A-cappella-Exzellenz: der Dresdner Kammerchor Foto: Kammerchor/s

Geschenktipps für Kurzentschlossene: Frieder Bernius, Hans-Christoph Rademann und Marcus Creed haben neue CDs mit Chormusik herausgebracht.

Stuttgart - Zwei CDs mit weihnachtlicher Chormusik von Michael Praetorius – und zwei völlig unterschiedliche Ergebnisse. Marcus Creed, bis 2020 Chefdirigent des SWR-Vokalensembles, hat sich noch vor dem Abschied von seinem Stuttgarter Chor intensiv mit Praetorius’ Choralmotetten-Sammlung „Musae Sioniae“ von 1607/09 beschäftigt und präsentiert nun bekannte Weihnachtslieder in unterschiedlichen Sätzen dieses Komponisten. Zu hören ist frühbarocke Chormusik in nachromantischem A-cappella-Vollklang, und wer noch nicht wusste, zu welcher Klangschönheit und zu welch hohen Verschmelzungsgraden das SWR-Vokalensemble in der 18 Jahre währenden Ära Creed gefunden hat, kann diese Qualitäten hier bestaunen. Creed nimmt zügige Tempi; er dirigiert, damit auch bei Praetorius’ bekanntestem Weihnachtslied-Satz „Es ist ein Ros’ entsprungen“ kein Hauch von Sentimentalität aufkommt, sogar mal über die Zeilenenden hinweg – schlüssig.

 

♫ Praetorius: Weihnachtskonzerte. SWR-Vokalensemble, Marcus Creed. SWR Classic

Rademanns Praetorius

Hans-Christoph Rademann und sein Dresdner Kammerchor machen auf ihrer Praetorius-CD von der Freiheit Gebrauch, die der Komponist seinen Interpreten einräumt, und rücken dessen weihnachtliche Chorsätze durch Vorspiele und instrumentale Begleitungen nah heran an die venezianische Mehrchörigkeit. Während Creed satztechnisch für Abwechslung sorgt, variiert Rademann die Besetzungen – bei ihm hört man „Es ist ein Ros’ entsprungen“ instrumental, mit Chor und Posaunen, mit solistischen Stimmen und Orgel, mit Chor a cappella. Dort Intimität, hier Pracht: Praetorius’ Werk besticht durch eine faszinierende Vielfalt des Ausdrucks.

♫ Praetorius: Chormusik zu Advent und Weihnachten. Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann. Accentus

Bernius’ Sänger faszinieren mit schwerelosen Vokallinien

Frieder Bernius’ Kammerchor Stuttgart (hier klein besetzt) bietet Chormusik vom Kompliziertesten: Olivier Messiaens’ „Cinq rechants“ von 1950 sind intonatorisch, rhythmisch und metrisch heikel – was man inmitten der hier oft fast schwerelos wirkenden Vokallinien aber nur in den Noten liest. Besser als diese 16 Sänger kann man diese Liebeslieder nicht singen. Man hört sogar einen Qualitätsunterschied zu der Kammerchor-Truppe, die auf dem Rest der CD zu hören ist – und das, obwohl auch diese früheren Aufnahmen von Clytus-Gottwald-Bearbeitungen exzellent gesungen werden. „Damit wir“, hat Michael Praetorius einmal geschrieben, „zu der Himmlischen Cantorey genugsam tüchtig gemacht werden: Lasst uns die Kunst lernen auf Erden, die wir im Himmel gebrauchen werden.“ Der Kammerchor ist dem Himmel ziemlich nah.

♫ Messiaen: Cinq rechants. Mahler: Ich bin der Welt abhanden gekommen u. a. Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius. Carus