Laut einer Mitgliederumfrage des Verbands der Chemischen Industrie BW plant fast jedes vierte Verbandsmitglied, Produktion ins Ausland zu verlagern. Foto: dpa/Arne Dedert

Die chemische und pharmazeutische Industrie in Baden-Württemberg fordert von der nächsten Landesregierung eine Allianz zur Stabilisierung in der Krise. Die Signale sind positiv.

„Alarmstufe Rot“ – dieses Signal sendet laut dem Verband der Chemischen Industrie Baden-Württemberg (VCI BW) die jüngste Mitgliederumfrage. „Der Pessimismus für den Heimatstandort sitzt tief“, sagt der Vorsitzende Thomas Reith. Mehr als die Hälfte der Unternehmen erwarteten für das Deutschlandgeschäft in den nächsten Jahren „bestenfalls Stagnation oder sogar eine Schrumpfung“ – wobei diese Industrie im Land schon das fünfte Jahr in Folge nicht vom Fleck kommt.

 

Der Umfrage zufolge haben mehr als 80 Prozent der Unternehmen schon Kostensenkungsprogramme eingeleitet – und fast jedes vierte Verbandsmitglied plant, Produktion ins Ausland zu verlagern oder hat bereits damit begonnen. „Das ist die beginnende Erosion unserer industriellen Basis“, warnt Reith. Dies gelte besonders für Baden-Württemberg – das Pharmaland Nummer eins in Deutschland, die Nummer zwei bei Forschung und Entwicklung sowie die Nummer drei bei Chemie im bundesweiten Vergleich. „Damit trifft uns die Krise besonders hart.“

„Ich sehe keinen Tabula-Rasa-Effekt“

Er sehe zwar nach wie vor Standortloyalität, sagt Reith. „Das sind oft Klein- und Mittelständler, da geht man nicht mal kurz ins Ausland.“ Doch sei eine Grenze erreicht. „Da gibt es Tendenzen, dass uns Firmen von der Fahne gehen – einige stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Nicht bestätigen mag er einen Vorwurf von Michael Vassiliadis – der Vorsitzende der Chemiegewerkschaft (IG BCE) hatte den Unternehmen jüngst in unserer Zeitung vorgehalten, dass sie „jetzt systematisch reinen Tisch machen“ – „die Leute sollen weg, die Köpfe sollen raus“. Er sehe den von Vassiliadis beschriebenen „Tabula-Rasa-Effekt“ nicht, widerspricht der VCI-BW-Chef – „dafür ist der Standort zu wertvoll“. Gemeint sind vor allem die sehr gut ausgebildeten Arbeitskräfte.

Für 2025 ergibt sich zwar noch ein Gesamtumsatzplus für Chemie und Pharma von 4,6 Prozent (27,2 Milliarden Euro), doch das komme „fast ausschließlich“ aus dem Exportgeschäft. Und nur der Zuwachs im Pharmabereich sorge dafür, „dass die Produktion in Summe nicht sinkt“.

Angesichts dieser Nöte stellen die Industrieverbände besondere Anforderungen an die künftige Landesregierung: Vorrangig soll sie einen Chemie- und Pharma-Pakt für Baden-Württemberg zur Sicherung des Standorts auf die Beine stellen. Er habe „klare Signale“ insbesondere vom Wirtschaftsministerium, von CDU und Grünen, dass man dazu bereit sei, sagt der Vorsitzende Reith. „Es wird anerkannt, dass es Schlüsselindustrien sind und dass es aus den Ländern heraus Unterstützung der Politik braucht – nicht nur von EU und Bundesebene.“

Nordrhein-Westfalen hat schon seit November einen solchen Chemie-Pakt mit Industrie und Gewerkschaften. Dort steht die grüne Wirtschaftsministerin in den eigenen Reihen aber unter Druck, weil Klimaschutzstandards aufgeweicht werden, wie kritisiert wird. Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hat Baden-Württemberg bereits zu einer offiziellen Chemie- und Pharmaallianz eingeladen – nicht zuletzt um Strategien zu koordinieren sowie um gegenüber Berlin und Brüssel gemeinsam mehr Druck auszuüben.

Nach der Wahl soll die Politik konkret werden

Hierzulande gibt es dazu noch keine Vereinbarungen. Die Chemieverbände gehen aber davon aus, dass die Absichtsbekundungen nach der Landtagswahl am 8. März praktische Politik werden. „Wir müssen beginnen, konkret zu werden“, mahnt Reith.

473 Unternehmen sind in den Verbänden der chemisch-pharmazeutischen Industrie im Südwesten organisiert. Pharma hat an der Gesamtzahl von 107 700 Beschäftigten mit 46 Prozent den weitaus größten Anteil aller Einzelbereiche. 2025 wurden in Summe ein Umsatz von fast 45 Milliarden Euro erzielt.

Entscheidet sich die Tarifrunde erst bei der dritten Verhandlung?

Fortsetzung
 Die bundesweiten Tarifverhandlungen für die 585 000 Beschäftigten in der chemischen Industrie gehen am 23. Februar in die zweite Runde. Das erste bundesweite Treffen zwischen der Chemiegewerkschaft (IG BCE) und dem Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) fand Anfang Februar statt. Es werde womöglich eine dritte Runde gebraucht, sagt der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Chemie Baden-Württemberg (AGV Chemie), Patrick Krauth. „Man muss sich die Zeit nehmen, die es braucht, um zukunftsfähige Lösungen zu finden.“ Offenbar wurde vorsorglich schon ein Termin für Ende März reserviert.

Lohnforderung
 Die Gewerkschaft verzichtet auf eine bezifferte Lohnforderung, um mehr Freiraum am Verhandlungstisch zu haben, zwischen Unternehmen in Nöten sowie in günstigen Situationen zu differenzieren. Dass sie zugleich auf einen Kaufkraftzuwachs über die Inflationsrate hinaus setzt, sieht Krauth skeptisch. Da gebe es „momentan keinen Spielraum“. Auch werde es keine „flächendeckende Jobgarantie per Tarifvertrag“ geben.