Christoph Dahl ist seit 2010 Geschäftsführer der Baden-Württemberg-Stiftung Foto: MK/Matthias Kessler

Mit einem hohen fünfstelligen Betrag sichert die Baden-Württemberg-Stiftung die Ausstellung „Wolfgang Laib – The Beginning of Something Else“ mit ab. Warum? Und was fördert die Stiftung sonst? Geschäftsführer Christoph Dahl antwortet.

Jährlich knapp 40 Millionen Euro stellt die Baden-Württemberg Stiftung für gemeinnützige Programme und Projekte zur Verfügung. Eine wichtige Rolle spielt die Stiftung in der Kulturförderung. Wesentlich mit ermöglicht hat die Stiftung die Ausstellung „Wolfgang Laib – The Beginning of Something Else“ im Kunstmuseum Stuttgart. „Wolfgang Laib“, sagt Christoph Dahl, seit 2010 Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung, „ist schwäbisch-bescheiden und zurückhaltend – und doch gehört er zu den größten Künstlern unserer Zeit“. Mit seiner Zielorientierung sei Wolfgang Laib „ein wirkliches Vorbild“.

 

Herr Dahl, die Baden-Württemberg Stiftung hat die Ausstellung „Wolfgang Laib“ im Kunstmuseum Stuttgart wesentlich mit ermöglicht. Ich unterstelle mal, Sie waren in den vergangenen Wochen das eine oder andere Mal vor Ort – was beeindruckt Sie besonders?

Die besondere Willensstärke, die Geduld und Beharrlichkeit von Wolfgang Laib. Sich nicht von Zeitgeist, Medien und anderen Einflüssen und Strömungen treiben zu lassen, sondern seit 1977 fokussiert und unbeirrt den eigenen Weg zu gehen, verdient großen Respekt. Und natürlich sind die verwendeten Naturmaterialien wie Blütenstaub, Bienenwachs, Reis und der Milchstein alles andere als gewöhnlich.

Wolfgang Laib im Kunstmuseum Stuttgart Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Wie empfanden Sie die Ausstellung?

Als entschleunigend, intensiv und sinnlich; auch das ungewöhnliche Katalogbuch zur Ausstellung ist sehr schön geworden.

Welche Rolle hat bei der Entscheidung für die Förderung die Tatsache gespielt, dass Wolfgang Laib als „Weltkünstler aus Oberschwaben“ in besonderer Weise auch Botschafter Baden-Württembergs ist?

Wolfgang Laib ist schwäbisch-bescheiden und zurückhaltend – und doch gehört er zu den größten Künstlern unserer Zeit. Laib ist in den USA weitaus bekannter und berühmter als in Baden-Württemberg. Weil es sich lohnt, das zu ändern, fördern wir die Ausstellung im Kunstmuseum. Man muss ja auch wissen…

Ja?

Dass Wolfgang Laibs Arbeit durch seine oberschwäbische Heimat geprägt ist – immerhin sammelt er dort auch den Blütenstaub, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. Er ist aber auch immer wieder in New York und im Süden Indiens, sein Wirken reicht weit über Baden-Württemberg hinaus. In diesem Sinne ist er ein hervorragender Botschafter für unser Land. Und Laib passt damit auch zu anderen Programmen der Baden-Württemberg Stiftung.

Wie meinen Sie das?

Wir setzen uns für interkulturellen Austausch und Völkerverständigung ein, etwa mit unserem Frankreich-Programm „Nouveaux horizons“ und mit unserem Programm zur Stärkung des Donauraums „Perspektive Donau“ oder mit unserem Baden-Württemberg-Stipendium. Das Stipendium ermöglicht jedes Jahr rund 750 Studierenden und jungen Berufstätigen aus Baden-Württemberg einen Aufenthalt in einem anderen Land, und die gleiche Anzahl kommt dann aus dem Ausland auch zu uns. Das bringt ein tolles Netzwerk, die Stipendiaten und Alumni sind alle auch kleine Botschafter für unser Land.

Christoph Dahl Foto: BWS/Baden-Württemberg Stiftung

Haben Sie Laib denn in seinem Refugium bei Biberach besucht? Und wenn – wie haben Sie dies erlebt?

