Es ist ein Trend, der sich seit Jahren abzeichnet: In Balingen kaufen die Menschen ihre Weihnachtsbäume immer früher, sagt Stefan Koch.
Zwischen lauter Bäumen ist er kaum noch zu sehen. Nur der Kopf lugt zwischen Zweigen hervor. Es knistert und knarzt, als sich Stefan Koch seinen Weg zwischen Tannenbäumen in der großen Scheune bahnt. Der typische Geruch nach Harz liegt in der Luft: ein olfaktorischer Vorbote für Heiligabend. Nicht allzu groß solle er sein, aber dicht gewachsen und eine schöne Spitze sei wichtig, sagt die Kundin. Hinter dem schweren Holztor des alten Wohnhauses in Frommern verbirgt sich ein Wunderland der Weihnachtsbäume.
Gemeinsam mit seinem Bruder Thomas betreibt Stefan Koch die Christbaumzucht im Balinger Stadtteil in dritter Generation. Schon als Kinder haben die beiden ihre Nachmittage im Dezember zwischen Weihnachtsbäumen verbracht. Angefangen habe sein Großvater in den 1960-er Jahren mit einer eigenen Plantage.
Noch heute wachsen dort Weihnachtsbäume auf vier Hektar. „Damals hat er mit Fichten und Blautannen angefangen. Heute haben wir 90 Prozent Nordmanntannen“, sagt Koch. Das habe mehrere Gründe: „Sie nadelt wenig und ist pflegeleicht.“ Die Nadeln der Nordmanntanne sind weicher als die der Kiefern und Blautannen. „Blautannen sind viel stupfiger und halten nicht so lang.“
Nicht nackt in die Erde
Acht bis zwölf Jahre wachsen die Bäume, bis Koch sie verkaufen kann. Für jeden geschlagenen Baum pflanzt er am selben Standort einen neuen. Woran erkennt der Käufer, dass es ein gesunder Baum ist? „Vor allem an der Rinde und den Nadeln. Die Rinde muss noch grün sein.“ Wie viel Arbeit die Christbaumzucht birgt, wird spätestens dann klar, wenn der Balinger die einzelnen Schritte aufzählt. „Wir arbeiten das ganze Jahr über“ schickt er voraus.
Im Herbst wird gepflanzt
Im Herbst pflanzen sie Bäume ein und füllen Lücken auf, sagt seine Mutter Inge. Zunächst ziehen sie die Pflanzen im Topf, sie werden nicht wurzelnackt eingepflanzt. Im Frühjahr wachsen sie dann langsam an. „Dieses Jahr hatten wir ein sehr nasses Frühjahr.“ Für die Bäume sei das gut gewesen. Was den Tannen hingegen schadet, ist Frost im Frühjahr. „Wichtig ist vor allem ein lehmiger Boden und der pH-Wert.“ Was die Wetterextreme angeht, die durch den Klimawandel zunehmen, sei die Blautanne robuster als etwa Fichten und Weißtannen.
Bäume werden eingezäunt
Im Frühsommer ist die Familie mit mähen, anbinden und düngen auf der Plantage beschäftigt. Chemische Mittel verwenden sie nicht. „Dann ist auch noch das Einzäunen der Bäume wichtig, um sie vor Wildverbiss zu schützen“, sagt Stefan Koch. Im Spätherbst beginnen sie dann mit dem Schlagen der Bäume. Der Verkauf in der Dettenhaldenstraße 3 beginnt immer am ersten Samstag im Dezember und endet an Heiligabend.
Immer früher wird der Baum gekauft
Immer mehr Menschen im Zollernalbkreis kaufen ihren Weihnachtsbaum schon vor dem zweiten Advent, sagt Koch. „Das verlagert sich. Viele wollen möglichst lange was von ihrem Baum haben.“ Mutter Inge erinnert sich zurück an ihre Kindheit. Erst wenige Tage vor Weihnachten habe man den Baum besorgt und am 23. Dezember haben die Eltern ihn dann geschmückt. „Wir Kinder durften ihn dann erst an Heiligabend sehen.“ Aufregend sei das gewesen. Heute stehe der Baum immer früher in den Wohnzimmern. Etwa zwei bis drei Wochen vor Weihnachten kommen die meisten Kunden, so Koch.
Am Baum wird nicht gespart
Beim Weihnachtsbaum sparen die Menschen nicht– auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten legen die meisten Familien im Zollernalbkreis Wert auf einen Baum. Wiederverwendbare Plastikbäume, etwa aus China, sieht Koch nicht als Konkurrenz: „Viele schätzen einen Christbaum aus der Region. Und: bei uns stirbt kein Wald. Wir pflanzen immer wieder nach.“ Kurze Transportwege und kein Pflanzenschutz: „Unser ökologischer Fußabdruck ist gut“, betont er. Lagern sollte man den Christbaum an einem kühlen, schattigen Ort. Wichtig sei es, auf frisches Wasser im Ständer zu achten. Außer ausreichend Wasser gebe es eigentlich nichts weiter zu beachten, so der Experte.
Neben der Trendwende hin zum Adventsbaum, der bereits Anfang Dezember in den Häusern steht, beobachtet Stefan Koch noch eine weitere Veränderung. Seit einigen Jahren sei die Nachfrage nach schmalen Nordmanntannen groß. Das habe mit den Wohnumständen zu tun, glaubt er. „Viele haben einfach nicht mehr so viel Platz im Wohnzimmer.“
Zwischen den Tannen in der Scheune herrscht in diesen Tagen fast durchgehend Betrieb. Bald kehrt auf der Plantage wieder Ruhe ein. Eine Weile jedenfalls. Für die Familie Koch aber endet die Arbeit aber nie ganz. Getreu dem Credo: Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. In jedem Baum stecken Jahre der Pflege und Geduld. Ein Stück Tradition, das sie in Frommern auch in der dritten Generation weiterführen.