmals hören.
Wem diese schon geschmückte Verse-, Gebets- und Geschichtensammlung gehörte, die beim Pessachfest als Führer durch das Ritual diente, wirklich gehörte, weiß man nicht. Aber Schwartz schreibt sie dem jüdischen Arzt Jonas aus Wertheim zu, der 1452 vom Grafen von Katzenelnbogen herbeibefohlen wurde, um dessen todkranken Sohn zu behandeln. Die Darmstädter Haggada bezeugt mit weltoffenen Darstellungen, dass die Orthodoxie in gebildeten Kreisen schon früh nicht alle Köpfe im Griff hatte. Simon Schwartz hat den Stil seiner Bilder an die Illustrationen der Haggada angelehnt.
Viele Hintergundinfos
Aber „Nächstes Jahr in“ ist kein Buch der Überrumpelung, das Leser mit dem Hinweis auf blinde Flecken und Wissenslücken beschämen möchte. Zu den Personen und Themen der elf Geschichten gibt es jeweils vier Seiten Hintergrundinformationen, und diese von den Herausgebern Antje Herden und Jonas Engelmann verfassten Texte machen diese Anthologie endgültig zum veritablen Lesebuch, zum sehr zugänglichen Einstieg in die viele Entdeckungen versprechende Beschäftigung mit der langen Geschichte des jüdischen Lebens in Deutschland.
Lesung Stadtbibliothek am Mailänder Platz, Mittwoch, 19.30 Uhr, 2G-Plus. Der Abend wird auch als Youtube-Livestream übertragen.
Ka Schmitz, Barbara Yelin u. a.: Nächstes Jahr in. Comic, Ventil-Verlag, Mainz. 170 Seiten, 25 Euro.
Arte-Themenabend zu Antisemitismus und Naziherrschaft
Blickweitung
Ein paar mörderische Fanatiker im innersten Kreis der Nazibonzen – mit dieser Staffage lässt sich die Geschichte des Holocausts nicht erzählen. Und die Geschichte des Antisemitismus ist kein abgeschlossenes Kapitel. Darauf macht Arte am Dienstag mit einem vielfältigen Themenabend aufmerksam.
Judenhasser
Leider erst um 0.30 Uhr läuft der aktuellste Beitrag, Felix Moellers Doku „Jud Süß 2.0“. Die stellt vor, wie perfide das Unterhaltungskino der Nazis gegen Juden giftete – und zeigt, wie Stereotype, Lügen und Anfeindungen heute im Internet Verbreitung finden. Zuvor, um 23.30 Uhr, erzählt Stéphane Benhamou in „Algerien 1943. Der Betrug an den Juden“, wie die Kolonialfranzosen nach der Niederlage gegen Deutschland ganz aus eigenem Antrieb die Juden verfolgten und ausgrenzten.
Hintergrund
Um 20.15 Uhr läuft Gil Rabiers Doku „Die Nazis, die Arbeit und das Geld“, die erklärt, wie die Hochrüstung finanziert wurde. Das macht gerade dadurch Angst, dass es die Nazis als Dilettanten, Hochstapler und Fehlplaner entlarvt. Man ahnt, wie weit es Idioten am rechten Rand heute bringen könnten.