Nein, das nicht. Aber ich habe schon vor Jahren über ihn gelesen und privat ein Kieferblütenstaub-Werk hinter Glas von ihm erworben.

Sie haben vorher von der Beharrlichkeit gesprochen. Ist es auch das, was die Kunst von Wolfgang Laib im besten Sinn zeitlos macht und damit vielleicht gerade jetzt inmitten der multimedialen Stürme besonders aktuell?

Die sinnliche Erfahrung seiner Werke ist eine Rarität: die Stille seiner Räume, der Duft von Wachs oder Reis – das erlaubt uns, innezuhalten und über unser Verhältnis zur Natur und zueinander nachzudenken. Sein Fokus auf Meditation und Achtsamkeit trifft den Nerv der Zeit. Damit stellt er einen künstlerischen Gegenentwurf zu der Informationsflut und den allgegenwärtigen Bildschirmmedien dar, denen wir im Alltag ausgesetzt sind.

Sponsoringpartnerschaften haben klare Vereinbarungen für das Geben und Nehmen. Wo liegt aus Ihrer Sicht bei einer Förderung der Baden-Württemberg Stiftung der „Return“ für die Stiftung?

Wir unterscheiden uns da sicher von klassischen Sponsoren. Denn unser Stiftungsziel gibt uns vor, das Land zu stärken und lebenswert zu machen, dazu gehören für uns auch hochklassige, innovative Kultur- und Kunstangebote. Ulrike Groos und ihr Team im Kunstmuseum Stuttgart tragen da in bemerkenswerter Weise dazu bei. Im Fall von Wolfgang Laib profitieren wir wie auch das Land von der internationalen und nationalen Aufmerksamkeit – zumindest dann, wenn die Förderung nicht als selbstverständlich erachtet und auch medial transportiert und wahrgenommen wird.

Die digitale Transformation ist ein Schwerpunkt in der Innovationsförderung der Baden-Württemberg Stiftung Foto: hlrs/Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart

Ihr Geld, also das Vermögen der Stiftung, hätten vor der Landtagswahl 2021 manche Parteien gerne gehabt – auch um Lücken im Haushalt zu stopfen. Wie entspannt sehen Sie diese Gefahr?

Eine Auflösung der Baden-Württemberg Stiftung ist völlig vom Tisch. Und sie wäre auch eine politische Dummheit. Das Modell, das Kapital der Stiftung in Höhe von 2,3 Milliarden Euro gut anzulegen und die jährlichen Erträge etwa in Spitzenforschung, Bildung, Stipendienprogramme, Integration und Kulturförderung zu investieren, ist klug und sehr nachhaltig – weil es über Generationen hinweg trägt. Außerdem können wir viel schneller als große Einheiten wie Ministerien auf neue Herausforderungen reagieren. Das Geld zu nehmen, um einmalig irgendwelche Löcher im Etat zu stopfen oder Wünsche zu erfüllen, wäre ziemlich kurzsichtig. Im Übrigen hatte eine Prüfung unter dem früheren Finanzminister Nils Schmid schon vor Jahren ergeben, dass eine steuerliche Nachzahlung in mindestens dreistelliger Millionenhöhe fällig wäre.

Zurück zur Kulturförderung – bei der Baden-Württemberg-Stiftung ja ein kleinerer Bereich der Förderarbeit.

Dem würde ich widersprechen. Die Kulturförderung ist ein wichtiger Bereich unserer Stiftung. Allein in der letzten Herbstsitzung wurden vom Aufsichtsrat mehr als sieben Millionen Euro bewilligt, darunter zwei Millionen Euro für den Erwerb durch das Literaturarchiv Marbach und die geplante Ausstellung des Nachlasses von Rainer Maria Rilke, 2,5 Millionen Euro für die neuen Herbstfestspiele in Baden-Baden, 750 000 Euro für den Literatursommer und zwei Millionen Euro für unseren Kulturfonds, mit dem wir eine Vielzahl an Ausstellungen und anderen innovativen Kunst-, Musik- und Theatervorhaben im ganzen Land fördern. Ansonsten arbeiten wir operativ und führen eigene Programme durch.

