Der harte Kern des Strichacht-Clubs Stuttgart: Von links Martin Kämmerling, Ehrenmitglied und Mitgründer des Bundesverbands; Ina Brodbeck, Mitglied aus Stuttgart; Julius Reise vom Stammtisch Nordbaden; Bundesvorsitzender Rolf Knappert. Foto: Köster/ 

Jeden Monat treffen sich in Stuttgart die Fans eines Automodells, das Mercedes mit prägte. Sie pflegen nicht nur die Schätze aus der Vergangenheit, sondern machen sich auch ihre Gedanken über die Zukunft.

Manchmal macht es der Daimler seinen Fans nicht leicht. Zum Beispiel im Frühsommer, als in der kroatischen Stadt Imotski der örtliche Oldtimer-Club feierlich ein steinernes Mercedes-Denkmal einweihte. 50 Tonnen Stein gewordener Mercedes wurden gefeiert – in Form eines Modells aus den siebziger Jahren, das seine Fans nur den Strichacht nennen.

 
Ein Auto wie in Stein gemeißelt: Ivan Topic, Chef des Oldtimer-Clubs von Timotski, vor der Steinskulptur eines Strichacht. Foto: Thomas Roser/ 

Der Strichacht erinnert die vielen Kroaten, die es als Gastarbeiter in Deutschland zu etwas gebracht haben und dann wieder zurückkehrten, an goldene Zeiten in Sindelfingen und Untertürkheim. „Wer aus Deutschland mit einem Mercedes zurückkehrte, konnte sich das Mädchen aussuchen, das er heiraten wollte. Wer einen Fiat fuhr, bekam keine ab und musste sein Auto verstecken“, beschreibt der Chef des örtlichen Oldtimer-Clubs, Ivan Topic, die einstige Bedeutung des Mercedes für diejenigen, die es geschafft hatten.

Frontseite mit Zusatzscheinwerfen... Foto: Köster/ 

Mit nach Kroatien reiste damals eine Abordnung des Strichacht-Clubs Stuttgart. Dessen Mitglieder zeigten sich durchaus verwundert, dass weit und breit kein Vertreter von Mercedes dabei war, als seine Fans einem der Autos geradezu huldigten. Fans, an deren eisernem Willen, zu Wohlstand zu gelangen und dies auch zu zeigen, der Stuttgarter Autobauer in den goldenen Nachkriegsjahren nicht schlecht verdiente.

... und die Rückseite mit Heckflossen und Auszeichnungsplakette der Verkehrswacht. Das Fahrzeug mit Heckflosse ist streng genommen kein Strichachter. Foto: Köster/ 

Die Verwunderung ist den Stuttgarter Strichacht-Fans auch an jenem Freitagabend noch anzumerken, an dem sie sich wie jeden Monat in einer Pizzeria in Stuttgart-Botnang versammeln. „Der Strichacht passt halt nicht mehr in die Luxusstrategie“, sagt einer in der Runde. Dabei, so weiß er, hatten sogar Heinz Rühmann und Rudi Carrell ein solches Modell. „Und diejenigen, die ihre Autos damals übernommen haben, sind bis heute bei uns Mitglied.“

Böse Worte aber kommen ihnen im Club nicht über die Lippen. Auch wenn sie manches heute kritisch sehen, lassen sie auf das Unternehmen nichts kommen, bei dem manche ihr ganzes Berufsleben verbracht haben. „Der Daimler“, sagt einer, „hat’s schon schwer genug.“

Kein Stäubchen trübt das Erscheinungsbild der Strichachter

Den Strichachtern, die sie draußen auf dem Parkplatz aufreihen, ist anzusehen, wie viel Geld und Arbeit ihre Besitzer investiert haben. Das Chrom dieser 50 und mehr Jahre alten Autos blitzt und blinkt, kein Stäubchen trübt das aufpolierte Erscheinungsbild. Manche haben Sonderausrüstungen wie auffällige Zusatzscheinwerfer auf der Stoßstange, einer fährt sogar auf der Hutablage einen Wackeldackel spazieren, der während der Fahrt stetig dem Modell eines Strichacht zunickt.

Ikonisch: Ein Wackeldackel passt auf der Hutablage auf einen Strichacht auf. Foto: Köster/ 

Der Strichacht, das sind im Mercedes-Jargon Fahrzeuge der Baureihen W114 und W115, die von 1968 bis 1976 verkauft wurden. Der Name rührt vom Startjahr 1968 und soll die Baureihe von ähnlichen Modellen abgrenzen, die älter sind und zeitweise noch parallel produziert wurden. Er gilt als besonders robustes Auto, das oft auch als Taxi verwendet wurde, und ist ein Vorläufer der heutigen E-Klasse.

