Die Tänzerin Stella Covi gibt mit ihrem immersiven Tanz-Duo „Mycelic Motions“ ihr Stuttgart-Debüt. Im Interview erklärt sie, was Menschen und Künstler von Pilzen lernen können.
Die italienische Tänzerin und Choreografin Stella Covi stellt sich in Stuttgart mit dem Duo „Mycelic Motions“ vor. Ihr Blick in die Welt der Pilze will vor dem Hintergrund von Klimakollaps und Artensterben als immersives Tanzstück neue Formen von Gemeinschaft erkunden. Premiere ist an diesem Samstag im Heusteigtheater.
Frau Covi, was hat Sie zu Ihrem Tanzduo „Mycelic Motions“ inspiriert?
Ich war schon lange von Pilzen fasziniert. Zufällig bin ich auf das Buch „Let’s become fungal“ (Lasst uns pilzig werden) von Yasmine Ostendorf-Rodriguez gestoßen. Während der Lektüre ist bereits in meinem Kopf ein Projekt entstanden.
Ihr Titel spielt auf den unsichtbaren Teil von Pilzen im Boden an. Wie kann das im Tanz Form annehmen?
Mykorrhiza-Pilze sind unterirdische Netzwerke, die in symbiotischen Verbindungen mit ganzen Wäldern stehen. Dieses Streben nach Kollektivität und das damit verbundene Ausbreiten im Raum, aber auch die präzise Nachahmung von den Verteilungs- und Entscheidungsprozessen dieser Netzwerke waren für uns wichtige Anhaltspunkte beim Entwickeln einer choreografischen Sprache dafür. Myzelium gibt es aber auch an der Oberfläche, zum Beispiel bei Zersetzungsprozessen toter Organismen. Der Tod und das schleimig körperliche Danach, das Leben, das durch den Tod erst beginnt, stehen im Zentrum unserer Arbeit.
Was kann eine Tänzerin von Pilzen lernen – und was alle Nichttänzer?
Ein Individuum zu sein, ist prima, aber nichts kommt an die Möglichkeiten heran, die sich als Kollektiv ergeben. Wir sind immer schon nicht-nur-eins. Auch in unserem Tod wird die Vielzahl aus Organismen, aus denen wir uns zusammensetzen, wieder sichtbar. Pilze zeigen uns auf eine sanfte und wunderschöne Art, dass wir die Angst davor loslassen dürfen. Und für mich ist das erst der Anfang: Pilze geben so viele neue Perspektiven und Möglichkeiten, sich mit der Welt zu verbinden und wecken die Lust, niemals mit dem Lernen aufzuhören.
Ist Ihr Duo nur etwas für Pilz-Liebhaber?
Nein, man kann auch kommen, wenn man Pilze doof findet. Aber vielleicht geht man nach Hause und hat sich in ihre farbenfrohe und grenzenlose Welt verliebt. Es ist für alle, die einen Schritt in Richtung einer Welt machen wollen, die sie noch nicht kennen. Und für alle, die sich nach Verbindung mit dem Außen sehnen: zum Fremden, zum Schleimigen, zum Ekel, zum Köstlichen.
Sie geben mit „Mycelic Motions“ Ihr Stuttgart-Debüt. Was hat Sie 2022 hierhergebracht – und was hat Sie hier gehalten?
Als ich mich nach vier Jahren bei der Tanzkompanie des Stadttheaters Pforzheim entschieden habe, freiberuflich zu arbeiten, wollte ich in eine Stadt ziehen, die sowohl ein Fundament als auch einen fruchtbaren Boden für die Erkundung neuer künstlerischer Horizonte bietet. Stuttgart war die richtige Wahl: Eine Stadt mit Raum zum Wachsen und zugleich intim genug, um geerdet zu bleiben. Von Beginn an wurde ich von der freien Szene mit Wärme und Offenheit empfangen. Heute fühle ich mich als Teil einer starken und engagierten Gemeinschaft.
Und wie blicken Sie in die Zukunft?
Aus meiner Perspektive besitzt Stuttgart das Potenzial, ein noch stärkerer kultureller Knotenpunkt zu werden: eine Stadt, die Ressourcen und Räume bietet, in denen Kunst kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Unabhängig davon, wie viele Förderkürzungen wir erleben werden, wird die Freie Szene Stuttgart präsent und resilient bleiben. Deshalb ist Stuttgart zu einem zentralen Ort in meinem Leben geworden.
Wenn Pilze tanzen
Termin
Heusteigtheater Stuttgart, 21. und 22. Februar um jeweils 19.30 Uhr. Tickets gibt es unter https://www.stellacovi.com/services
Team
An der immersiven Tanzperformance sind neben Stella Covi als Tänzerin und Choreografin diese Künstlerinnen und Künstler beteiligt: Martina Gunkel (Tänzerin und Co-Creator), Yannick Schrot (Komponist und Music Performance), Florian Meerwein (Musiker), Laura Polster (Gebärdensprach-Performerin), Aurelia Orel (Stimme), Be Jeschke (Dramaturgie), Cina Dilber (Kostüm und Szenografie)