Im voll besetzten Kurtheater Freudenstadt sorgte Sybille Bullatschek mit ihrem Ein-Frauen-Stück „Pfläge lieber ungewöhnlich“ für überaus heitere und zugleich tiefgründige Momente.
Über einen in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen Theaterabend freuten sich am Donnerstagabend die Besucher im Kurhaus. Einerseits sorgte Sybille Bullatschek mit ihren herrlichen Milieustudien in und um das „Seniorenheim Sonnenuntergang Pfleidelsheim“, mit skurrilen Episoden und originellen Pointen aus dem „Pflägealltag“ und den dazu passenden Song beim Publikum für wahre Lachsalven.
Andrerseits brachte sie die Besucher zum Nachdenken über den Pflegenotstand, indem sie alltägliche Begebenheiten im Seniorenheim karikierte und überzeichnete und hierdurch den Finger auf grundlegende Probleme legte.
So bei den aufwendigen Vorbereitungen für die Feiern zum 100. Geburtstag der Bewohner. Angefangen vom Aufstellung der Gästeliste, für die die Jubilare vorab folgende Fragen beantworten mussten: Wer lebt überhaupt noch? Mit wem habe ich noch keinen Streit? An wen davon kann ich mich überhaupt noch erinnern?
Beim Hundertsten sind alle dabei
Wenigstens brauche es für die lieben Familienmitglieder, so „Pflägerin“ Bullatschek wütend, keine gesonderte Einladung denn: „Das ganze Jahr über lässt sich keiner von denen blicken, aber beim Hundertsten sind alle dabei“.
Aber auch der große Geschenkkorb, den der Bürgermeister traditionell zum 100. Geburtstag mitbringt, hat eine außerordentliche Wirkungen, wie sie verrät: „Viele wollen allein schon für den Korb 100 werden.“
Wozu brauchen Senioren einen 18-Loch-Golfplatz?
Wütend ist die engagierte „Pflägerin“ aber auch über die neu erbaute Luxus-Seniorenresidenz, die mit ihrer Luxusausstattung samt Aquarium in jeder Suite und 18-Loch-Golfplatz auf dem parkartigen Gelände ihrem Haus Sonnenuntergang Konkurrenz macht.
Völlig zu unrecht, wie sie analysiert, denn wozu brauchen denn die Bewohner dort einen 18-Loch-Golfplatz? „Im Alter sieht doch keiner mehr gut, da reicht doch auch einer mit einem Loch.“
Von der verwöhnten Diva bis zum pensionierten Soldaten
In ihrer Glanzrolle als „Pflägefachkraft“ im Nachtdienst wird diese von den alten Herrschaften durch andauerndes Klingeln auf Trab gehalten. Dabei sorgen die höchst unterschiedlichen Charaktere – von der verwöhnten Diva über den dementen Möchtegern-Ausreißer bis zum pensionierten Berufssoldaten ist alles dabei – dafür, dass Bullatschek die ganze Nacht keine ruhige Minute hat. Sei es, weil sich Herr Bäuerle mitten in der Nacht zu einem Rollatorausflug in die nächste Kneipe aufbringt, weil sich Herr Häberle bereits zum dritten Mal mit seiner Schlafanzughose im Klodeckel verfangen hat oder Frau Tröndle ständig klingelt, weil sie aus Angst vor dem nächsten Weltuntergang nicht schlafen kann.
An Ruhepausen ist nicht zu denken
An Ruhepausen ist nicht zu denken, geschweige an ein Privatleben am darauffolgenden Tag. „Pflägerin“ Sybille macht deshalb notgedrungen – und letztendlich erfolglos – bei einer Speed-Dating-Partnerbörse mit, und beschert damit ihrem Publikum einige höchst amüsante Momente. Dann wieder bringt sie mit ihrer gesungenen Homage über die unverzichtbare und wertvolle Arbeit der „Pflägekräfte“ ihr Publikum zum Nachdenken. Mit großem Beifall, der durch das Schwenken vieler Handylichter verstärkt wurde, endete ein bemerkenswerter Kleinkunstabend.
Die Komödiantin kommt nicht vom Fach
Mit ihrer Paraderolle der selbstbewussten, wortgewandten „Pflägefachkraft“ Sybille Bullatschek spielt sich die gelernte Werbetexterin Ramona Schuhkraft seit Jahren in die Herzen ihres Publikums. Ihr sei bewusst geworden, dass weder Senioren noch Pflegekräfte eine Lobby haben, begründet sie ihre Rollenauswahl.
Zwar kommt die Komödiantin – auch wenn dies bei ihrer Bühnenpräsenz und angesichts ihrer Detailkenntnisse kaum glaubhaft ist – nicht vom Fach. Immerhin hat sie aber ein freiwilliges soziales Jahr in der „Pfläge“ vorzuweisen. Ihre Verkörperung einer schlagfertigen „Pflägefachkraft“, die das Herz auf dem rechten Fleck hat versteht Schuhkraft als Würdigung aller Pflegekräfte.
Zusätzlich untermauert sie dies durch ihre kleinen, lustige, Videos und Bücher, die den schweißtreibenden Arbeitsalltag zeigen. Neben den Abonnenten des Schwarzwälder Boten erhielten bei dieser Veranstaltung auch alle in Pflegeeinrichtungen Arbeitenden ermäßigten Eintritt.