Heute ein solches Fahrzeug zu halten, ist nicht ganz einfach. Verschleißteile wie Bremsbeläge oder Luftfilter seien einfach zu bekommen, sagt Rolf Knappert aus Nürtingen, zugleich Bundesvorsitzender des Strichacht-Clubs. Bei größeren Reparaturen werde die Versorgung aber zunehmend schwierig. Es gebe spezialisierte Händler für allerlei Teile, die heute längst nicht mehr hergestellt werden und irgendwo noch auf Lager liegen. Irgendwann aber gehen sie zur Neige. Dann wird man auf Nachbauten von fragwürdiger Qualität angewiesen sein.

Im Club haben sie viel Verständnis für Mercedes

Aber auch bei diesem Thema haben sie im Club Verständnis für Mercedes. Für das Unternehmen mache es eben keinen Sinn, jahrzehntelang Teile einzulagern in der ungewissen Erwartung, diese einmal verkaufen zu können. Erst recht nicht vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Strichachter nicht steigen wird. Denn der letzte von ihnen rollte vor 48 Jahren aus der Fabrik. Und so gut die hoch betagten Fahrzeuge der Clubmitglieder heute auch in Schuss sind – über kurz oder lang werden sie das Zeitliche segnen.

Was mit ihren Strichachtern einmal geschehen wird, wenn sie selbst nicht mehr sind, auch darüber machen sich die Stuttgarter so ihre Gedanken. Der Club hat hier mit den gleichen Fragen umzugehen wie Musik- oder Sportvereine auch: Die Nachkommen haben oft ganz andere Interessen als die Altvorderen.

Seine Tochter, berichtet einer, habe mit Autos nicht viel am Hut, und ihr Mann sei Anwalt. „Der kann sehr vieles, aber ein Reifenwechsel gehört definitiv nicht dazu.“ Die Vorstellung, zum Reifenwechsel in die Werkstatt zu fahren, ist ihm ein Graus. Lieber setzt er jetzt im Herbst und im Frühjahr nicht nur bei seinem eigenen Strichachter, sondern auch beim Auto seines Schwiegersohns den Steckschlüssel an. Bei der Frage, was aus seinem Oldtimer einmal werden soll, bringt ihn das aber auch nicht weiter.

Handwerkliches Geschick ist für Oldtimer wichtig

Ohne handwerkliches Geschick ist es schwierig, einen Oldtimer zu halten. „Die handwerklichen Fähigkeiten gehen den Werkstätten immer mehr verloren“, sagt Knappert. Die Mechaniker, die mit dem Schraubenschlüssel groß geworden sind, gingen in Rente, der Nachwuchs sei viel stärker auf die Elektronik spezialisiert – passend zu den neuen Autogenerationen, bei denen ohne gediegene Softwarekenntnisse kaum noch etwas geht. Nicht einmal einen Bremsbelag könne man heute noch wechseln, ohne die Elektronik entsprechend zu konfigurieren. „Wer später einmal ein Auto, wie es heute gebaut wird, als Oldtimer fährt, kann mit seinem Schraubenschlüssel nicht mehr viel anfangen.“

Der deutlich Jüngste in der abendlichen Runde ist Julius Reise. Der Bruchsaler, der für den Club den nächsten Auftritt auf der Retro Classics plant, ist mit seinen 25 Jahren Fan von Fahrzeugen, die bei seiner Geburt schon so alt waren wie er heute ist. Seinen Oldtimer besaß er bereits mit 18 – rechtzeitig zur Lehre bei Daimler.

Auch wenn ihre Oldtimer die Mitglieder des Strichacht-Clubs verbinden, eint sie auch das Interesse an der Autobranche – und vor allem an Mercedes. So sehr sie auch hinter dem Stuttgarter Autobauer stehen, dass chinesische Hersteller hier über kurz oder lang Erfolg haben werden, daran haben sie kaum einen Zweifel. „Wir haben die Chinesen jahrzehntelang stark gemacht mit unserem Know-how“, sagt der Stuttgarter Stammtischleiter Martin Kämmerling, der den bundesweiten Club 1990 mit gegründet hat und heute Ehrenmitglied ist.

Alter reicht von 0 bis 87 Jahren

An die Zukunft aber glauben sie trotz aller schwer abschätzbaren Entwicklungen. Mercedes werde sich behaupten, sagen sie. Und auch ihr Oldtimer-Club. Erst vor kurzem hat Knappert sein Enkelkind angemeldet – kurz nach der Geburt. „Wir haben jetzt Mitglieder von 0 bis 87“, berichtet er stolz. „Damit sind wir absolut zukunftsfähig aufgestellt.“