Die Baden-Württemberg Stiftung hat ihren Sitz im Zentrum der Landeshauptstadt Foto: BWS/BWS

In welchem Themenfeld sind Sie aktuell denn sonst besonders aktiv?

Das bereits erwähnte Baden-Württemberg-Stipendium für junge Menschen und Hochschulen ist unser größtes Programm. Darüber hinaus kümmern wir uns vor allem um Zukunftsthemen, aktuell Künstliche Intelligenz, Klimaresilienz in Land- und Forstwirtschaft, innovative Verfahren für ein integriertes Management von Niederschlagswasser oder neue antivirale Therapien. Hier schreiben wir aus, lassen die eingereichten Projekte auswählen, begutachten und evaluieren. Das Exzellenzprinzip ist es auch, was uns auszeichnet. Aber auch Integrations- und Demokratiebildungsprojekte sind uns wichtige Anliegen und werden in diesen Zeiten immer wichtiger.

Von Erwin Teufel stammt die Leitlinie des Landes der Stifter. Inzwischen sind wir auch hier fast schon bei der dritten Generation. Ist es denn immer noch so, dass neue Stifter hinzukommen?

Wir sind auch weiter ein Land der Stifter, Baden-Württemberg liegt bei der Anzahl an Stiftungen bundesweit auf Platz drei. Es kommen immer wieder neue Stifterinnen und Stifter dazu, die nicht nur Steuer sparen, sondern für die Gesellschaft Gutes bewirken wollen. Wir kooperieren auch mit anderen Stiftungen, zum Beispiel der Josef-Wund-Stiftung bei unserem Programm „Talent im Land“ oder der Wiedeking Stiftung bei „Innovativen Werkstätten für Kinder und Jugendlichen“ zur Förderung des Handwerks.

Allgemein gibt es ein Dauerfeuer an Erklärungsangeboten. Wie gefährlich ist diese Entwicklung denn und wie sehr müssen Sie aufpassen, dass jüngere Menschen zwischen 13 und 30 nicht alles nur noch unter dem Eventcharakter sehen?

Zunächst einmal ist es schwieriger geworden, Jüngere zu erreichen und sie für etwas dauerhaft zu begeistern. Das ist aber eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Da spielt nicht nur die Schule eine Rolle, auch die Elternhäuser tragen Verantwortung. Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder, das ist ein großes Thema, auch für uns.

Inwiefern?

Mit Vorbildern meine ich nicht Influencerinnen, die irgendwelche Produkte anpreisen. Wir haben in unserem aktuellen Jahresbericht Menschen aus Baden-Württemberg porträtiert, die vorbildhaft vorangehen. Und Vorbilder gibt es in allen Bereichen. Wolfgang Laib ist auch ein Vorbild, glücksstaubsammelnd seit 1977. Der hat nicht darauf hingearbeitet, berühmt zu werden – und er ist trotzdem berühmt geworden, weil er ohne Geschrei Großes geschaffen hat. Wenn Schulklassen durch die Ausstellung gehen, ist das ein absolutes Gegenprogramm gegen die Schnelllebigkeit, das Aufmerksamkeitsheischende und das Clickbaiting dieser Zeit.

Christoph Dahl und die Baden-Württemberg Stiftung

Die Stiftung
Die Baden-Württemberg Stiftung gGmbH wurde im Jahr 2000 als Landesstiftung Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart gegründet. Das Vermögen beträgt rund 2,3 Milliarden Euro. Jedes Jahr stellt sie unter dem Motto „Wir stiften Zukunft“ knapp 40 Millionen Euro für gemeinnützige Programme und Projekte zur Verfügung und zählt damit zu den größten Stiftungen privaten Rechts in Deutschland.

Zur Person
Christoph Dahl ist seit 1. Mai 2010 Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung (gGmbH). Der gebürtige Reutlinger und Vater von fünf Kindern arbeitete nach dem Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen unter anderem als leitender Redakteur einer Tageszeitung und wechselte danach als Pressesprecher ins Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg.

Die Ausstellung
Die Schau „Wolfgang Laib – The Beginning of Something Else“ ist noch bis zum 5. November im Kubus des Kunstmuseums Stuttgart (Di bis So 10 bis 17 Uhr, Fr 10 bis 20 Uhr) zu sehen.