Eingeschlagene Fenster, verschmierte Wände, verwahrlostes Gelände, die Charlottenhöhe ist abbruchreif – wenn man nur den Besitzer aufspüren könnte. Foto: Bechtle

Zersplitterte Fenster, zugenagelte Türen, verwachsene Zugangswege, Einsturzgefahr! Daneben einige bewohnte Häuser, die über eine recht schlechte Zufahrt von der Bundesstraße 294 her erreichbar sind. Das ist alles, was von der ehemals respektablen "Volksheilstätte Charlottenhöhe" zwischen Calmbach und Schömberg übrig geblieben ist.

Bad Wildbad-Calmbach/Schömberg - Wer sich für seinen Fitness-Urlaub im Schwarzwald den Mittelweg wählt, hat 230 Kilometer von Pforzheim bis Waldshut vor sich. Bereits am ersten Tag führt ihn sein Wanderweg vom Nagoldtal über die Enz-Nagold-Platte ins Enztal. Zwischen Schömberg und Calmbach jedoch geht seine Wanderung an einer großen ehemals respektablen, jedoch inzwischen verfallenden Gebäudegruppe vorbei, der "Charlottenhöhe". Heute ein abbruchreifer Gebäudekomplex am Hengstberghang mitten im Wald mit Schildern, die den Zutritt verbieten.

1907 wurde die "Volksheilstätte Charlottenhöhe bei Calmbach" eröffnet, um Lungenkranke in der ozonreichen Luft zu heilen. Tuberkulose war damals verbreitet, vor allem in dicht bewohnten Gebieten, im Smog der Städte, nicht von Kraftfahrzeugen, sondern vom Rauch aus vielen Ofenheizungen und Industriebetrieben. Die Heilstätte wurde getragen vom "Verein für Volksheilstätten in Württemberg". Bereits einige Jahrzehnte vorher war in Schömberg ein "Luftkurhaus" eröffnet worden, in dem Lungenkranke und Tuberkulosepatienten mit Erfolg behandelt wurden. Aus der Jubiläumsschrift des Jahres 1932 ist zu entnehmen: "Der Bauaufwand (in den Jahren 1905-07) betrug 640.705 Mark und ging erheblich über den Voranschlag hinaus, was in der Hauptsache von den großen Erdbewegungen herrührte." Dies ist selbst heute noch ersichtlich.

Das Calwer Tagblatt berichtet zum 25-jährigen Bestehen über die Charlottenhöhe, dass "trotz Kriegs-, Krisen- und Notzeiten ohne einen Tag Unterbrechung" die Volksheilstätte Charlottenhöhe geöffnet blieb, und bis zu diesem Zeitpunkt rund 10.000 Patienten Linderung ihrer Leiden und Gesundung erfahren durften. Sogar ein eigenes Postamt hatte die Charlottenhöhe, das erst 1983 postalisch nach Schömberg verlegt wurde.

Erwin Dorn leitete die Charlottenhöhe von 1920 bis in die 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, führte die Behandlung von Kindern und Jugendlichen ein und gründete eine Arbeitsheilstätte, in der die Patienten entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigt wurden.

Sanatorium bis 1973

Da in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der Lungenkranken durch die Tb-Schutz-Impfung, vor allem bei Kindern, stark zurückging, wurde 1973 die inzwischen als "Sanatorium Charlottenhöhe" firmierende Lungenheilstätte geschlossen.

Die Gebäude wurden anschließend vom Berufsförderungswerk Schömberg genutzt, das dort bis 1994 Rehabilitanden aus gesundheitlichen Gründen in neue Berufsbereiche umschulte. Nach dem Ende dieser Nutzung wurde vergeblich versucht, den Gebäudekomplex als Seniorenwohnheim umzuwidmen, auch eine umfassende Maßnahme, dort eine Ayurveda-Kurklinik zu installieren, verlief erfolglos. Seither wurde die Charlottenhöhe, sie trägt den Namen der letzten württembergischen Königin Charlotte (1864 bis 1946), mehrfach verkauft und versteigert. Der letzte Eigentümer hat, wie seine Vorgänger, nichts an den Gebäuden verändert oder gar verbessert und ist zudem nicht erreichbar. Die Gemeinde Schömberg, auf deren Gemarkung sich die langsam verfallenden Gebäude befinden, die Privateigentum sind, sieht derzeit keine Möglichkeit, hier einzuschreiten.

Und der Schwarzwald-Wanderer steigt kopfschüttelnd ins Calmbachtal hinunter, um das Ziel seines ersten Wandertages zu erreichen.

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