Fast 30 Jahre lang war das „Qing Shan“ in Tailfingen erste Wahl in Sachen chinesische Küche – jetzt hört Familie Hu auf und übergibt ihr Restaurant an die Nachfolger. Der bisherige Inhaber Hu Dizhen (links), seine Frau Winnie Lau und der kleine Sohn Hu Nio Lian ziehen nach Dubai, und Mutter Ye Wei Hua geht in den Ruhestand. Rechts im Bild steht Hu Diguang, der Bruder von Hu Dizhen. Foto: Kistner

29 Jahre lang war das „Qing Shan“ in Tailfingen Anlaufstelle für die Freunde gehobener fernöstlicher Küche. Doch jetzt hört Familie Hu auf; der Mittwoch ist der letzte Öffnungstag. Die Eltern gehen in den Ruhestand – und der Sohn nach Dubai.

1995 hatten Hu Airong und seine Frau Ye Wei Hua im Tailfinger AC-Park das „Qing Shan“, auf Deutsch „Grüner Berg“, eröffnet. Unter Freunden und Kennern der asiatischen Küche erwarb sich das Restaurant schnell den Ruf, ganz besondere, überdurchschnittliche Qualität zu bieten. Hu Airong, dessen Part der in der Küche war, hatte bestimmte Vorstellungen davon, wie gutes Essen entsteht, und dazu gehörten nach seiner Auffassung frische Zutaten – die Enten, auf die gut und gern zwei Drittel der Bestellungen entfielen, kamen frisch geschlachtet aus Bayern und wurden erst in Tailfingen ausgenommen und filetiert. Auch die Nudeln stellte Hu Airong persönlich her – bekanntlich sind sie weder eine schwäbische, noch eine italienische, sondern eine chinesische Erfindung, und Tradition verpflichtet.

 

Im Jahre 2017 schlug dem AC-Park das letzte Stündlein, und damit stand Familie Hu vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Hu Airong und Ye Wei Hua hatten über 20 Jahre lang ohne Ruhetag geschuftet und Sieben-Tage-Wochen hingenommen; jetzt ergab sich für sie die Möglichkeit, ein wenig kürzer zu treten – aufhören wollten sie freilich nicht; im Falle der beruflichen Vollbremsung, das wussten sie wohl, wäre ihnen die Decke auf den Kopf gefallen.

Weniger Plätze – aber eben doch nicht weniger Arbeit

Und so zog das „Qing Shan“ um, die Hechinger Straße hinauf ins Haus Nummer 61. Statt der bisherigen 100 Sitzplätze standen dort gerade mal zwei Dutzend zur Verfügung; in der gleichen Relation, so das Kalkül, würde nun auch die Arbeit zurückgehen. Ein Trugschluss: Das „Qing Shan“ hatte eine große Stammkundschaft, und die dachte gar nicht daran, zu wechseln – wer keinen Platz in der Gaststube fand, der aß halt zu Hause; der „To-Go-Anteil“ schoss in die Höhe.

Entlastung fanden Hu und Ye dennoch, allerdings nicht wegen des Umzugs, sondern weil sie ihren Sohn Hu Dizhen in die Firma holten. Der war zwar nicht in Vaters Küche in die Lehre gegangen, sondern bei Groz-Beckert, und hatte danach in Esslingen Maschinenbau studiert, aber erstens war abhängige Beschäftigung nicht ganz nach seinem Geschmack, und zweitens sind chinesische Familienbande stabiler als deutsche – der Ruf der Eltern ist keiner, den man ignorieren könnte. Und so wechselte Hu Dizhen vom Rechner an den Gasherd. Damit war das Personalproblem gelöst.

Der Fachkräftemangel trifftauch Chinarestaurants

Allerdings nicht auf Dauer. Fünf Jahre sind seit Hu Dizhens Eintritt vergangen; er ist mittlerweile Familienvater, und auch chinesische Väter sind heute stärker in Kindererziehung und -betreuung eingebunden als ehedem. Das „Qing Shan“ hat Personalprobleme; es bräuchte einen chinesischen Koch und einen Beikoch, die ihr Handwerk verstehen, und die sind in Albstadt halt Mangelware. Hinzu kommt, dass die Gründergeneration sich unaufhaltsam dem Ruhestandsalter nähert und nun selbst findet, dass drei Jahrzehnte Gastro genug sind – und dass sich dem Sohn ganz andere berufliche Perspektiven eröffnen: Ein Studienfreund von ihm ist nach Dubai gezogen und in der Immobilienbranche gut unterwegs. Er hat Hu junior gefragt, ob er nicht einsteigen wolle. Der will – zwar sind Immobilien Neuland für ihn, aber das stört seinen Kompagnon nicht: „Das passt zu dir, sagt er.“

Eine kulinarische Ära geht zu Ende

Und so wird Familie Hu nach 29 Jahren einen Schlussstrich ziehen. Auf der Suche nach Nachfolgern ist sie in Ulm fündig geworden; auch in Zukunft wird in der Hechinger Straße 61 chinesisch gekocht, womöglich sogar nach Hu Airongs Rezepten, die er den Nachfolgern bereitwillig zur Verfügung stellt – was sie damit anfangen, ist ihre Sache. Doch so oder so geht für die Tailfingen eine kulinarische Ära zu Ende.