Wenn Kirche relevant bleiben will, muss sie mehr bieten – und sich mehr mit den drängenden Fragen beschäftigen, meint die Kolumnistin. Etwa mit der Klima-Krise.
„Die Kirchen sind keine NGOs!“ hatte Manuel Hagel, der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2026, kürzlich in Hartheim gewettert. Und weil sie eben keine Nichtregierungsorganisation – kein Umweltverband oder Ähnliches – seien, sollten sie sich nicht um das Tempolimit auf Autobahnen kümmern, hatte Hagel die Forderung der Kirchen nach einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 120 Stundenkilometer kommentiert.
Dabei hatte sich der 37-jährige Fraktionschef der CDU im Landtag von Baden-Württemberg doch als gläubiger Christ in Hartheim vorgestellt. Wenn er seinen Glauben nicht nur im Gottesdienst vor der Weihnachtsfeier seiner Fraktion praktiziert, dann dürfte ihm freilich nicht entgangen sein, dass die Bewahrung der Schöpfung ein ureigenes Thema der Kirchen ist. Oder zumindest sein sollte.
Zu viel heile Welt – zu wenig brisante Themen
Denn längst nicht alle Kirchengemeinden widmen sich diesem und anderen gesellschaftlich relevanten Themen. Sie feiern Gottesdienste, organisieren Seniorennachmittage, Konzerte und Sankt-Martins-Umzüge, wagen es aber nicht, sich in brisante Diskussionen einzumischen.
Möglichkeiten, sich zu treffen und gemeinsam gesellige Stunden zu erleben, bieten viele andere freilich auch: angefangen von den Seniorennachmittagen der Ortschaftsräte über Stammtische und Aktionen der Vereine bis hin zum großen Angebot der Stadtbücherei, der Musik- und Kunstschule, der Volkshochschule und anderer Bildungsträger sowie der Albstädter Museen. Wer da nicht unbedingt noch einen geistlichen Impuls oder den Segen eines Pfarrers braucht, kann sich auch auf der weltlichen Tafel bedienen.
Wofür dann noch Kirchensteuer zahlen?
Immer mehr Menschen tun das und fragen sich, warum sie dann eigentlich noch Kirchensteuer bezahlen. Die Kirchengremien indes beraten und diskutieren darüber, wie sie kaum genutzte und teure Gebäude loswerden, ihren Schrumpfungsprozess organisieren, anstatt sich zu fragen, wie sie ihre Mitglieder halten und im besten Fall neue gewinnen können – unter anderem auch, um ihre sozialen Angebote und Kindergärten aufrechterhalten zu können.
Dabei hat es der Vortrag „Unser täglich Brot: Klima – Gerechtigkeit – Landwirtschaft“ am Sonntag im Saal von St. Hedwig doch gezeigt: Die Klimakrise ist ein Thema, das nicht nur dringend das Anpacken aller erfordert, sondern auch viele bewegt. Der Saal war jedenfalls voll besetzt, und die Diskussion nach dem ebenso verständlichen wie schockierenden Referat der Agrarökologin Maria Müller-Lindenlauf fällt unter die Kategorie „höchst engagiert“. Es bleibt zu hoffen – und es ist angesichts der Besetzung zu erwarten – dass das ökumenische Klimabündnis und die neue Ortsgruppe „Christians4Future“ Albstadt weitere solcher Info- und Diskussionsabende organisieren werden – es ist Zeit.
Kanzler Merz will die Deutschen zum Fliegen animieren
Auch die soziale Frage brennt vielen unter den Nägeln. Mehr und mehr Menschen müssen Flaschen sammeln, mehr und mehr Kinder hungrig zur Schule gehen, während der übersatte Teil der Bevölkerung den Wunsch von Bundeskanzler Friedrich Merz befolgt und immer öfter in den Urlaub fliegt, damit die notleidenden Fluggesellschaften überleben – von der notleidenden Natur spricht Merz dabei nicht.
Das ist Aufgabe der Kirchen: Ihren Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung sowie zur Würde des Menschen zu leisten, sollte ihr Kerngeschäft sein. Kaffeekränzchen und Bastelstunden dürfen sie ja trotzdem veranstalten. Wenn Kirche aber relevant bleiben will für die Menschen, muss sie sich mit gesellschaftlich relevanten Themen der Zeit beschäftigen. Vielleicht versteht dann auch Manuel Hagel, dass man keine NGO sein muss, um die Politik zu ermahnen.