Die britische Comedyserie „Dead Pixels“ bei ZDF Neo erzählt von Gamern. Auf den ersten Blick geht es um Gags, auf den zweiten aber um die großen Fragen des Lebens.
Stuttgart - Die armen kleinen Braunbären. Bumm, ist einer tot. Und bumm, der nächste. Und bumm, bumm, bumm, immer weitere. Das Massaker – drei Fantasyhelden dreschen mit Keulen auf Pixeltiere ein – wirkt so makaber wie monoton. Die Computerspieler Meg, Nicky und Usman, die hinter den Bärenschlächtern stecken, geben auch zu, wie öde und blöde das Ganze ist.
Grinden heißt in der Sprache der Gamer, was sie da gerade im Online-Rollenspiel „Kingdom Scrolls“ treiben, in der nun bei ZDF Neo zu sehenden britischen Comedyserie „Dead Pixels“. Grinden ist das abwechslungsarme, spaßfreie Wiederholen fantasieloser Aktionen, um winzige Punktmengen abzustauben, die sich irgendwann zu einem Bonus addieren.
Opfer müssen gebracht werden
Meg, Nicky und Usman seufzen, jammern und klagen, sie brauchen aber leider das mit stumpfem Bärentöten verdienbare Gold, um ihre Festung zurückzukaufen. Aus der wurden ihre Spielfiguren von einem viel besser organisierten Haufen „koreanischer Kids“, wie sie vermuten, martialisch hinausgeprügelt.
Das Online-Spiel nicht als sorgenbefreite Spaßorgie, sondern als Spiegel von realen Zwängen, Mühen und Widrigkeiten, als etwas, dem man sich unterwerfen muss, das Opfer fordert – das ist das Bild, das diese pfiffige, lustige, die Realität zwar überspitzende, aber nie verratende Serie vom potentesten Entertainment des frühen 21. Jahrhunderts zeichnet.
Die Spreu vom Weizen
Dass jeder, der ein Handy oder einen Computer hat, auch irgendetwas spielt, treibt Meg, Nicky und Usman auf die Palme. Denn sie übertragen einen alten, im Kern lustfeindlichen Gedanken von Pflichterfüllung, Distinktion, Hingabe, Verzicht ins digitale Heute. Sie wollen, dass ein Spiel die Spreu der Gelegenheitsdaddler ohne Leidenskraft von den Hardcore-Recken trennt, die auf viele Offline-Freuden verzichten, um dem Himmelreich der Spielziele näher zu kommen.
Vielspieler als lebensuntüchtige Versager, die sich mangels Sozialbeziehungen und Bestätigung in eine virtuelle Scheinwelt zurückziehen – dieses Bild steckt noch immer in vielen Köpfen. „Dead Pixels“ greift die Vorstellung vom verkorksten Sozialversager zwar auf. Aber mit jedem Gag, mit jeder Stichelei, mit jedem neuen Alltagsstolperer macht der komödienerfahrene Showrunner Jon Brown („Misfits“, „Mongrels“) die Sache ein wenig komplizierter.
Echte Jobs und sexuelle Bedürfnisse
Meg (Alexa Davies), Nicky (Will Merrick) und Usman (Sargon Yelda) haben alle seriöse Jobs, Usman ist sogar Pilot. Dass sie sich auch auf Arbeit in „Kingdom Scrolls“ einlocken, zeugt zwar von Abhängigkeit. Dass sie es aber offenbar fertigbringen, via Headset miteinander zu chatten, sich in der virtuellen Welt zu prügeln und nebenher ihren Job zu erledigen, zeugt von ziemlicher Multitasking-Kompetenz: vor allem bei Usman, der mit dem aufgeklappten Laptop auf den Knien sein Verkehrsflugzeug steuert.
Meg und Nicky wohnen nebeneinander in derselben WG. Ihre Mitbewohnerin Alison hegt den Verdacht, die beiden wollten eine Beziehung, trauten sich aber nicht. Da ist was dran, aber ganz so einfach ist auch das nicht. Meg spricht so offen wie ein besoffener Hochseefischereimatrose über ihre sexuellen Bedürfnisse, sie ist das Gegenteil von verklemmt. Aber wenn sie jemanden anmacht, dann führt sie dessen Spielfigur in einen virtuellen Swingerclub, in dem Orks und Gnome kopulieren.
Mehr als bloß Grinden
Die Beziehungen sind nur auf den ersten Blick aufs Gagpotenzial ausgerichtet, auf den zweiten irritierender. Megs neuer Arbeitskollege Russell (David Mumeni) drängt sich in die Online-Welt. Er ist einer der verhassten Spaßspieler, wird vom Trio virtuell totgeschlagen, geschnitten, veräppelt – und doch auch bemitleidet. Russell sucht Halt und Freundschaften, geht allen auf die Nerven, erinnert aber auch daran, dass Spielen mal eine andere Utopie umfasste als verbissenes Grinden.
Über die zwölf Folgen der ersten und zweiten Staffel hin, die in der ZDF-Mediathek abrufbar sind, räumt „Dead Pixels“ an Gags ab, was Spielenerds an Gags hergeben, und bildet ein schönes Gegenstück zur Serie „Mythic Quest“ bei Apple TV+, die von Spieleentwicklern erzählt und am 7. Mai in die zweite Staffel geht. Aber hinter all dem Spott, den Kabbeleien, den Sitcom-Standards geht es um die Frage, wie sich Glück und Mühsal zueinander verhalten, Freiheit und Gefangenschaft, Einsamkeit und Überdruss an Menschen. Es geht mitten im Spiel um die Widersprüche des Lebens.
Verfügbarkeit: ZDF Neo, Freitag, 9. April 2021, ab 23.30 Uhr alle zwölf Folgen hintereinander. In der ZDF-Mediathek sind sie bis 6. Juni 2021 abrufbar.